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Buch: «Vier fürs Klima» Tschüss, hohe Kosten der Bequemlichkeit

Eine vierköpfige Familie aus Berlin unternahm ein Jahr lang den ökologischen Selbstversuch – und klopfte ihren Alltag auf seine klimapolitischen Kosten ab.

Ein Mann steht mit seiner Tochter vor einer Betonwand. Die Tochter sitzt auf seinen Schultern und zeichnet eine Erde auf die Wand.
Legende: «Vier fürs Klima. Wie unsere Familie versucht, CO2-neutral zu leben», heisst Petra Pinzlers und Günther Wessels Buch. Getty Images

Alles begann mit der zwölfjährigen Tochter. Franziska nahm im Unterricht den Klimabilanzrechner des WWF, Link öffnet in einem neuen Fenster durch. Zuhause vor dem Computer war sie schockiert über die Erkenntnis, dass auch ihre doch eigentlich so bewusste Familie gar nicht so wenig zum Klimawandel beitrug.

«Können wir es schaffen, uns zu ändern?», wollte dann auch der 16- jährige Sohn wissen. Wie geht Klimaretten ganz konkret?

Ein Jahr lang würden sie es probieren, beschloss die Familie nach der Heimkehr aus den Weihnachtsferien. Nachdem sie, in der Berliner Kälte angekommen, erst einmal im ausgekühlten Haus Heizungen und elektrischen Heizlüfter hochgejagt und gemütlich Pizza bestellt hatten. Ganz normal. Bald aber merkten sie, dass es für dieses «normal» mehrere Erden bräuchte, wenn alle so leben wollten.

Gefährliche Gewohnheiten

Das Haus auf LED-Lampen umzurüsten, Fenster abzudichten und keinen torfhaltigen Dünger für den Garten mehr zu kaufen, waren die kleinsten Übungen.

Schwierig wurde es bei den Themen, die den Alltag bestimmen, also: Ernährung und Mobilität. Wo kauft man täglich die fünf Äpfel, die in der Familie verzehrt werden? Muss man auf den Lieblingswein aus Griechenland oder Spanien wegen der weiten Transportwege verzichten? Und kann ein Urlaub, für den man aufs Fliegen verzichtet, trotzdem toll sein?

Die Streuobstwiese hat eine bessere Klimabilanz als jeder Ökoapfel, ergibt die Recherche. Beim Hausgriechen sinnen die Eheleute darüber nach, ob es beim Wein von weither nicht vor allem um das «Stück Griechenland» geht, das man sich in den grauen deutschen Alltag zu holen versucht?

Illusionen und Belohnungen

Denn es sind nicht nur Zahlen und Fakten, die kompetenter machen. Auch das Bewusstsein über das eigene innere «Betriebssystem» aus Illusionen und Belohnungen wächst stetig.

Allem voran das Auto steht für ein «diffuses Freiheitsversprechen», das mit dem realen, meist stumpfsinnigen Gebrauch für Kurzstrecken, die man genauso gut mit Rad oder Tram zurücklegen könnte, gar nichts zu tun hat.

Buchhinweis

Buchhinweis
Legende:Dirk Hasskarl

«Vier fürs Klima. Wie unsere Familie versucht, CO2-neutral zu leben»: Petra Pinzler und Günther Wessel, 2018, Droemer-Knaur Verlag.

Alternativen im Alltag

Gewohnheit und Bequemlichkeit hinterfragen. Nicht nur die Sommerferien bringen eine abenteuerliche Zeit auf einem französischen Campingplatz mit viel Sport und Naturerkundung. Sogar Weihnachten am Ende des Jahres bringt neue Erkenntnisse, wie man auch schenken, weniger verpacken und mehr damit meinen kann.

Ein Jahr als spannende Reise nach innen und aussen: durch die Themen und Gewohnheiten des Alltags, durch die Tricks und Verschleierungen der Politik und durch die vielen Formen von Selbstbetrug. Zur Nachahmung empfohlen!

CO2-neutral leben – so geht's

  • Das Fahrzeug zum «Stehzeug» zu verdammen, war eines der Hauptthemen im Ökojahr der Familie. Eine Reduzierung von 8000 statt 12'000 Kilometer hat geklappt – trotz Urlaubs- und Weihnachtsreisen und dank Erwerb eines grossen Fahrradanhängers für Einkäufe. Die Liste am Kühlschrank belegte, dass die Alltagsfahrten fast ausnahmslos dem Schweinehund Bequemlichkeit geschuldet sind: zu müde, zu kalt, bitte eine Ausnahme. Auto abschaffen, das ist die Grundstimmung am Jahresende.
  • Wer hätte gedacht, dass die bisher üblichen 12'000 Jahreskilometer denselben Klimaschaden verursachen wie das, was eine einzige Kuh im Jahr an Methangas in die Luft rülpst? Rindfleisch kommt nicht mehr auf den Tisch und auch weitere Kuhmilchprodukte wurden zurückgeschraubt. Einzig Wildschweinverzehr passt bestens zu den aktuellen klima- und tierhaltungsbezogenen Realitäten.
  • Welche Getränke sind ok? Völlig unterschätzt wird die hervorragende Qualität von Trinkwasser, mit der Wasser aus der Flasche selten mithalten kann. Klimapolitisch kann man vier Jahre lang täglich einen Liter Leitungswasser trinken – und hat soviel CO2 produziert wie mit einer Flasche aus dem Supermarkt.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Roger Stahn (jazz)
    «...und durch die vielen Formen von Selbstbetrug.» Hat man den Bezug zu seinem eigenen Innern verloren, dann kann man sich nur auf ein verfälschtes Selbst beziehen: auf das Image, das sich an bestimmten Verhalten und an Gefühlslagen orientiert, die der Umwelt gefallen. Das Bedürfnis und vielleicht auch der Zwang, ein solches Image aufrechtzuerhalten, bemächtigt sich all dessen, was die eigene Wahrnehmungen und die eigenen Gefühle und Mitgefühle hätten sein können.
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