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Bunker und Bombe Die hysterische Schweiz im Kalten Krieg

Die Schweiz rüstete sich zu Zeiten des Kalten Kriegs gegen den Kommunismus. Ein neues Buch von Historiker Thomas Buomberger zeigt, dass dies mitunter groteske Züge annahm.

Ein Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg.
Legende: Im Kalten Krieg baute die Schweiz Bunker – und wollten sogar eine Atombombe schaffen. Keystone
  • Während des Kalten Krieges fühlte die Schweiz sich durch die Sowjetunion bedroht.
  • Ein neues Buch zeigt, wie rabiat Militär und Politik gegen den Kommunismus aufrüsteten.
  • Im Geheimen bemühte sich die Schweiz sogar darum, eine Atombombe zu bauen.

Paranoia und das Gefühl einer permanenten militärischen Bedrohung: Das innenpolitische Klima der Schweiz zur Zeit des Kalten Kriegs war bleiern. Es war geprägt davon, dass sich mit den USA und der Sowjetunion zwei ideologische Blöcke unversöhnlich gegenüber standen – mit apokalyptischen Waffenarsenalen im Rücken.

Rabiater Antikommunismus

Der Schweizer Historiker Thomas Buomberger arbeitet diese Zeit in seinem umfangreichen, lehrreichen und gut lesbaren Werk «Die Schweiz im Kalten Krieg» auf. Das Buch macht den rabiaten Antikommunismus erfahrbar, der die Jahre zwischen 1945 und 1990 prägte.

Der Autor

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Legende:zvg

«Der kalte Krieg war in der Schweiz kälter», sagt Thomas Buomberger im Gespräch mit Radio SRF 4 News. Als Historiker befasste er sich u.a. auch mit der umstrittenen Sammlung Bührle und Schweizer Waffen im 1. Weltkrieg.

Wer links der bürgerlichen Mitte stand, musste aufpassen, nicht als Verharmloser der Sowjetunion zu gelten. Ansonsten war man verdächtig, und eine Fichierung nicht mehr weit.

Das Böse lauert im Osten

Der kommunistische Osten galt als das Böse schlechthin. Nachdem der Ungarnaufstand 1956 niedergeschlagen wurde, schien eine regelrechte Angstpsychose um sich zu greifen. Überall witterte man kommunistische Verschwörernester.

Besonders ins Fadenkreuz der Kommunisten-Hatz geriet die kommunistische Partei der Arbeit – mochte sie noch so klein und politisch völlig unbedeutend sein.

Allmacht der Bedrohungsszenarien

Buombergers Werk birgt einiges an Diskussionsstoff. Etwa was die militärische Bedrohungslage angeht. Zwar ist heute in Fachkreisen weitgehend unbestritten, dass die Sowjetunion zu keinem Zeitpunkt tatsächlich ernsthaft in Erwägung zog, den Westen zu überfallen und ihn dem kommunistischen Reich einzuverleiben. Der Preis wäre zu hoch gewesen.

In der damaligen Zeit kochte jedoch das Säbelrasseln zwischen den Supermächten regelmässig hoch. Wäre es damals also tatsächlich angezeigt gewesen, mit ähnlicher Gelassenheit davon auszugehen, dass es sowieso keinen Krieg geben würde – so wie es Buomberger aus der Rückschau tut? Zweifel sind erlaubt.

Eine Atombombe für die Schweiz

Buchhinweis

Thomas Buomberger: Die Schweiz im Kalten Krieg, 1945-1990, Verlag Hier und Jetzt, 2017.

Ein allemal grosser Verdienst dieses Geschichtsbuch ist es, dass es nachvollziehbar aufzeigt, wie sich das Denken vernebelte: durch die damaligen, aus heutiger Sicht übertriebenen Bedrohungsszenarien. Diese steigerten sich bisweilen in eine eigentliche Hysterie.

Davon zeugen etwa die Anstrengungen der Schweiz, eine eigene Atombombe zu bauen. Gemäss dem Buch von Thomas Buomberger gab es dazu einen geheimen Befehl aus dem Militärdepartement.

Wie – so fragt man sich – hätten die Schweizer Militärs denn in der dicht besiedelten Schweiz einen Atomkrieg führen wollen? Oder wäre die Bombe lediglich zur Abschreckung gedacht gewesen? Und wenn ja: mit welchen neuen Risiken?

Buchcover
Legende: Das Buch zeigt, wie die Schweiz sich mit Händen und Füssen schützte. Hier & Jetzt

Wie aus einer anderen Welt

Die Anstrengungen, mittels derer die helvetischen Behörden einen Atomkrieg überlebbar machen wollten, waren irrsinnig. Die Schilderungen davon muten geradezu an, als würden sie aus einer anderen Welt stammen.

Die Schweiz brachte es gar zu einem fragwürdigen Rekord: In keinem anderen Land der Welt standen am Schluss, gemessen an der Bevölkerung, so viele Luftschutzkeller wie in der Schweiz.

Typisch schweizerisch?

Mit enormer Akribie trafen die Verantwortlichen in Armee und Zivilschutz Vorbereitungen, um ein Ausharren unter Tage über lange Zeit zu ermöglichen. Selbst Anweisungen für Notentbindungen im Bunker gingen nicht vergessen.

Nach der Lektüre von Thomas Buombergers Buch bleibt das Bild einer Schweiz, die sich in den Jahrzehnten des Kalten Kriegs als wenig liberal und tolerant zeigte. Sie entfernte sich damit in besorgniserregendem Ausmass von Grundwerten, die man – damals wie heute – als «typisch schweizerisch» postulierte.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 16.6.17, 9:02 Uhr

21 Kommentare

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  • Kommentar von Erich Nussbaum (Erich Nussbaum)
    Russland hat eigentlich mehr Grund, sich zu fürchten. Es wurde in zwei Weltkriegen von Deutschland angegriffen, mit dem Ergebnis von über zwanzig Millionen Toten. Heute ist Deutschland wieder vereint und im Rahmen der "nuklearen Teilhabe" faktisch eine Atommacht. Wichtig wäre dass die USA einen Präsidenten hat, der sich seiner Verantwortung bewusst ist! Anstatt die Welt weiter aufzurüsten, sollte Entspannung, Abrüstung und Frieden das Ziel sein!
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  • Kommentar von Martin Vetterli (Vetterli)
    Die Bedrohung durch den Ostblock während des "Kalten Krieges" war durchaus real, es standen tausende von Panzern, Flugzeugen und anderes Militärgerät bereit für den Einsatz. In diesem Zusammenhang von Paranoia zu sprechen empfinde ich als groben Unfug. Es nähme mich wunder auf welche Quellen sich Herr Boumberger stützt. Die Bedrohung der westlichen Welt durch Machtgier und Ideologie im Osten war damals genau so real wie die Bedrohung heute durch IS-Terroristen in ganz Europa.
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    1. Antwort von Felice Limacher (Felimas)
      Ich glaube viel mehr, Herr Vetterli, dass es wirklich Paranoia ist, wenn sich ein neutrales Land wie die Schweiz aufrüstet, als ob es kein morgen geben würde. Das Mass der Aufrüstung ist völlig übertrieben und entbehrt jeder Grundlage. Abgesehen von dieser sinnlosen Geldverschwendung, sollte die Schweiz als gutes Beispiel voran gehen und ab- und nicht aufrüsten.
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  • Kommentar von Manuel Pestalozzi (M. Pestalozzi)
    Einmal mehr kann man sich bequem zurücklehnen, sich darüber mokieren, wie paranoid doch unsere Vorfahren waren, und Opferlegenden pflegen. Da sind wir heute natürlich viel vernünftiger und abgeklärter, gell? Antikommunismus war im Extrem wohl hysterisch, der Grund waren aber weniger kranke oder verkalkte Hirne als ein echtes Bedrohungsempfinden. Es wäre viel lehrreicher, diesen konkreten Bedrohungen die Aufmerksamkeit zu schenken, statt sattsam bekannten Täter/Opfer-Schemen herunterzubeten.
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