Caruso, Hendrix und Düsenjet: So tönt das 20. Jahrhundert

Historiker berücksichtigen für ihre Untersuchungen immer öfter auch akustische Zeugnisse. Der Historiker Gerhard Paul ist einer jener Wissenschaftler. Auf die Bitte, zehn wegweisende Tondokumente für das 20. Jahrhundert auszuwählen, hat er sich für folgende Töne entschieden.

Jimi Hendrix mit Gitarre Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gitarrist Jimi Hendrix steht für die Sound-Revolte der 1960er-Jahre. Imago/LFI

    • Enrico Caruso

      «Dieses Tonzeugnis ist ziemlich exakt hundert Jahre alt und steht als Beispiel für die erstmals in die Welt hinausgetragene Stimme eines einzelnen Menschen. Möglich gemacht hat das die Erfindung der Tonaufzeichnung mittels Grammofon, eine damals gänzlich neue, ja revolutionäre Technologie. Mit ihr wurde es erstmals möglich, eine Stimme von ihrem Erzeuger loszulösen und durch Raum und Zeit zu transportieren. In ihren Anfängen ist die Grammofontechnik zwar noch keine Massentechnik und war somit dem gehobenen Bürgertun vorbehalten, gleichwohl kündigt sich hier ein tiefgehender Kulturwandel an. War der klassische Musikgenuss vor der Jahrhundertwende noch jenen vorbehalten, die sich einen Konzertbesuch leisten konnten, begann mit Caruso auf Schellack das Zeitalter des massenhaften Vertriebs von Tonträgern. Das markiert einen wichtigen Schritt in Richtung Demokratisierung von gehobener Kultur. Caruso – eine grosse Stimme auch für den kleinen Mann von der Strasse.»

      3:18 min

    • Arthur Honegger

      «Der Komponist Arthur Honegger ziert nicht nur die Schweizer 20-Franken-Note, sondern ist auch der Verfasser eines einmaligen musikalischen Werks. In seinem Stück «Pacific 231» findet 1924 das Symbol der Industrialisierung schlechthin Eingang in die klassische Musik: die akustische Gestaltung einer Fahrt mit der Dampflokomotive. Das ist in gewisser Weise typisch für den Beginn der Moderne, das Eindringen der Maschine in das Paradies der Tonkunst. Komponisten wie Gustav Mahler oder Richard Strauss haben diese Tendenz zwar bereits im 19. Jahrhundert vorbereitet, Honegger aber bringt es zu Vollendung. Für das Konzertpublikum muss das ein absolut beindruckendes, wenn nicht gar überwältigendes Erlebnis gewesen sein. Zumal die Geräusche der Industrialisierung zu Arthur Honeggers Zeiten schon nicht mehr nur positiv gesehen wurden.»

      6:09 min

    • Live-Reportage aus Beromünster

      «Die Einführung des Radio, das in den 1920er-Jahren in Deutschland und in den 30er-Jahren in der Schweiz erstmal eine massenhafte Verbreitung gefunden hat, ist vergleichbar mit dem Siegeszug des Internets in der jüngsten Geschichte. Dank des Radios kommt die Welt erstmals ins Wohnzimmer. Früh schon wurden so historisch bedeutsame Ereignisse wie diese Aufrichtung eines Sendeturms in Beromünster, aber auch Sportereignisse oder ganze Symphonische Konzerte für jedermann hörbar. Im Gegensatz zum Abspielen eines Grammofons sind jetzt erstmals auch Livegeräusche zu hören. Damit ist eine massenwirksame Unmittelbarkeit erreicht, die es so noch nie gab. Ein Effekt, den sich auch politisch ambitionierte Gruppen wie etwa die Nationalsozialisten zu Nutze gemacht und ganz bewusst eingesetzt haben. Für viele war das Radio in seinen Anfängen übrigens eine durchaus fragwürdige Technik, nicht zuletzt für die Kirche. Nicht wenige Pastoren haben seinerzeit von der Kanzel herab davor gewarnt, diese Stimmen zu hören, von denen man nicht wisse, wo sie herkämen.»

      1:16 min

    • Joseph Goebbels und die Massen

      «Adolf Hitler und Joseph Goebbels haben selber in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder betont, dass die Lautsprecher- und Radiotechnik für sie wichtiger gewesen seien als beispielsweise der Film. Ohne Radio, sagte Hitler, hätten sie sicherlich die Macht nicht so schnell übernehmen können. Dabei ist wichtig zu wissen: Bis 1933 war den Nazis der Zugang zum damals noch privatrechtlich organisierten Rundfunk versagt. Diesen Zugang haben sie sich selbst mit ihrer Machtübernahme 1933 verschafft. Tatsächlich ist es so, dass noch bis Mitte der 1920er-Jahre es überhaupt nicht möglich gewesen ist, eine grössere Masse an Menschen – wie hier im Sportpalast 1943 – zu beschallen. Es gab ja nur die natürliche Stimme und die hatte ihre Grenzen. Hitler war der erste, der 1928 die neue Lautsprecher- und Mikrofontechnik für sich eingesetzt hat. Erst dadurch war es ihm überhaupt möglich, zu Massen zu sprechen und eine einheitliche Reaktion von Massen zu provozieren.»

      5:12 min

    • Bill Haleys «Rock Around the Clock»

      «Ein wunderbares Musikstück, das den amerikanischen Geist der 50er-Jahre höchst anschaulich vermittelt: ein Zeitgeist, der ja nach dem Zweiten Weltkrieg dank der Präsenz der Alliierten auch die Deutschen erfassen sollte. ‹Rock Around the Clock› ist ein Musikstück, das nicht nur das Ohr, sondern den ganzen Körper erreicht. Das Stück ist nicht zuletzt deshalb beeindruckend, weil darin alle Elemente enthalten sind, die später für die Beatmusik kennzeichnend sein sollten, also Elemente des Blues, des Swing, des Boogie Woogie usw. Auffällig ist vor allem der provokative Einsatz der elektrisch verstärkten Gitarre. Das war vollständig neu. Um die Tragweite dieser Provokation vollständig zu erfassen, müssen wir uns die musikalische Situation der Zeit vor Augen führen. Zumindest in Deutschland war bis dahin eher heimattümelnde Musik üblich und beliebt. Herz reimt sich auf Schmerz, die Seefahrt wird gefeiert, die Sehnsucht nach der Ferne… Und nun kommt Bill Haley und sagt: ‹Jetzt geben wir alles, und zwar ohne Wenn und Aber›. Die Reaktionen darauf waren enorm und führten zum Teil bis zur Massenhysterie. Ohne die Musik von Bill Haley wäre wohl der Siegeszug der Beatmusik in den 60er-Jahren, wären die Rolling Stones und die Beatles nicht denkbar.»

      2:12 min

    • Startender Düsenjet

      «Wir hören hier ein startendes Düsenflugzeug, das im Grunde für die dritte Lärmrevolution steht. Es gibt drei Lärmrevolutionen, die relativ dicht aufeinanderfolgen: Das ist die Revolution des 19. Jahrhunderts, das Eindringen der Dampfmaschine in unser Ohr; es ist die Jahrhundertwende mit der Erfindung des Grammofons und später der Entwicklung der Lautsprechertechnik. In den 1960er-Jahren schliesslich findet mit dem Düsenflugzeug die dritte Lärmrevolution statt, kurze Zeit später noch getoppt durch den Einsatz des Überschallflugzeugs. Diese Lärmrevolutionen haben – jede für sich – auch wieder Gegenreaktionen provoziert. Auf die Geräusche der Flugzeuge zum Beispiel reagieren die Schweiz und auch Deutschland Anfang der 70er-Jahre mit eigenen Lärmschutzgesetzen gegen Fluglärm. Das ist etwas vollständig Neues. Als Historiker wage ich die These, dass die 1960er-Jahre vermutlich das lauteste Jahrzehnt innerhalb der Menschheitsgeschichte war. Ab diesem Zeitpunkt gibt es kaum mehr einen Punkt auf dem Planeten, wo man nicht irgendwann das Geräusch eines Flugzeuges vernimmt.»

      1:14 min

    • Jimi Hendrix

      «Jimi Hendrix ist der König der Elektro-Gitarre und wurde von der Zeitschrift The Rolling Stone zum besten Gitarristen aller Zeiten gewählt. Tatsächlich benutzt Hendrix die elektrische Gitarre auf eine nie dagewesene Weise. Er benutzt sie als Instrument, das in der Lage ist, völlig neue Klangwelten wie Strassenlärm, Raketenstarts bis hin zum Bombenteppich zu simulieren. Dazu kommt die Art, wie er mit der Gitarre spielt. Er bearbeitet sie, beisst auf die Saiten, spielt mit der Zunge, spielt hinter dem Rücken, setzt Verzerrung und Rückkopplung ein. Dabei überstieg die Lautstärke bei einem Hendrix-Konzert zeitenweise die Dezibel-Stärke eines startenden Düsenflugzeugs. Hendrix steht für die Soundrevolte der 60er-Jahre, ohne die wohl auch die sozialen Bewegungen der Zeit nicht möglich gewesen wären.»

      3:17 min

    • Karl Heinz Stockhausen

      «Stockhausen quält seine Zuhörer mit diesem Stück. Und das mit voller Absicht. Stockhausen hat Jahrgang 1928. Er hat bittere Erfahrung in der Nazizeit machen müssen. Sein Vater ist als Soldat umgekommen, seine Mutter wurde 1941 in einer Euthanasieanstalt zu Tode gespritzt. Und nun benutzt Stockhausen die Musik jener Zeit, also z.B. das Deutschlandlied der SA, und macht daraus eine ganz neue Hymne. Er unterbricht und zerstückelt diese elektronisch erzeugte Musik, collagiert sie neu und baut zudem einen minutenlagen Sirenenton ein. Für die Generation von Stockhausen, die unter dem Bombenkrieg gelitten hat, ist dieser Sirenenton vermutlich das zentrale akustische Erlebnis überhaupt. Ein Eindruck, der sich nie wieder aus den Köpfen herausgelöst hat. Stockhausen integriert in diese neuartige Form der Musik Bruchstücke akustischer Erinnerung seiner Zeit. Dass er sich damit nicht nur Freunde gemacht hat, liegt auf der Hand.»

      6:27 min

    • Intro zu Sesamstrasse

      «Die Musik der Sesamstrasse in dieser amerikanischen Variante ist für mich ein Beispiel für die vielfältigen Möglichkeiten, mit Musik Menschen zu foltern. Dieses Intro zu ‹Sesame-Street› wird bis heute übersteuert eingespielt auf die Kopfhörer von Gefangenen in Guantamo. Seit Bestehen dieses Lagers werden dort Menschen mit Alltagsmusik gefoltert. Das geschah übrigens auch mit Saddam Hussein. Er wurde in den 14 Tagen vor seiner Hinrichtung Tag und Nacht mit Heavy Metal Musik beschallt. Musik als Foltermethode wird deshalb gerne eingesetzt, weil sie keine äusseren Spuren hinterlässt. Die Menschen werden verrückt, wenn sie nicht mehr abschalten können, wenn sie Tag und Nacht gezwungen werden, eine bestimmte Musik zu hören. Diese vordergründig harmlose Musik der Sesamstrasse steht also für eine Form von Menschenverachtung, wie es sie im ganzen 20. Jahrhundert gegeben hat.»

      2:23 min

    • Steve Reichs «WTC 9/11»

      «Das ist Musik, die aus dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 hervorging. Es ist eine Soundcollage von Steve Reich. Der Komponist Reich lebt in New York nur etwa vier Strassenzüge von dem Ort entfernt, wo die Word Trade Türme damals zusammengestürzt sind. Er hat hier in dieser Neuen Musik die Tonfolgen vermischt mit den Funksprüchen der Flugsicherung, mit Notrufen aus den entführten Flugzeugen, mit Statements, die er mit Freunden und Nachbarn geführt hat. Das ist für mich eines der bedrückendsten und beeindruckendsten Musikstücke des beginnenden 21. Jahrhunderts. Der Versuch also, dieses grosse Attentat, das wir erleben mussten, in musikalischer Form zu bearbeiten. Reich sagt selbst, dass es für ihn eine Form war, mit diesem Ereignis umzugehen. Hier wird also der Versuch unternommen, aus dem Elfenbeinturm der Musik auszubrechen und im Grunde genommen die Alltagsgeräusche, die wir hören – oder eben auch gerade nicht gehört haben – in die Musik zu integrieren.»

      3:39 min

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