Chinas Retortenstadt Ordos: «Eine megalomanische Absurdität»

Geplant war die Stadt Ordos als Oase: In der Wüste Gobi sollte es einer Million Menschen der chinesischen Mittelschicht an nichts mangeln. Jetzt fehlen die Menschen – dafür wohnen Hühner in Villen: Fotograf Raphael Olivier über das Leben in der Retortenstadt.

Raphael Olivier, was haben Sie in Ordos gesehen?

Was an Ordos interessant ist: Die westlichen Medien stellen die Stadt als Geisterstadt dar. Das stimmt so aber nicht ganz. Für die Chinesen befindet sich die Stadt weiterhin im Aufbau. Im Moment leben etwa 100‘000 Menschen im Zentrum von Ordos. Platz hätte es aber für zehnmal mehr. Ich habe eine Stadt angetroffen, in der es Leben gibt. Es gibt ein Geschäftsleben. Hotels und Banken. Wenn man das Zentrum aber verlässt, dann trifft man auf leere Gebäude. Hier kann man schon von einer Geisterstadt sprechen. Doch die Chinesen hoffen, dass sich die Stadt weiterentwickelt. Ob das gelingt, wird die Zukunft weisen.

Wird denn in der Stadt noch immer gebaut, oder steht die fixfertig bereit?

Die meisten Gebäude im Zentrum sind fertig gebaut. Der Zustand der Gebäude aber ist schlecht. Es wurde zu schnell, zu billig gebaut. Die Gebäude weisen Risse auf, Teile sind heruntergefallen. Aber daneben wird fleissig weitergebaut. Verlässt man das Zentrum, sieht man, wie Stadien, Museen und Spitäler entstehen. Die Idee dahinter: Je mehr wir bauen, desto attraktiver werden wir für die Bevölkerung im Umland. Anstelle eines funktionierenden Stadtzentrums bauen sie lieber weiter an den Stadträndern. Das ist eine sehr chinesische Logik. Wir schreiten nach vorne, blicken aber nicht zurück. Und entsprechend sieht es in der Stadt aus. Es wird investiert, die Arbeiter bauen. Leben tun ja hier vor allem lokale Parteiprominenz und Arbeiter.

Zusatzinhalt überspringen

Zur Person

Der Fotograf Raphael Olivier wurde in Paris geboren und lebt in Shanghai. Oliviers besonderes Interesse gilt den städtebaulichen Entwicklungen in China und Asien und dem Lifestyle in Mega-Metropolen.

Es gibt also doch Menschen, die in Ordos leben. Konnten Sie mit Einwohnern sprechen?

Ich konnte mit einigen Einwohnern sprechen, mit Arbeitern und Personen, die nach Ordos umgesiedelt worden sind. Sie sagen, sie haben Geld erhalten, damit sie hierherkommen. Sie sind eigentlich zufrieden mit ihrer Situation. Sie kommen aus sehr armen Verhältnissen, und wenn sie hier in Hochhäusern statt in schäbigen Wohnungen leben müssen, dann ist das für sie schon ein Fortschritt. Was sie heute haben, ist immer noch besser als das, was sie früher hatten. Und in der chinesischen Logik ist das ein Fortschritt.

Im Grossen und Ganzen ist Ordos aber doch eine Geisterstadt. Das ist schon eine sonderbare Vorstellung: Wie haben Sie denn die Atmosphäre erlebt?

Es ist doch sehr anders als in anderen chinesischen Städten. Es ist sehr ruhig, die Luft ist sauber, es gibt viele öffentliche Plätze. Die Menschen können sich auch kleine Gärten anlegen. China ist sonst sehr überbevölkert. Dieses Gefühl von einem grossen Freiraum ist doch sehr anders als in anderen chinesischen Städten. Diese Umgebung könnte sehr angenehm sein zum Leben. Leider ist das nicht so geplant, sondern die Folge eines städteplanerischen Misserfolgs.

Und wieso wollen die Menschen nicht nach Ordos ziehen?

Der Hauptgrund ist: Das Leben in Ordos ist zu teuer. Die Stadt wurde aus dem Nichts aufgebaut. Und das hat zur Folge, dass die Immobilienpreise sehr hoch sind. Ordos ist nach Shanghai denn auch die zweitteuerste Stadt Chinas. Der zweite Grund ist: Es gibt hier nichts zu tun. Die Regierung hat eine Stadt wie eine physische Hülle gebaut. Aber es gibt keine Dienstleistungen, keine Aktivitäten. Und das ist ein Versagen der chinesischen Regierung.

Ordos war auch ein Paradies für Architekten, insbesondere für Schweizer Architekten, die einen ganzen Stadtteil planen konnten. Haben Sie auch dieses Quartier besuchen können?

Ja, dieser Stadtteil heisst Ordos 1000. Das war ein Projekt von Herzog & de Meuron in Zusammenarbeit mit dem chinesischen Künstler Ai Weiwei. Nach Finanzskandalen wurde das Projekt aber abgebrochen. Und Ai Weiwei wurde wegen seiner politischen Aktivitäten zu Hausarrest verurteilt. Einige Villen wurden erstellt, etwa ein Dutzend. Die äussere Hülle steht zwar, aber innen wurde nichts zu Ende gebaut, und heute ist das eine verlassene Zone. Es gibt keine Menschen, der Sand hat einen Teil der Gebäude schon wieder zugedeckt. Es gibt Hühner, die hier frei herumlaufen. Sonst nichts. Eine postapokalyptische Umgebung.

Was hat denn Sie als Fotografen an diesen Projekten besonders fasziniert?

Visuell ist das alles sehr neu und eindrücklich. Ich fotografiere Architektur in China und in Asien. Das ist normalerweise Architektur, die ein Ziel verfolgt. Aber das hier ist ohne Zweck: eine megalomanische Absurdität, nur um zu zeigen, dass China erfolgreich ist. Aber das Projekt ist ein totaler Misserfolg. Moderne Architektur mitten in der Wüste, verlassen und ohne Leben, das sieht man selten. Dies visuell einzufangen, war spannend und auch lustig. Man kann einfach so in die verlassenen und unbewohnten Häuser reinspazieren, ohne Kontrolle. Und das war schon eine neue Erfahrung für mich.

Sendung zu diesem Artikel