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Vertrauen
Aus Kontext vom 07.07.2020.
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Corona und die Folgen Vertrauen ist gut, Verlässlichkeit reicht

Vor der Corona-Pandemie war oft die Rede von der Vertrauenskrise in Politik und Gesellschaft. Während der Krise war jedoch das Vertrauen in Regierungen vieler Demokratien gross. Wie lässt sich das erklären?

Der Psychologe und Psychoanalytiker Udo Rauchfleisch und der Philosoph Christian Budnik auf der Suche nach den tieferen Ursachen.

Christian Budnik

Christian Budnik

Philosoph

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Christian Budnik ist Gastprofessor für Philosophie an der Universität Wien. Er arbeitet an einem Buch über Vertrauensbeziehungen.

Udo Rauchfleisch

Udo Rauchfleisch

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Schweizer Klinischer Psychologe und Psychotherapeut der Fachrichtung. Udo Rauchfleisch war Professor für Klinische Psychologie. Seit seiner Emeritierung schreibt er Kriminalromane.

SRF: «Ohne jegliches Vertrauen könnte der Mensch morgens sein Bett nicht verlassen», sagte der deutsche Soziologe Niklas Luhmann in seinem viel zitierten Werk zum Vertrauen. Ist das so?

Christian Budnik: Auf den ersten Blick muss man Luhmann zustimmen. Ich glaube, wir könnten nicht normal leben, wenn wir nicht vertrauen würden.

Udo Rauchfleisch: Ich würde den Satz nicht so formulieren, sondern eher sagen: Ich hoffe, dass das ein guter Tag wird. Oder: Ich habe eine gewisse positive Einstellung mit Blick auf die Zukunft.

Wie steht es denn um die viel zitierte Vertrauenskrise in der Gesellschaft? Fake-News ist da ein Stichwort, hochrangige Politiker, die lügen. Stecken wir tatsächlich in einer Vertrauenskrise?

CB: Ich würde, ohne viel nachzudenken, mit «Ja» antworten. Allerdings wurden schon seit Jahrzehnten, wenn nicht sogar seit Jahrhunderten Vertrauenskrisen konstatiert. Vertrauenskrisen gehören zu unseren Gesellschaften und zur liberalen Demokratie dazu.

Es gibt laufend Vertrauenskrisen.

Aber auch ich denke, dass wir uns in einer Art Vertrauenskrise befinden. Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten und die Brexit-Entscheidung sind da sicher die beiden zentralen politischen Ereignisse.

UR: Es gibt laufend Vertrauenskrisen. Was sich vielleicht geändert hat, ist die Offensichtlichkeit. Fake-News und Dinge, die man eindeutig als Lügen identifizieren kann, machen die Sache noch brisanter.

CB: In der Philosophie unterscheidet man zwischen Vertrauen und Verlässlichkeit. Diese Unterscheidung hat die Konsequenz, dass wir nicht darauf angewiesen sind zu sagen, dass wir in einer liberalen Demokratie unseren Politikern und Politikerinnen vertrauen müssen. Es reicht, wenn wir uns auf sie verlassen können.

Solange ich sachliche Hinweise bekomme, ist mein Gefühl der Verlässlichkeit grösser.

Diese Unterscheidung hat einen grossen Vorteil. Sie hilft, populistischen Tendenzen entgegenzuwirken. Denn populistische Politiker operieren mit einem impliziten Vertrauensbegriff.

UR: Die populistischen Ansätze betonen die Emotionalität ganz stark, der sachliche Anteil fällt aber praktisch weg. Als Bürgerinnen und Abstimmende müssen wir darauf achten, was uns sachlich mitgeteilt wird.

Das war auch bei Corona immer die Frage. Solange ich sachliche Hinweise bekomme, ist mein Gefühl der Verlässlichkeit grösser. Ein kleines Stück davon ist dann der emotionale Anteil des Vertrauens.

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Vertrauen setzt Normalität voraus. Als aber Covid-19 auftauchte, war nicht mehr viel normal. Trotzdem vertrauten viele den Behörden und Politikerinnen. Weshalb?

UR: Ich würde hier nicht von Vertrauen sprechen, sondern sagen: Ich verlasse mich darauf, was Politiker sagen. Wir haben gesehen, dass ihre Empfehlungen sich mehr oder weniger bewährt haben. Erst danach kann ich tatsächlich Vertrauen entwickeln.

CB: Bei vielen Menschen hat in dieser Zeit ein Umdenken in Bezug auf Vertrauen und Verlässlichkeit stattgefunden. Wenn es um die eigene Gesundheit geht, steigt das Bedürfnis nach Verlässlichkeit und Sicherheit.

Die Gesellschaft ist gleich geblieben, wie sie es vor der Krise war.

Um nochmals auf Niklas Luhmann zurückzukommen. Er sagt, Vertrauen halte die Gesellschaft zusammen. Verdanken wir der Corona-Krise eine bessere Gesellschaft?

CB: Corona hat uns auf bestimmte Probleme hingewiesen, die nicht Corona-spezifisch sind, wie zum Beispiel auf die Klimakrise. Ich würde von pauschalen Urteilen, die die ganze Gesellschaft betreffen, eher abraten.

UR: Die Gesellschaft ist gleich geblieben, wie sie es vor der Krise war. Aber ich habe eine Hoffnung: Sie könnte sensibler geworden sein. Es wäre schön, das könnte sich auf die Klimasituation übertragen.

Das Gespräch führte Vanda Dürring.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 8.7.2020. 9:02 Uhr;

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