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Wirtschaft versus Gesundheit
Aus Kulturplatz vom 13.05.2020.
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Corona und Ethik Was ist ein Menschenleben wert?

Die Coronakrise wirft heikle Fragen auf. Allen voran: Was darf ein Menschenleben kosten? Und: Darf man Menschleben gegeneinander abwägen? Antworten aus philosophischer Sicht – inklusive Selbsttest.

Für Ärztinnen und Ärzte gehören diese Fragen zum Krisenalltag: Wem sollen sie helfen, wenn die Ressourcen begrenzt sind? Der jungen Mutter statt der alten Witwe? Haben wichtige Politiker Vorrang?

Beides sei diskriminierend, meint die «Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften». Weder das Alter eines Patienten noch seine gesellschaftliche Stellung darf eine Rolle spielen. Entscheidend sei, dass jene Patienten bevorzugt werden, die am meisten von einer Intensivbehandlung profitieren. Das sind in der Regel jüngere Menschen, aber nicht immer.

Die Hand eines alten Menschen, im Hintergrund unscharf eine Rettungssanitäterin.
Legende: Wenn das Gesundheitssystem überlastet ist, stellen sich plötzlich schwierige Fragen. Keystone / GAETAN BALLY

Zudem sollen möglichst viele Menschenleben gerettet werden. Wenn man fünf Menschenleben retten kann, einzig dadurch, dass man eine andere Person sterben lässt, dann soll man das tun. Aber stimmt das? Wie kann man solche Entscheide um Leben und Tod begründen?

Das Strassenbahn-Dilemma

Die Philosophie beschäftigt sich seit längerem mit solch heiklen Fragen. Berühmt geworden ist das moralische Dilemma der Strassenbahn, das sogenannte «Trolley Problem».

Stellen Sie sich vor, eine Strassenbahn kann nicht bremsen und rollt direkt auf fünf Gleisarbeiter zu. Nur Sie können den Tod der Arbeiter verhindern, nämlich indem Sie eine Weiche stellen und die Bahn umlenken. Doch auf dem anderen Gleis steht auch ein Arbeiter. Entweder also Sie tun nichts und fünf Menschen sterben, oder Sie stellen die Weiche und ein einzelner Mensch stirbt. Was ist moralisch geboten?

«Besser nur ein Toter als fünf»

Die meisten Menschen finden es richtig, die Weiche zu stellen. «Besser nur ein Toter als fünf», lautet die Begründung. Sie passt zur Ethik des «Utilitarismus». Diese bemisst den moralischen Wert einer Handlung allein daran, was für Folgen zu erwarten sind.

Für die Praxis heisst das: Handle so, dass das Glück der Betroffenen möglichst gross und das Leid möglichst klein sein wird. Das grösste Glück für die grösste Zahl – darin besteht das Ziel der Moral. Der gute Zweck heiligt jedes Mittel.

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Filosofix: Das Gedankenexperiment «Strassenbahn»
Aus Filosofix vom 22.12.2015.
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Die Sache mit dem dicken Mann

Doch was tun Sie, wenn Sie die fünf Arbeiter nur retten können, indem Sie einen sehr dicken Mann vor die Strassenbahn stossen? Hier zögern die allermeisten, obwohl auch hier gelten könnte: «Besser nur ein Toter als fünf». Warum also finden wir es falsch, den dicken Mann zu opfern?

Eine mögliche Antwort lautet: Wenn ich die Weiche stelle, nehme ich den Tod des einzelnen Gleisarbeiters lediglich in Kauf. Den dicken Mann dagegen werfe ich absichtlich in den Tod, um die fünf Arbeiter zu retten. Hier wird ein Mensch zum blossen Mittel zum Zweck gemacht. Das finden wir moralisch falsch.

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Menschenleben gegen Geld abwägen
Aus 10vor10 vom 04.05.2020.
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Die Würde jedes Menschen

Diese Einsicht verdanken wir dem Philosophen Immanuel Kant. Nach Kant hat jeder Mensch eine unveräusserliche Würde, einen Wert, «der keinen Preis hat». Das Leben eines Menschen darf nicht abgewogen werden, weder gegen andere Menschenleben, noch gegen Geld oder sonstige Güter.

Gemäss seiner «Pflichtenethik» gibt es Handlungen, die in sich schlecht sind, egal wie gut die Konsequenzen sind. Töten, Foltern und Stehlen gehören für Kant dazu. Diese Handlungen sind kategorisch falsch und können nicht durch Kosten-Nutzen-Rechnungen aufgewertet werden. Der gute Zweck heiligt also nicht jedes Mittel.

Eine Frage, zwei Antworten

In der Philosophie gibt es auf die Frage, ob man Menschenleben opfern und gegeneinander abwägen darf, also zwei gegensätzliche Antworten. Der Utilitarismus sagt: Ja, denn der Zweck heiligt die Mittel. Die Pflichtenethik dagegen meint: Nein, das verstösst gegen die Menschenwürde.

Die beiden Moraltheorien begegnen uns derzeit nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Politik, etwa wenn es um die Auswirkungen des Lockdowns und um geplante Lockerungen geht. Der Lockdown soll Risikogruppen vor Covid-19 schützen sowie das Gesundheitssystem vor dem Kollaps. Letztlich geht es also darum, Menschenleben zu retten. Aber zu welchem Preis?

Der Preis des Lockdowns

Pointierte Aussagen sorgten in den letzten Tagen für Empörung: «In der Schweiz gehen Milliarden von Franken verloren, damit es einige Hundert Tote weniger gibt», sagte der Investor Samih Sawiris in einem Interview (SonntagsZeitung, Abo, Link öffnet in einem neuen Fenster).

Selbst Ärzte verschliessen sich nicht der Frage, welchen Preis man für ein Leben bezahlen soll: 10 Millionen Franken koste ein gerettetes Leben derzeit in der Schweiz, schätzt der Arzt Antoine Chaix im Gespräch mit SRF, und meint: «Das ist schon sehr viel.»

Diese und andere Kritiker der Lockdown-Massnahmen werfen längerfristige Auswirkungen in die Waagschale: gigantische Kosten, Massenarbeitslosigkeit, eine wirtschaftliche Rezession, diverse psychische Leiden und mögliche soziale Unruhen.

«Prinzip der Doppelwirkung»

Sie halten die Massnahmen für unverhältnismässig und plädieren für eine schnelle Öffnung. Sie berufen sich dabei, meist ohne es zu wissen, auf das in der Philosophie umstrittene «Prinzip der Doppelwirkung».

Dieses besagt, dass bestimmte Handlungen moralisch zulässig sind, auch wenn sie moralisch schlechte, unbeabsichtigte Nebenfolgen haben, im schlimmsten Fall den Tod. Voraussetzung ist: Die guten Folgen müssen die schlechten überwiegen und es darf keine Alternative geben, den guten Effekt zu erzielen.

Wie aber soll man die diversen Auswirkungen des Lockdowns gegen Covid-19-Todesfälle abwägen? Wie viele Tote hätte es ohne Massnahmen gegeben? Und wie gravierend wären die wirtschaftlichen Folgen eines längeren Lockdowns? Wir wissen es nicht. Aber die Zeit drängt. Die Politik muss entscheiden. Jede Entscheidung aber bliebt riskant.

Das Risiko aus moralischer Sicht

Die sogenannte «Risikoethik» kennt unterschiedliche Strategien, um den Umgang mit Risiken zu beurteilen.

Das «Maximin-Prinzip» etwa fordert, diejenige Handlungsoption zu wählen, bei welcher der grösste mögliche Schaden am kleinsten ist.

Das «Bayes-Prinzip» schlägt vor, jeder möglichen Konsequenz eine Wahrscheinlichkeit und eine Bewertung zuzuordnen, beide miteinander zu multiplizieren und sich dann für diejenige Option zu entscheiden, welche die höchste Punktezahl hat.

Das «Zustimmungs-Prinzip» empfiehlt, es sollen diejenigen Personen entscheiden, welche von den Konsequenzen betroffen sind.

Patentrezepte für die Krise haben auch die Philosophen nicht. Aber wir sollten dennoch auf sie hören, denn sie haben lange und sorgfältig über die heiklen Fragen nachgedacht, die uns derzeit umtreiben.

Angesichts des dicken Nebels, in dem wir stochern, sollten wir uns die philosophische Tugend der Sorgfalt besonders zu Herzen nehmen. Denn jedes Leben, das wir verlieren, ist für immer verloren.

Sendung: SRF 1, Kulturplatz, 4.10.2020, 22:25 Uhr

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37 Kommentare

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  • Kommentar von Ulrich Zimmermann  (Crocc)
    Die Frage ist so unzulässig, wie eine Antwort. Menschlich vertretbar ist den Schaden so klein wie möglich zu halten. Medizin und Militär kennen die Triage, die die Ueberlebensfähigen vor den Schwerstverletzten versorgen. Auf die Covid-19 übertragen, hätte man bedenken müssen, dass 99 % überleben werden und dass man deren Lebengrundlagen auch schützen muss. Der Shut-down war ein unnötiger Eingriff in die Wirtschaft, Schule, Sozialleben und Freiheit. Schweden reagierte besser ohne Verbote.
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    1. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Zum Glück viel mehr als 99%. Die Fallsterblichkeit liegt nach der Heinsbergstudie um 0.37% herum, und mehr als 80% dürften sich nicht anstecken. Zudem wurde sie für Situationen gemessen, wo die Infizierten von der Pandemie überrascht worden waren. Nun, wo sich insbesondere die Risikogruppe schützen wird, sieht es noch einmal anders aus (das wird nicht mitbedacht bzw. nur das flächendeckende Social Distancing und die weiteren Lockdown-Massnahmen als probate Mittel überhaupt berücksichtigt).
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    2. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Schweden wird vorgeworfen, viel riskiert zu haben. Da es höchst unsicher ist, ob eine Impfung in absehbarer Zeit verfügbar ist, der Zeitfaktor aber eine entscheidende Rolle bei der Anwendung von Schutzmassnahmen spielen dürfte, scheint mir überhaupt nicht klar, wer auf der sicheren Seite ist. Der Zeitfaktor wird bei den Schutzmassnahmen einfach ausgeblendet, bei den Medikamenten hingegen für den eigenen Plan in Anspruch genommen, Tegnells Argumente ignoriert oder als darwinistisch diffamiert.
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  • Kommentar von Markus Burla  (Markusb)
    Warum glauben eigentlich so viele Leute, dass ohne Lockdown die Wirtschaft florieren würde? Es gibt doch in anderen Ländern auch Firmen, die dicht machen mussten, weil zu viele krank waren
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  • Kommentar von Bruno Mast  (Da-mast)
    Unser teuerstes Gesundheitssystem der Welt, welches wir kaum noch stemmen können,hat die potenziellen Coronaopfer im vorfeld produziert. Um die Masse von potenziellen Opfern zu schützen,wird einerseits die Gesamtbevölkerung in psychische-,andererseits die Wirtschaft in materielle Geiselhaft genommen. Von"oben"verordnet,aus Angst davor, wichtige Schritte zum Bevölkerungsschutz zu verpassen, wird massiv übers ziel hinausgeschossen. Dem einzelindividuum wird jegliche eigenverantwortung abgesprochen
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