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Der philosophische Blick auf den Wald
Aus Kultur-Aktualität vom 20.07.2020.
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Das Potenzial des Waldes «Die Wertschätzung des Waldes ist in Vergessenheit geraten»

In Zeiten der ökologischen Krise wird viel über unser Verhältnis zur Natur diskutiert. Dabei spielt der Wald eine wichtige Rolle. Im Zuge der Ökonomisierung der Welt sei uns Menschen die hohe Wertschätzung des Waldes abhandengekommen, sagt der Philosoph Christoph Quarch.

Christoph Quarch

Christoph Quarch

Philosoph

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Christoph Quarch ist Philosoph und Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm «Zu sein, zu leben, das ist genug: Warum wir Hölderlin brauchen» im Verlag legenda Q.

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SRF: Welche Beziehung haben wir Menschen zum Wald?

Christoph Quarch: Die Beziehung Mensch-Wald ist nur ein Sonderfall der Art und Weise, wie wir Menschen uns generell zur Welt verhalten.

Seit dem 18. Jahrhundert betrachten wir den Wald als Ressource, die wir uns nutzbar machen und ausbeuten können, also nach Massgabe dessen, was der Philosoph Max Horkheimer «instrumentelle Vernunft» genannt hat.

Der Wald erscheint eigentlich nur unter dem Gesichtspunkt seiner ökonomischen Verwertbarkeit.

Das heisst, wir konsumieren den Wald.

Ja. Und konsumieren heisst auch verbrauchen. Wohin das führt, sehen wir im weltweiten Massstab bei der grossflächigen Abholzung der Wälder.
Selbst da, wo die Tourismusindustrie den Wald entdeckt und vermarktet, in Gestalt von Waldbaden und dergleichen, erscheint der Wald eigentlich nur unter dem Gesichtspunkt seiner ökonomischen Verwertbarkeit.

Er erscheint nicht als eine eigenständige Realität, die auch ihre eigene Wertigkeit und Würde hat. Dieses Bewusstsein ist uns im Zuge der Ökonomisierung der Welt weitgehend abhandengekommen.

Wie war die Beziehung Mensch-Wald früher?

Wenn wir zurückblicken in die Welt des Mythos, sei es in der griechischen oder auch in der nordischen Mythologie, erscheint der Wald fast durchgängig als ein Ort des Heiligen, als eine Art Anderswelt, in der Menschen existenzielle Erfahrungen machen und Wesen begegnen können, die ihnen sonst nicht geläufig sind.

Der Wald wird dementsprechend verehrt. Diese sehr hohe Wertschätzung des Waldes ist im Zuge der Geschichte weitgehend in Vergessenheit geraten.

Natürlich ist die Zerstörung der Wälder schlecht. Trotzdem: Schlussendlich war es auch wichtig für die Entwicklung der Menschheit.

Gerade deswegen ist es mir so wichtig, dass wir den Bezug zum Dunkel des Waldes, zu dieser Anderswelt, bewahren. Denn der Wald – das wussten die alten Völker sehr genau – ist auch immer ein Ort des Potenzials.

In den Geschichten des Mittelalters mussten die Helden bis hin zu Shakespeares Sommernachtstraum in den Wald gehen und kamen transformiert, modifiziert, gereift aus dem Wald wieder zurück.

Wenn ich mich für die Rückbesinnung an diese Anderswelt starkmache, dann nicht in Form einer Fundamentalkritik gegen die Aufklärung, sondern als Erinnerung daran, dass menschliches Leben eben beiden Pole braucht: Einerseits die aufgeklärte, rationale Welt der Zivilisation und auf der anderen Seite diese im Halbdunkel liegende Welt des Waldes, die die Potenziale für Veränderung und einen Aufbruch in die Zukunft in sich trägt.

Der Wald beeinflusst unser Denken …

Die Wildnis ist immer auch eine psychische Qualität. Deshalb eignet sich der Wald in der Literatur so gut als Metapher. Wir haben nun aber nicht nur im physischen Raum die Wälder immer mehr zurückgedrängt. Das Gleiche gilt für die wilden, nicht zivilisierten Anteile der menschlichen Psyche. Auch diese Anteile sind durch die zivilisierte organisierte Lebensform der Gegenwart gleichsam reduziert oder verschattet worden.

Der Wald könnte als Symbol für die verschatteten und verdrängten Aspekte unseres Seins stehen.

Wenn wir die Beziehung zum Wald letztlich auch als einen Teil unserer eigenen menschlichen Lebenswirklichkeit begreifen, dann würde der Wald als Symbol für diese verschatteten und verdrängten Aspekte unseres Seins stehen, die aber für eine voll entfaltete Lebendigkeit des Menschen von allergrösster Bedeutung sind.

Das heisst, wenn wir den Wald abholzen, dann entfremden wir uns eigentlich von uns selbst?

Exakt. Wir vernichten im Prinzip eine Dimension unserer Lebendigkeit, die wir brauchen, um den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein.

Das Gespräch führte Igor Basic.

Kultur aktuell, Radio SRF 2 Kultur, 20.7.20, 7.20 Uhr;

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