«Dead Man Walking»: eine Nonne kämpft gegen die Todesstrafe

Die amerikanische Ordensfrau Helen Prejean gilt als weltweit prominentestes Sprachrohr gegen die Todesstrafe. Durch den Film «Dead Man Walking» erlangte sie Prominenten-Status. Mit 74 Jahren jettet die Nonne noch heute von Auftritt zu Auftritt. Ihre Reden füllen Kirchen, Synagogen und Gemeindesäle.

Nonne Helen Prejean. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kämpft nach wie vor gegen die Todestrafe: die Nonne Helen Prejean, hier an einem Kongress in Genf, 2010. Keystone

Ihre Fans feiern sie wie einen Rockstar. Mit ihren Geschichten gegen die Todesstrafe zieht die Ordensfrau Helen Prejean ihr Publikum im Nu in den Bann. Als Südstaaten-Pflanze hat sie die Kunst des Erzählens sozusagen in den Genen. Sie tut es beherzt, glaubwürdig und ohne zu moralisieren.

Seit sie in der Nacht vom 5. April 1984 erstmals Zeugin einer Hinrichtung geworden ist, fühlt sie sich den Menschen im Todestrakt – und ihren Opfern gleichermassen verpflichtet. «Letztlich ist die Todesstrafe doch ein einziger Akt der Verzweiflung», gibt die Nonne zu bedenken. «Denn im Grunde sagen wir: Das einzige, was wir als Gesellschaft tun können, ist die Täter zu imitieren und ihnen dasselbe zuzufügen, was sie ihren Opfern angetan haben. Und damit wollen wir eine gewaltfreie Gesellschaft erreichen? Wenn wir unsere Gesellschaft sicherer machen wollen», so ist Schwester Helen überzeugt, «dann müssen wir Gerechtigkeit schaffen.»

Eigentlich hätte Helen Prejean ein ganz gediegenes, unbeschwertes Mittelstandsleben haben können, in einem Vorort von Louisiana, wo sie aufgewachsen ist. Was sie stattdessen bewogen hat, Nonne zu werden? Die Möglichkeit, Zeit zum Nachdenken und Studieren zu bekommen und «auch mit dem mystischen Teil des Daseins in Verbindung zu sein.»

Die Scheuklappen der Herkunft

1980 erlebte die junge Ordensfrau eine Zäsur, die ihr ganzes weiteres Leben prägen sollte. «Es war eine religiöse Erweckung in eine tiefere Ebene des Evangeliums», erklärt sie. «Bis dahin dachte ich, im Christentum ginge es um Mildtätigkeit. Den Aspekt der Gerechtigkeit hatte ich nicht begriffen». Das lag, so die 74-Jährige rückblickend, auch an ihrer Herkunft.

Sie war in einem weissen, privilegierten Umfeld aufgewachsen. Schwarze kannte die kleine Helen nur als Bedienstete und mit Vornamen. Ihre Eltern waren zwar stets freundlich zu den Hausangestellten. Aber Helen Prejean stellte die damaligen Rassengesetze nie infrage. Sie wunderte sich auch nicht, weshalb Schwarze nur im hinteren Teil der Busse fahren durften. Oder in der Kirche bloss in einem abgesonderten Teil zugelassen waren. «Gesellschaftliche Prägung setzt Scheuklappen auf», sagt die Nonne rückblickend, «und ich war Teil davon.»

Gelebtes Christentum

Das änderte sich, als Schwester Helen 1980 in einer Rede hörte: «Jesus bedeutet Gerechtigkeit. Jesus war stets auf der Seite der Randständigen, jener Menschen, die von der Gesellschaft geschmäht und verachtet wurden.» Die junge Ordensfrau zog ins Zentrum von New Orleans, in ein Wohnprojekt für afro-amerikanische Familien. Zu Menschen, die täglich mit der Armut kämpften, mit Rassismus und der Polizei. Die Kinder besuchten öffentliche Schulen, die so miserabel waren, dass sie ein Jahr vor dem High-School-Abschluss noch nicht einmal den Lesestoff der dritten Klasse beherrschten. «Diese Kinder hatten keinerlei Chancen», erzählt Schwester Helen, die ihre Ausbildung in besten katholischen Schulen genossen hatte.

«Dead Man Walking»

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Buchhinweis

Sister Helen Prejean: «Dead Man Walking. Sein letzter Gang». Goldmann, 1996.

Die Folgejahre ihrer Biografie beschreibt ihr Erlebnisbericht «Dead Man Walking». Ein Buch über ihre spirituelle Begleitung eines zum Tod Verurteilten während zweieinhalb Jahren. Eine Lektüre, die einen mitten ins Herz trifft und umtreibt. Denn wer sich darauf einlässt, pendelt ständig zwischen Opfer und Täter, Mitleid und Abscheu, Trauer und Wut. Das Wechselbad der Gefühle ist durchaus gewollt. Schwester Helen möchte die Lesenden auf Emotions- und Wahrnehmungsebenen führen, auf denen sie offen werden für tiefere Empfindungen und Erkenntnisse.

Doch Schwester Helen erzählt in ihren Vorträgen nicht nur von Todeskandidaten, von denen sie bislang sechs bis zu ihrer Exekution begleitet hat. Sie berichtet auch von den Familien der Opfer – und jener der Täter. Zum Beispiel von Bud Welch, dessen Tochter beim Bombenanschlag von Oklahoma City umgekommen ist und der gelegentlich zusammen mit Helen Prejean auftritt.

Selbst wenn er bei der Hinrichtung des Bombenlegers zusehen würde: «Wenn ich nach Hause komme, ist der Stuhl, auf dem meine Tochter Julie Marie sass, immer noch leer», sagte er einmal. Aber Bud Welch ging in seinen Gedanken noch einen Schritt weiter. Er überlegte sich, wie sich wohl der Vater von Bombenleger Timothy Mc Veigh fühlen muss, der nicht von seinem Sohn erzählen kann und der nicht einmal will, dass man ihn kennt. Bud Welch, berichtet Schwester Helen, ging Vater Mc Veigh besuchen: «Und da standen die beiden Männer, im Rosengarten, umarmten sich – und weinten beide.» Und Bud Welch sagte: «Mc Veigh, ich möchte Ihren Sohn nicht sterben sehen.»

Grosserfolg – auch ohne Hollywood

Helen Prejeans Buch «Dead Man Walking» stand nach Erscheinen 1993 über ein Jahr lang auf allen Bestseller-Listen der USA. Diesen Sommer, zum 20-Jahr-Jubiläum, wurde das Buch in Englisch neu aufgelegt. Eine seltene Ehre in Zeiten des viel beklagten Leserschwunds und Verlagssterbens. Und der gleichnamige Film, der die Debatte um die Todesstrafe weit über das amerikanische Kinopublikum hinausgetragen hat? In Hollywood erkannte man das Potenzial des Themas nicht. «Kein Happy End. Noch nicht mal eine Romanze!», beschied man Tim Robbins, als er mit seinem Filmskript die Studios abklapperte. «Wenn Sie das Ganze ein bisschen aufpeppen würden zwischen der Nonne und dem Häftling, dann könnte daraus etwas werden», beschied man dem Regisseur.

Regisseur Robbins lehnte ab: «Das geht tiefer als ein Ding zwischen einem Häftling und einer Nonne». Der Grosserfolg mit Susan Sarandon und Sean Penn in den Hauptrollen, gab ihm recht. - Der Film hat übrigens auch nach 20 Jahren kein bisschen Staub angesetzt. Und ebenso wenig Helen Prejeans Buch.

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