Den Grauen Star erforschen – mit Monet, Degas und Pissaro

Die Wissenschaftlerin Barbara Pierscionek hat ihr Hobby – die Liebe zur Kunst – zum Beruf gemacht: Sie analysiert Gemälde berühmter augenkranker Maler und untersucht, wie sie die Welt wahrnahmen. Die Resultate geben Aufschluss darüber, wie augenkranke Menschen ihre Umfeld gestalten sollten.

Ein am Grauen Star erkranktes Auge. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Beim Grauen Star trübt sich die Linse, die Kontraste verlieren an Schärfe und die Farbwahrnehmung verändert sich. Getty Images

Manche Künstler ereilte in ihren späten Jahren ein ungnädiges Schicksal: Es verliess sie ausgerechnet jener Sinn, den sie zum Komponieren oder Malen dringlich brauchten. Als Ludwig van Beethoven seine 9. Sinfonie schrieb, war er nahezu taub. Und mancher Maler verlor allmählich sein Augenlicht – und schuf dennoch wahre Meisterwerke.

Claude Monet litt am Grauen Star

Brücke über Seerosenteich. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Monets Wasserlilien und die Japanische Brücke, 1899. wikimedia

«Das bekannteste Beispiel ist der Impressionist Claude Monet», sagt Barbara Pierscionek, Professorin an der Kingston Universität in London. «Im Alter litt er am Grauen Star, was man seinem Spätwerk deutlich ansieht.»

Beim Grauen Star trübt sich die Linse mit der Zeit. Dadurch verschwimmen die Bilder immer mehr, die Kontraste verlieren an Schärfe, die Farbwahrnehmung verändert sich. «Ich nahm die Farben nicht mehr mit der selben Intensität wahr», klagte Monet 1918 in einem Brief. «Die Rottöne erschienen trübe, das Rosa fade, und viele Zwischentöne konnte ich überhaupt nicht mehr erkennen.»

Rot- und Brauntöne dominieren die späten Werke

Braun-Oranges Bild, Brücke und Teich sind vage erkennbar. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Monets «Japanische Brücke», 1919. wikimedia

Das Handicap schlug massiv auf Monets Malstil. Besonders deutlich wird das bei den Bildern der japanischen Brücke aus seinem Garten, die ihm über Jahre als Motiv diente. «Die Bilder aus den jüngeren Jahren sind klar und frisch, mit deutlich erkennbaren Kontrasten», beschreibt Pierscionek. Doch als sich der Graue Star verschlimmerte, verschwammen die Formen. Und Monet verwendete fast nur noch Rot- und Brauntöne, weil er andere Farben kaum noch sehen konnte.

Impressionisten eignen sich gut für die Analyse

Diese tragische Entwicklung macht sich Pierscionek nun auf besondere Art zunutze. Sie analysiert die Gemälde detailliert per Computer und kann dadurch besser verstehen, wie Menschen mit Grauem Star die Welt wahrnehmen. Mit diesem Wissen – so die Hoffnung – lässt sich die Umgebung eines Sehbehinderten so gestalten, dass er sich möglichst gut darin zurechtfindet.

Bei ihren Analysen hat die Expertin nicht nur Monets Werke unter die Lupe genommen, sondern auch die von anderen augenkranken Malern – Edgar Degas, Mary Cassatt und Camille Pissarro. «Die Werke der Impressionisten sind besonders für meine Forschung geeignet, weil sie sich stark auf das Licht und die Farben einliessen», erläutert Pierscionek. «Damit konnte ich anhand der Bilder besonders klare Rückschlüsse auf den Zustand ihrer Augen ziehen.»

Erkenntnisse, worauf Sehbehinderte achten müssen

So fand die Britin heraus, welche Farben durch den Grauen Star besonders stark absorbiert werden und wie die Krankheit die Wahrnehmung der Formen verändert. «Daraus können wir schliessen, worauf man in der Wohnung eines Sehbehinderten achten muss.» Hat jemand Probleme mit einer direkten Beleuchtung, sollte man sie ändern. Hat er Schwierigkeiten mit dem Kontrast, sollte man dafür sorgen, dass keine scharfe Schatten da sind.

Wie eine optimale Wohnung für einen Sehbehinderten aussieht, welche Beleuchtung und welche Möbel am besten sind – das kann die Forscherin konkret in ihrem Labor testen. Dort nämlich ist eine komplette Modellwohnung aufgebaut.