Als der Dampfer in die Tiefe sank – ein Augenzeugenbericht

1914 läuft ein Passagierdampfer auf eine Mine. 147 Menschen sterben. Der Passagier Hermann Pfeiffer überlebt – und verfasst einen Bericht, der nun von seiner Enkelin erstmals veröffentlicht wurde. Er zeigt packend die Absurdität des Ersten Weltkrieges an einem Einzelschicksal auf.

Schwarz-weiss-Aufnahme des Passagierdampfers «Baron Gautsch». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Passagierdampfer «Baron Gautsch» gehörte zur dalmatinischen Eillinie. Er lief in der Adria auf eine Mine und sank. WIKIMEDIA

13. August 1914: Das österreichische Passagierschiff «Baron Gautsch» läuft vor der kroatischen Küste auf eine Mine. An Bord des von Montenegro nach Triest verkehrenden Schiffs sind über 400 Menschen. Unter ihnen sind viele Touristinnen und Touristen, welche den Sommer im damals zu Österreich-Ungarn gehörenden nördlichen Balkan verbracht haben. 147 verlieren beim Unglück ihr Leben.

Die Zeitumstände der Katastrophe sind dramatisch: Zwei Wochen vorher ist der Erste Weltkrieg ausgebrochen. Viele der Passagiere sind Österreicher, die ihren Urlaub vorzeitig abgebrochen haben, weil sie an die Front müssen.

Zeugnis ablegen vor dem Sohn

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Buchhinweis

Hermann Pfeiffer: «Halte Dich dicht an mich und eile! Der Untergang der Baron Gautsch.» Braumüller, 2014.

So auch der Grazer Arzt Hermann Pfeiffer, der mit seiner Frau Grete und seinem dreijährigen Sohn Ernst an Bord der «Baron Gautsch» weilt, als die Mine explodiert und das Schiff in die Tiefe reisst. Pfeiffer kann sich und seinen Sohn retten, nicht aber seine Frau.

Wieder an Land verfasst Pfeiffer in Erwartung der baldigen Einberufung einen handschriftlichen Bericht zuhanden seines Sohns. Falls er nicht aus dem Krieg heimkehrt, so Pfeiffers Motiv, soll sein Sohn dereinst den genauen Hergang des tödlichen Ereignisses nachlesen können.

Die private «Urkatastrophe»

Der Bericht, den Hermann Pfeiffer hastig in zwei Schulhefte schreibt, ist ein bewegendes Zeugnis der tiefen Liebe zu seiner Frau und der zärtlichen Fürsorge für seinen Sohn. Auch wirft das in einer eindringlichen Sprache verfasste Dokument einen Blick auf die damaligen Zeitumstände – etwa die im August 1914 weit verbreitete Begeisterung für den Krieg.

Pfeiffers Schilderung zeigt die ungeheure Brutalität auf, mit welcher der Krieg in einem Nu privates Glück zerstören kann. Damit ist der Pfeiffer-Bericht auch ein Sinnbild für die sich millionenfach wiederholenden menschlichen Tragödien, die sich vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs, der «Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts», abspielten.

Hundert Jahre unter Verschluss

Hermann Pfeiffer überlebt den Krieg. Er stirbt 1929. Sein Sohn Ernst hütet den Bericht des Vaters wie einen Schatz. Kaum jemand ausserhalb der Familie weiss von ihm. Er scheint zu intim, als dass er einem weiteren Leserkreis zugänglich gemacht werden könnte.

Ernst Pfeiffers 1959 geborene Tochter Ingrid Pfeiffer erinnert sich, dass der Bericht in ihrer Kindheit «immer da war», aber dass man ausserhalb der nächsten Verwandtschaft kaum je darüber gesprochen habe. Sie habe jedoch bereits als Teenager mit grossem Interesse in den Schulheften gelesen, sagt sie. «Ich fühlte beim Lesen eine tiefe Verbundenheit mit meinem Grossvater, den ich nie gekannt habe.»

Veröffentlichen, um zu teilen

Ingrid Pfeiffer hat sich nun entschlossen, den Bericht 100 Jahre nach dessen Niederschrift als Buch zu veröffentlichen.

Dieser Entscheid sei ihr nicht leicht gefallen, erklärt sie. «Ich wollte dieses ergreifende Dokument nicht länger für mich behalten», sagt sie, «ich wollte es auch anderen Menschen zugänglich machen.»

Seit der Veröffentlichung habe sie zahlreiche Zuschriften von Leserinnen und Lesern erhalten, erzählt sie. Unbekannte Menschen hätten ihr ihre Leseeindrücke geschildert. «Dabei spürte ich eine allgemein menschliche Verbundenheit, die mich meinem Grossvater und meinem Vater noch näher gebracht hat.»

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