Als der Krieg die Schweiz spaltete

Die neutrale Schweiz blieb zwar vom Ersten Weltkrieg verschont. Er verursachte jedoch gewaltige Spannungen zwischen der Romandie und der Deutschschweiz – und stellte das Land vor eine gefährliche Zerreissprobe.

Ein gemaltes Bild zeigt einen abstrakt gezeichneten Soldaten mit verschränkten Armen vor einem roten Hintergrund mit Schweizerkreuz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Soldaten verteidigen im Ersten Weltkrieg die Schweiz, doch gegen die innenpolitische Krise können sie wenig ausrichten. Historisches Lexikon der Schweiz

Anfang August 1914: der Erste Weltkrieg bricht aus. Der Schweizer Bundesrat beruft sich auf die Neutralität. Er erlässt die allgemeine Mobilmachung. 220‘000 Mann rücken ein, um die Grenzen zu schützen.

Im Innern des Landes jedoch brodelt es: Die Menschen in der Romandie fühlen sich mehrheitlich zur Entente-Macht Frankreich hingezogen. In der Deutschschweiz hingegen gelten die Sympathien mehrheitlich den Mittelmächten Österreich-Ungarn. Und vor allem dem deutschen Kaiserreich.

Schlagabtausch und Polemik in der Presse

Eine einer Jasskarte nachempfunde Zeichnung mit zwei Herren, wobei der eine eine Flasche Wein und der andere ein Glas Bier in der Hand hält. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Schweiz, zwei Seiten: Eine «Nebelspalter»-Karikatur von 1917. Nebelspalter Verlag/Johann Friedrich Boscovits,

Zwischen den Zeitungen der Sprachregionen entbrennt ein wüster Schlagabtausch. Auf beiden Seiten übernimmt man die Propaganda der jeweiligen nahestehenden Kriegspartei. Gleichzeitig wirft man sich eben diese Parteinahme und die damit verbundene Gefährdung der Neutralität vor. «Le fossé», ein Graben entlang der Sprachgrenze, durchzieht das Land.

«Die Wurzeln des Gegensatzes zwischen Ost und West reichen weit zurück», erklärt der Journalist und Buchautor Christophe Büchi. «Bereits 1848, bei der Gründung des Bundesstaates, gab es Streit zwischen den Sprachregionen – etwa bei der Frage der gemeinsamen Währung, der Masse und Gewichte oder bei den Standorten der Hochschulen.»

Die welsche Schweiz fühlt sich auch nach der Gründung der modernen Schweiz weiterhin stark zu Frankreich hingezogen, die Deutschschweiz zu Deutschland. «Das 1871 gegründete Deutsche Reich galt als fortschrittlich und modern», sagt Büchi. «Die wirtschaftlichen Verbindungen waren schon damals sehr eng.»

Das Misstrauen der Romandie

Insbesondere in der Romandie sitzt die Angst tief, dass die Schweiz mehr und mehr zum Anhängsel Deutschlands werde. Allein in Zürich und Basel leben um die Jahrhundertwende über 100‘000 Deutsche – Tendenz steigend. Als die Vereinigte Bundesversammlung bei Kriegsausbruch ausgerechnet den deutschfreundlichen Ulrich Wille zum General wählt, glauben viele westlich der Saane zu erkennen, dass Bundesbern mit den Mittelmächten sympathisiere.

sw Portrait von Carl Spitteler Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Carl Spitteler hält in Zürich seine berühmte Rede. WIKIMEDIA

Im Dezember 1914 verurteilt der Schriftsteller Carl Spitteler in einer Grundsatzrede in Zürich die Gehässigkeit des Schlagabtausches zwischen den Sprachregionen. Er ruft dazu auf, nach aussen die Neutralität zu wahren und im Innern den Zusammenhalt zu stärken. Der Aufruf bleibt wirkungslos.

1915 versucht der Bundesrat, die Polemik in den Massenmedien zumindest einzudämmen: Er belegt die öffentliche Diffamierung fremder Völker, Staatsoberhäupter oder Regierungen mit empfindlichen Strafen.

Die Neutralität im Zwielicht

Im Dezember desselben Jahres erschüttert ein Skandal das Land. Der Graben zwischen Deutschschweiz und Romandie wird weiter vertieft durch die «Obersten-Affäre». Die staunende Öffentlichkeit erfährt: Zwei Oberste des Armee-Nachrichtendienstes haben sensible Dokumente aus dem Schweizer Generalstab an die Mittelmächte geliefert.

Von Landesverrat ist die Rede, von einer groben Verletzung der Neutralität. Die Militärjustiz spricht die Beschuldigten frei – für die Westschweiz ein weiterer Beweis für die Parteilichkeit der Führung in Staat und Armee.

Heftige Kritik aus der Romandie

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Buchhinweis

Christophe Büchi: «Röstigraben. Das Verhältnis zwischen deutscher und welscher Schweiz.» NZZ libro, 2000. (nur noch antiquarisch erhältlich)

Ähnlich entsetzt ist der Aufschrei in der Westschweiz im Frühsommer 1917, als die «Grimm-Hoffmann-Affäre» publik wird: Der liberale Bundesrat Arthur Hoffmann hat gemeinsam mit dem Arbeiterführer Robert Grimm versucht, einen Separatfrieden zwischen den Mittelmächten und Russland zu vermitteln.

Die geheime Friedensinitiative fliegt auf. Aus dem In- und Ausland bricht eine Welle der Kritik über Hoffmann herein. Am prononciertesten ist die Kritik in der Romandie: Hoffmann habe die Prinzipien der Neutralität mit Füssen getreten. Hoffmann muss gehen. Sein Nachfolger in der Regierung wird der Genfer Gustave Ador.

Von der Entspannung zum Streik

Truppen auf dem Waisenhausplatz 1918 Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Truppen marschieren in Zürich vor dem Landesstreik 1918 auf. Schweizerisches Bundesarchiv

Gegen Ende des Kriegs verliert der Sprachenkonflikt zunehmend an Schärfe. Zum einen flauen in der Deutschschweiz die Sympathien für das Deutsche Reich ab, das den Krieg zu verlieren scheint.

Zum anderen wird der kulturelle Konflikt durch neue Spannungen überlagert – durch einen sozialen Konflikt, der sich während des Kriegs zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum aufgebaut hat. Er mündet im Herbst 1918 in den Generalstreik und bringt das Land an den Rand eines Bürgerkriegs.

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