Der Hartmannsweilerkopf: ein «Menschenfresser» im 1. Weltkrieg

Bei einem Berg im Elsass liessen unzählige Soldaten ihr Leben, für nichts als Prestige und Symbolik. Ein Ort, an dem sich die ganze Absurdität des 1. Weltkriegs ablesen lässt. 100 Jahre nach Kriegsausbruch trafen sich hier am 3. August Frankreich und Deutschland zur Gedenkfeier – SRF übertrug live.

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Live-Übertragung

Am 3. August fand am Hartmannsweilerkopf eine Gedenkfeier statt – in Anwesenheit von Frankreichs Staatspräsident François Hollande und dem deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck.

SRF übertrug und kommentierte den Anlass live in einer Spezialausgabe der «Tagesschau».

Zu den ersten Feindseligkeiten des 1. Weltkriegs gehörten im August 1914 die Kämpfe im Elsass, das damals Teil des Deutschen Kaiserreichs war. Nach dem Einmarsch der Franzosen in die Region Mülhausen am 7. August und den anschliessenden deutschen Gegenoffensiven mit schweren Gefechten, stabilisierte sich hier die Front.

Abgelegene Vorposten der Kriegsparteien

Im Spätherbst 1914 nisten sich auf der Höhe des Hartmannsweilerkopfs, oberhalb der Dörfer Sennheim (Cernay), Uffholtz und Wattwiler, Einheiten eines französischen Alpenjäger-Battaillons ein, um eine geplante weitere Elsass-Offensive zu sichern.

28 dieser Alpenjäger besetzen am 22. Dezember den kleinen Gipfelfelsen des Hartmannsweilerkopfs und erreichten eine kleine Gipfelfestung. Nur 300 Meter weiter östlich, beim sogenannten Aussichtsfelsen, lässt sich einige Tage später die erste deutsche Abteilung nieder. Zwei winzige, isolierte Vorposten der beiden Kriegsparteien stehen nun hier oben einander gegenüber.

Erste Kämpfe auf dem Gipfel

Zahlreiche Männer stehen mit Werkzeugen im Wald. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Beim Bau von Unterständen am Hartmannsweilerkopf. Privatbesitz Volker Beilborn

Ein Scharmützel zwischen zwei Patrouillen fordert am 30. Dezember 1914 den ersten Kriegstoten auf dem Berg. Sofort verstärken die Deutschen ihren Vorposten: Der Hartmannsweilerkopf soll in einem Sturmangriff erobert und besetzt werden. Die französische Besatzung wehrt den Angriff ab und wird darauf ihrerseits verstärkt.

Der deutsche Misserfolg wiederum führt dazu, dass der Angriff am 9. Januar 1915 mit stärkeren Mitteln wiederholt wird, nebst massiv mehr Soldaten setzt man nun auch Maschinengewehre und Artillerie ein. Wieder erfolglos: Die Granaten explodieren grösstenteils in den Baumwipfeln, die angreifenden deutschen Truppen bleiben im Kugelhagel liegen. Wieder rüsten beide Seiten auf. Man beginnt, sich einzugraben und befestigte Stellungen zu errichten. Schliesslich können die deutschen Angreifer die französische Gipfelbesatzung einkesseln. Diese hält sich noch einige Tage. Jeden Abend erklingt das Signal des Hornisten Mosnier: Dieser gibt damit den französischen Truppen beim Silberloch zu verstehen, dass sie in ihrer Ringburg noch leben.

Traurige Heldengeschichte

Gedenkstein mit einer Plaquette drauf. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gedenkstein für den Hornisten Mosnier, dessen Clairon am 21. Januar 1915 für immer verstummte. SRF/Markus Gasser

Am 21. Januar setzen die Deutschen erstmals Minenwerfer ein: Die Gipfelfestung wird zerstört, das Clairon des Hornisten Mosnier verstummt. Ein schlichtes Denkmal mit Inschrift und mit dem Abbild dieses Signalhorns erinnert noch heute an den Hornisten Mosnier und seine traurige Heldengeschichte. Wenige 100 Meter entfernt ist auch der geschützte Unterstand von Leutnant Killian noch zu sehen, von wo aus die Minen abgeschossen wurden.

Ein Prozess wie ein Tumor

Der Historiker Nicolas Vignos, der das kleine Kriegsmuseum in Uffholtz betreut, vergleicht diesen Prozess auf dem Gipfel des Hartmannsweilerkopfs mit einem Tumor: Etwas Kleines, Unbedeutendes wächst sich unaufhaltsam zu einer Katastrophe aus. Und die Katastrophe nimmt ihren Lauf: Nach dieser ersten Schlacht richten sich beide Seiten ein auf dem Hartmannsweilerkopf: Die Soldaten graben, mauern, betonieren Bunker und Schützengrabennetze, teilweise kaum 30 Meter voneinander entfernt.

Bis Ende 1915 lancieren entweder die deutsche oder die französische Seite am Hartmannsweilerkopf immer wieder Offensiven und Gegenoffensiven. Jede mit noch grösserer Feuerkraft und mit noch höheren Opfern als die vorherige, ohne dass eine Seite einen Durchbruch über längere Zeit halten könnte.

Gekämpft wird nicht nur auf dem Gipfel, sondern in allen Flanken, Felsen und Gräben des Berges. Tonnen von Bomben, Minen und Granaten machen aus dem Urwald eine Mondlandschaft: Eine von Schützen- und Laufgräben zerschnittene Bergkuppe aus Schlamm, Stein und Baumstümpfen – so präsentiert sich der Hartmannsweilerkopf auf Bildern aus diesen Tagen.

Militärisch bedeutungslose Opfer

30'000 deutsche und französische Soldaten fallen hier insgesamt, so schätzt man heute.

Wofür? Hatten diese Opfer wenigstens einen militärischen Sinn? In der Literatur über den Hartmannsweilerkopf liest man immer wieder, die französische Militärführung habe den Berg einnehmen wollen, um von dort oben mit Artillerie die Eisenbahn- und Strassenverbindungen zwischen Mülhausen und Colmar zerstören zu können. Blödsinn, meint der Fachmann, der Historiker Nicolas Vignos: Die damaligen Kanonen hatten eine Reichweite von vielleicht 12 Kilometern. Damit konnte man vom Hartmannsweilerkopf aus niemals die Verkehrslinien im Tal erreichen. Es sei vielmehr darum gegangen, einen Beobachtungs- und Stützpunkt zu haben für einen französischen Grossangriff – der dann allerdings gar nie stattgefunden hat.

30'000 Menschenleben für einen Stützpunkt also, den man gar nie brauchte. 30'000 Tote für die Hoheit über den Berg, die hauptsächlich symbolische Bedeutung hatte.

Die Gedenkstätte erhält hohen Besuch

Beim Col du Silberloch, wenige 100 Meter vom Gipfel des Hartmannsweilerkopfs entfernt, liegt der französische Soldatenfriedhof, eine Krypta und eine ausgedehnte Esplanade. Es ist eine der grossen nationalen Gedenkstätten für den Ersten Weltkrieg und wird jährlich von rund 250'000 Menschen besucht, von Franzosen ebenso wie von Deutschen.

Auf das Jubiläumsjahr 2014 hin wird diese Gedenkstätte umfassend renoviert. Am 3. August, zum Gedenken an die Generalmobilmachung, erhält sie hohen Besuch durch den französischen Präsidenten François Hollande und den deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck.

«E bissl bsunderi Franzose»

Vielleicht erhalten damit das Elsass und der Hartmannsweilerkopf endlich mehr Aufmerksamkeit in Frankreich, hofft Jean-Paul Welterlen, Bürgermeister in Uffholtz. Denn die Elsässer seien auch heute noch «e bissl bsunderi Franzose», wie der elsässische Autor Pierre Kretz sagt. Auf den Kriegsdenkmälern stehe nämlich «à ses morts» oder, wie in Uffholtz, «à ses enfants victimes de Guerre». «Morts pour la Patrie», das gehe ja nicht, denn die Elsässer starben in beiden Weltkriegen in deutschen Uniformen.

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