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Der 1. Weltkrieg Erster Weltkrieg: Kaum ein Bild zeigt, wie es wirklich war

Medial wird derzeit auf breiter Front an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren erinnert: In Büchern, Artikeln, Filmdokumentationen ist historisches Bildmaterial zuhauf zu sehen. Erschreckend ist dabei nicht nur, was diese Bilder zeigen, sondern auch, wie wenig wir über sie wissen.

Kaum ein Schlachtbild aus den Schützengräben an der Westfront ist, was es scheint. Wohl zeigen diese historischen Fotos, wie Soldaten sich bewegen, auf etwas zustürmen, wohl zeigen sie, wie eine Granate explodiert – aber tatsächliche Kampfhandlungen zeigen diese Bilder nicht. Denn aufgenommen wurden sie nach der Schlacht oder im Hinterland während militärischer Übungen.

Gestellte Realität

«Diese Fotos sind keine Schnappschüsse aus dem Schützengraben», sagt der österreichische Fotohistoriker Anton Holzer, der seit Jahren zu den Bildern aus dem Ersten Weltkrieg forscht. Die bis zu 15 Kilo schwere Fotoausrüstung liess sich in bildträchtig dramatischen Situationen der Realität gar nicht schnell genug auf- oder abbauen.

Und: Holzers Forschungen ergaben, dass unter den vielen Toten an den Fronten dieses Kriegs kein einziger Kriegsfotograf war. Was wir heute als authentisches Bild aus der Schlacht rezipieren, ist ein sorgsam arrangiertes Foto, das auf die dramatischen Bedürfnisse und Erwartungen der Betrachterinnen und Betrachter Rücksicht nimmt.

Historische Propagandafotos

Anton Holzer spricht dennoch weder von Fälschungen noch von Lügen. So einfach sei das Ganze nicht, sagt der Fotografiehistoriker und betont die Entstehungsbedingungen: Die historischen Fotografien folgen zeitgenössischen Erwartungen und sie entstanden nur, weil sie diese Erwartungen berücksichtigten.

Die Bilder des Ersten Weltkriegs wurden unter denselben Bedingungen realisiert, die heute für «embedded journalists» gelten. Was wir also heute als dokumentarische Fotos aus dem Ersten Weltkrieg präsentiert bekommen, sind in Wahrheit historische Propagandafotos, die nur dank militärischer Strukturen (Transport, Versorgung, Material) entstanden sind und nur wegen militärischer Ziele veröffentlicht wurden.

Keine Toten, aber Verletzte

Was in den zeitgenössischen Massenblättern der wöchentlich erscheinenden Illustrierten publiziert werden konnte, entschied die Zensurbehörde – bei Mittelmächten und Alliierten gleicherweise. Eine Folge der Zensur war zum Beispiel: Auf den Fotos waren nie die eigenen Toten zu sehen, tote Gegner hingegen schon.

Dennoch stellt Fotohistoriker Anton Holzer fest: Die Fotos, welche die Zensur passierten, erzählen nicht nur von Siegen, auch Niederlagen mussten bebildert werden. Häufig sind Bilder von Verletzten zu sehen, die allerdings propagandistisch als Symbole nationaler Widerstandskraft umgedeutet werden konnten.

Ebenfalls ein häufiges Sujet: kriegsversehrte Invalide. Mittels künstlicher Gelenke und Glieder wurden sie für Kriegszwecke wieder tauglich gemacht und produzierten im Hinterland Geschosse. Diesen Triumph der Technik hielten Fotografen fest, Illustrierte druckten sie ab.

Heutige Rezeption historischer Bilder

Eine Schwierigkeit im Umgang mit historischem Fotomaterial ist, dass der Kontext unsichtbar ist. Ein Foto lässt sich heute wie vor hundert Jahren ohne weiteres reproduzieren, nur ist unser heutiges Wissen um die Umstände seiner historischen Entstehung gering.

Noch weniger wissen wir über das, was das Foto nicht zeigt, den Rest der Realität, der den Alltag der Zeitgenossen prägte. Denn Fotos sind immer nur Ausschnitte. Ein zeitgenössischer Betrachter hatte andere Kenntnisse von der Realität im Schützengraben, wusste um die eigenen Toten, auch wenn sie auf den Bildern nicht zu sehen waren. Das heisst: Die Informationen der propagandistischen Fotos wurden in der Entstehungszeit der Fotos durch andere Quellen korrigiert. Heutigen Betrachtern fehlen diese Quellen.

Bilder wollen gelesen werden

Feld mit zerstörten Grabkreuzen aus Holz.
Legende: Ein Beispiel tradierter Bilder in der Zwischenkriegszeit: Kriegslandschaft nach der Schlacht (Passchendaele, Flandern). Aus: Holzer, Die letzten Tage der Menschheit, Primus Verlag

Viele der unterdessen ikonischen Bilder aus dem Ersten Weltkrieg – etwa die mit Geschosskratern übersäten Schlachtfelder – nahmen einen Umweg über die Zwischenkriegszeit.

Fotobände tradierten diese Fotos nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und luden sie mit dem Nimbus nationaler Bedeutung auf. Ikonisch sind diese Bilder also auch, weil sie bereits in den 1920er- und 30er-Jahren mit zusätzlicher und ebenfalls propagandistischer Bedeutung aufgeladen wurden.

Problematisch wird diese komplexe Mediengeschichte, wenn die historischen Fotos aus dem Ersten Weltkrieg, die aus propagandistischen Motiven unterschiedlicher Zeiten überliefert wurden, heute unreflektiert als Dokumente verwendet werden, die angebliche Authentizität vermitteln. Fotografiehistoriker Anton Holzer sieht noch eine weitere Gefahr, wenn diese Fotos nämlich als pure Illustration dienen und nur noch bestätigen, was heutige Betrachter bereits wissen. Fotos wollen schliesslich auch gelesen werden und brauchen dazu ihren Kontext.

Buchhinweise

  • Anton Holzer: «Die andere Front. Fotografie und Propaganda im Ersten Weltkrieg». Primus Verlag, 2012.
  • Anton Holzer (Hrsg.): «Die letzten Tage der Menschheit. Der Erste Weltkrieg in Bildern». Primus Verlag, 2013.
  • Anton Holzer: «Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914-1918», Primus Verlag 2014

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