Der Journalist Glenn Greenwald und das Alte Testament

Nach den NSA-Enthüllungen diskutieren US-Medien und Meinungsmacher darüber, wie parteiisch Journalismus sein darf. Dabei müssen sogar biblische Vergleiche herhalten, denn tendenziöser Journalismus hat in den USA Tradition.

Der Journalist Glenn Greenwald hält die Handflächen gegeneinander. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Glenn Greenwald, alttestamentarischer Journalist, verfolgt ein Ziel. Reuters

In den Vereinigten Staaten wird neuerdings die Heilige Schrift bemüht, wenn vom Journalismus die Rede ist. Medienkritikern wie Jay Rosen zufolge gibt es nämlich einen alttestamentarischen und einen neutestamentarischen Journalismus. Journalisten des Alten Testaments verfolgen ein Ziel. Journalisten des Neuen Testaments beschränken sich aufs Beobachten und Kommentieren.

Ein alttestamentarischer Journalist war der Pamphletist Tom Paine, der einst das Volk mit Artikeln zum Aufstand gegen die britische Kolonialregierung aufrief und damit das Seine zur amerikanischen Revolution beitrug. Die neutestamentarischen Journalisten sitzen in den Redaktionen der «New York Times» und der «Washington Post» sowie der öffentlichen Radio- und Fernsehsender. Sie haben sich der Unparteilichkeit verschrieben.

Zulässiger Aktionismus?

Glenn Greenwald sitzt und schreibt zurzeit in Rio de Janeiro und ist der Anlass dieser biblischen Vergleiche. Der Anwalt und ehemalige Kolumnist der britischen Tageszeitung «The Guardian» traut sich nicht nach Hause. In den USA könnte er wegen Landesverrats verhaftet werden, weil er die Enthüllungen des NSA-Whistleblowers Edward Snowden an die Öffentlichkeit gebracht hat.

Was die einen Greenwald vorwerfen, loben andere: Er wolle die Überwachungsstrategien des amerikanischen Staates nicht nur publik machen, sondern die USA zum Umdenken bewegen. Das hat Greenwald nie bestritten. Es streiten sich allerdings seine Kollegen darüber, ob dieser Aktivismus zulässig ist oder nicht. Altes Testament gegen Neues Testament also.

Tendenziöser Journalismus

Karrikatur eines Schreibers mit Messer und Schriftrolle in den Händen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Karrikatur von Thomas Paine: Pamphletist, der das Volk anstachelte. Library of Congress/Wikimedia

Die amerikanische Verfassung enthält einen Artikel, wonach Journalisten vor Gericht nicht zur Preisgabe von Quellen oder Informationen gezwungen werden können. Dieses «Reporter’s privilege» stammt aus einer Epoche, in der Journalismus per Definition als korrigierendes Gegengewicht zu den Machthabern begriffen wurde – eben als noch Tom Paine seine Tinte verspritze.

Tendenziöser Journalismus hat in den USA nach wie vor Hochkonjunktur. Nur wird die Meinungsmacherfraktion von der rechten Seite dominiert, während die Mainstreammedien trotz ihres Imperativs der Objektivität der Linkslastigkeit verdächtigt werden.

Links und rechts, Objektivität und Meinungsmache, Investigativ- und Boulevardjournalismus, Blogger, Twitter und Karaoke: Die US-Medien geniessen es, zur Abwechslung sich selber zu diskutieren. Denn der Kampf um die Pulitzerpreise ist hart, der ums Publikum noch härter und die Bibel zum Glück kein Berufsleitfaden. Noch nicht, auch nicht in den Vereinigten Staaten.

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