Junge jüdische Stimme Der Mann, der hinter #Yolocaust steckt

Der Satiriker Shahak Shapira konfrontiert Touristen am Berliner Holocaust-Mahnmal mit ihrer Gedankenlosigkeit. Ein durchschlagender Erfolg.

Ein Porträt von Shahak Shapira. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Shahak Shapira will niemanden an den Pranger stellen, sondern Denkanstösse geben. Sebastian Hänel

Das Wichtigste in Kürze

  • Auf seiner Website yolocaust.de zeigt Shahak Shapiras Touristen, die am Berliner Holocoust-Mahnmal unbekümmert Fotos machen.
  • yolocaust.de wurde von über 2.5 Millionen Menschen besucht.
  • Shahak Shapira wurde bereits vor zwei Jahren bekannt. Er schrieb das Buch «Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen».

Shahak Shapira ist 29 und arbeitet in Berlin in der Werbebranche. In Berlin, auf der Touristenmeile zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz, befindet sich das Holocaust-Mahnmal, ein gigantisches Feld aus grauen Stelen.

Viele Touristen machen dort Fotos. Die Gedankenlosigkeit der Selfie-Knipser hat Shapira schon lange gestört, der entscheidende Anstoss für das Yolocaust-Projekt kam aber aus den USA.

Der Generation Selfie den Spiegel vorhalten

0:52 min, vom 21.1.2017

In einem Neonazi-Blog fand er einen Text, in dem die Selfie-Fotos aus Berlin als Beweis dafür angeführt wurden, dass es den Holocaust nie gegeben hätte. Für Shapira, dessen Vorfahren mütterlicherseits in Auschwitz ums Leben gekommen waren, war das ein Schlag in die Magengrube. «Ich wusste auf einmal, dass ich etwas tun muss.»

Selfie-Knipser vor Leichenwagen

Shapira stellte Fotomontagen her, die die Selfie-Knipser mal vor dem Holocaust-Mahnmal und mal vor Leichenbergen zeigen. Die Bedeutung des Mahnmals, das ein stilisiertes Gräberfeld darstellt, wird so wirkungsvoll hervorgehoben.

Den Titel seiner Website leitete Shapira vom Slangwort YOLO ab. «You only live once» – «Du lebst nur einmal» – einem Imperativ der jungen Generation. Dass Yolocaust.de innerhalb weniger Stunden Millionen Klicks bekommen würde, erwartete Shapira aber nicht.

Bis ins Schulzimmer

«Menschen aus aller Welt haben mir geschrieben und fast alle Reaktionen waren positiv. Es gab viele Medienberichte und Videos, die zeigen, wie die Website funktioniert. Am meisten gefreut habe ich mich über die Lehrer, die mich fragten, ob sie das Projekt als Unterrichtsmaterial verwenden dürfen», so Shapira.

Und auch die Menschen, die auf den Selfies zu sehen sind, wandten sich an Shapira. «Das Verrückte ist, dass das Projekt inzwischen alle zwölf Personen erreicht hat, die auf den Selfies abgebildet waren. Fast alle haben die Botschaft verstanden, sich entschuldigt und entschieden, ihre Selfies von ihren Facebook- oder Instagram-Profilen zu löschen», schreibt Shapira auf Yolocaust.de.

Ein Mahnmal, das an Millionen ermordete Menschen erinnert, passt nicht zu fröhlichen Selfie-Posen – mehr will der Autor nicht sagen. Er will niemanden an den Pranger stellen, sondern Denkanstösse geben.

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Beitrag zum Thema

#Yolocaust: Der Generation «Selfie» den Spiegel vorhalten

Attacke in der U-Bahn

Bekannt wurde Shahak Shapira, als er vor zwei Jahren in der Berliner U-Bahn eine Gruppe arabisch aussehender Jugendlicher, die antisemitische Parolen grölten, mit dem Handy filmte und tätlich angegriffen wurde.

Die ausländerfeindliche Pegida-Bewegung versuchte den Israeli für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, doch Shapira ging auf Distanz: Rassismus sei immer schlimm, sagte er, egal gegen wen. Im Übrigen fühle er sich in Berlin sauwohl. Danach erhielt er eine Anfrage des Rowohlt-Verlags, ob er sich nicht vorstellen könne, ein Buch zu schreiben.

Eine junge Stimme

«Wer weiss, ob ich ohne die U-Bahn-Attacke so ein Angebot erhalten hätte», sagt Shapira heute. Schreiben wollte der junge Israeli sowieso – über sein Leben, über Stereotypen und über Vorurteile.

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Buchhinweis

Shahak Shapira: «Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen! Wie ich der deutscheste Jude der Welt wurde». Rowohlt Verlag, 2016.

Das Buch «Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen» ist im Mai 2016 erschienen und verkauft sich gut. Shahak Shapira freut sich, dass er immer wieder zu Lesungen eingeladen wird. «Jetzt habe ich eine Stimme. Da können die Antisemiten aus der U-Bahn ordentlich abkotzen!»

«Ich mag die Ossis»

Shapira mag Direktheit gemixt mit Humor und Ironie. So kann er viel Ernstes sagen, ohne belehrend oder besserwisserisch zu wirken. In seinem Buch beschreibt er unter anderem, wie er mit 14, gemeinsam mit seiner Mutter und einem Bruder, aus Tel Aviv nach Laucha übersiedelte.

Die Kleinstadt in Sachsen-Anhalt ist eine NPD-Hochburg – kein leichtes Pflaster für die drei Israelis. Doch sie fanden auch Freunde. «Ich mag die Ossis», witzelt Shapira. «Die sind ein bisschen wie wir Israelis, nur unsere Mauer steht noch.»

Längst kein Werbefachmann mehr

Der Politik der derzeitigen israelischen Regierung steht der junge Autor kritisch gegenüber – auch das ist in seinem Buch zu spüren. Seit Kurzem schreibt er Kabaretttexte, die er auch vorträgt: «Meine Lesungen sind keine reinen Lesungen. Ich mache viel Stand-Up und spiele schlechte Lieder auf meiner Gitarre über Tinder und Flüchtlinge. Ich hoffe, dass ich Ende des Jahres mit einem reinen Stand-Up Programm auf Tour gehen kann.»

Denn das – das spürt Shahak Shapira deutlich – ist seine Berufung. Aus dem Werbefachmann ist längst ein Satiriker geworden.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 26.1. 2017, 17:06 Uhr.