Der neue Duden: dicker, weiblicher und digitaler

Der neue Duden ist da mit 5000 neuen Wörtern – und einigen, die verdrängt wurden. Doch wer bestimmt, was reinkommt und was nicht? Ein Computer mit viel Rechenleistung und Redakteure mit Fingerspitzengefühl.

Ein gelbes Wörterbuch mit einem roten Bleistift auf dem Deckel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Werkzeug, das jeder daheim hat: der Duden. SRF

Der Duden sagt uns was richtig, was falsch ist. Sagt, welche Wörter wichtig, welche nichtig sind. Und er ist auch ein – etwas verzögertes – Abbild der Wirklichkeit. Dies zeigt die neue, 26. Auflage des Standardwerks für die deutsche Sprache, die am Donnerstag erscheint: einige hundert Streichungen stehen rund 5000 neuen Wörtern gegenüber.

Duden-Chefredakteur Werner Scholze-Stubenrecht. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Duden-Chefredakteur Werner Scholze-Stubenrecht. Duden

Es sind Wörter, die die Schlagzeilen dominierten. Etwa aus der Wirtschaftskrise (Eurobond), Umwelt (Energiewende), aus dem Internet (Cloud-Computing) oder der arabischen Welt (Arabellion). Aber auch das hübsche romantische Wort Liebesschloss. «Der Wortschatz der deutschen Sprache ist eine sehr lebendige Geschichte, und es gibt immer wieder Dinge, die nicht mehr benannt werden oder Bezeichnungen, die nicht mehr gebraucht werden», sagt Duden-Chefredakteur Werner Scholze-Stubenrecht.

Maschinen sammeln, Menschen entscheiden

Doch wer bestimmt, was wichtig ist und was weniger? Ein ausgeklügeltes System aus Maschine und Mensch. Die Duden-Redaktion sammelt seit zehn Jahren systematisch Texte aus Sachbüchern, Belletristik und vor allem Zeitungen. Ein Computer durchforstet diese wachsende Datenwulst nach Wörtern, die erstens: häufig schriftlich gebraucht werden. Und zweitens: nicht im Duden vorkommen.

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Einige neue Wörter im Duden

Crossdressing, Fingergeste, Klaukind, Enkeltrick, Bufdi, Mimesen, QR-Code, Shitstorm, Schüttelbrot, Vollpfosten, Zumba. Neue weibliche Formen: die Vorständin, die Rabaukin (Bedeutung: siehe Duden).

Das bildet die Grundlage für Neuaufnahmen. Der Entscheid über Einlass oder Rauswurf liegt dann aber nicht mehr bei der Maschine, sondern beim zuständigen Redakteur, jeder zuständig für einen Abschnitt im Duden. Über Cloud-Computing entschied also der Redakteur mit Zuständigkeitsbereich A–D.

Damit es aufgenommen wird, muss ein Wort drei Bedingungen erfüllen: Es muss häufig gebraucht werden, in verschiedenen Quellen auftauchen und sich über einen gewissen Zeitraum erhalten – mindestens ein paar Monate.

Der Buschklepper muss weichen

Neue Wörter brauchen Platz, also müssen andere weichen. Doch hier ist die Redaktion sehr zurückhaltend. «Wir schauen nach, ob Wörter in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren überhaupt noch vorkamen», sagt Scholze-Stubenrecht. Wenn nicht, denkt die Redaktion über die Streichung nach. So geschehen etwa mit dem Buschklepper (ein sich in Gebüschen versteckt haltender Dieb).

«Doch wir behalten viele Dinge, die zwar veraltet sind, die man aber noch kennt aus Märchen, Liedern oder der klassischen Literatur», so Scholze-Stubenrecht. Ein Beispiel: Backfisch (veraltet: weiblicher Teenager). Alles in allem enthält der neue Duden 140'000 Einträge.

Ein Werkzeug wie Messer und Gabel

Neben neuen Wörtern bringt der Duden eine weitere Premiere: Der gelbe Wälzer erscheint neu als All-in-one-Produkt. Will heissen: Im Kaufpreis des Buchs von 39.90 Franken ist erstmals auch Software und Smartphone-App inbegriffen. Trotz der digitalen Konkurrenz wird der Duden aber noch lange gedruckt, ist Geschäftsführerin Marion Winkenbach überzeugt: «Das ist ein Werkzeug wie Messer und Gabel, das hat jeder daheim.»

Und der Duden ist jetzt ein Berliner: Die 26. Auflage ist die erste, die nach dem umstrittenen Wegzug des Verlags von Mannheim in Berlin erscheint. Von den einst 190 Mitarbeitern sind noch 9 bei der jetzt 40-köpfigen Truppe dabei. Gut 20 blieben für die Software-Sparte in Mannheim, etwa 45 waren bei dem inzwischen verkauften Kinder- und Jugendbuchprogramm tätig. Rund 70 Mitarbeiter verloren aber ihre Stelle. Das Bibliographische Institut, wie der zur Cornelsen-Gruppe gehörende Duden-Verlag offiziell heisst, will mit der Neuausgabe diese Negativschlagzeilen jetzt beenden.