Der Weltuntergang ist ein uralter Albtraum

Die Menschen fürchten sich seit mindestens 2000 Jahren vor dem Weltuntergang. Bisher ist er ausgeblieben. Die Menschheit darf sich jedoch noch nicht in Sicherheit wiegen. Der Historiker Johannes Fried widmet sein neues Buch «Dies Irae» dem Thema und den damit verbundenen Ängsten.

Staubwolke rollt auf kleines Bäumchen zu. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Weltuntergangsstimmung? Ein Vulkanausbruch (Bild) in Indonesien. Reuters

Johannes Fried gehört zu den profiliertesten Mittelalter-Historikern der Gegenwart. Für seine bahnbrechende Biographie über Karl den Grossen hat der emeritierte Professor der Uni Frankfurt enthusiastische Kritiken bekommen.

Ein bestimmtes Thema schlägt den 74-jährigen Mittelalter-Forscher aber schon seit längerem in seinen Bann: der Weltuntergang. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Fried mit den Weltuntergangsängsten, die die Menschen seit 2000 Jahren quälen.

Die Profis unter den Endzeit-Propheten

In seinem Buch «Dies Irae – Eine Geschichte des Weltuntergangs» kommt der Wissenschaftler zu einem klaren Befund: Es gibt nur eine Kultur in der Menschheitsgeschichte, die den Glauben an einen Weltuntergang im umfassenden Sinn ausgebildet hat: die christlich-abendländische.

Ein älterer Herr mit Brille und Krawatte. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Experte für Weltuntergang: Johannes Fried. Wikimedia/Elke Wetzig

Ausgehend von der Apokalypse des Johannes und mehreren Jesus-Prophezeiungen ergeht sich die christliche Kultur seit 2000 Jahren in wollüstig-angstbefrachteten Untergangsvisionen. Mit gravierenden Folgen bis in unsere Tage.

Evangelikale Christen im Allgemeinen und diverse Weltuntergangssekten im Besonderen unterfüttern ihre Missionierungskampagnen noch heute mit der Angst vor dem angeblich nahenden Ende der Welt.

Auf den Weltunter- folgt der Aufgang

Und frühere Kulturen? Die hatten andere Vorstellungen, schreibt Fried: «Gewiss, eine Art Weltuntergang kannten viele, gerade auch altorientalische Zivilisationen. Sie fügten diesen Weltuntergang – in Anlehnung an den Kreislauf des Jahres – aber zumeist in zyklische Prozesse ein, in Anlehnung also an den Lauf der Sonne. Auf zyklisch wiederkehrende Untergänge folgten Wiederaufgänge.»

Anders das Christentum. Die frühen Jesus-Getreuen erwarteten die Wiederkunft des Messias praktisch noch innerhalb ihrer eigenen Lebensspanne. Als das nicht eintraf, erging man sich in komplizierten Berechnungen über den Zeitpunkt des Weltenendes, und das über die Jahrhunderte hinweg.

Im Bistum Konstanz trat im Jahr 847 eine Prophetin namens Thiota auf, die den Weltuntergang noch für dasselbe Jahr vorhersagte. «Viel Volk beiderlei Geschlechts lief der Frau von Furcht gepeinigt zu», heisst es in zeitgenössischen Chroniken.

Weltuntergang macht vor Wissenschaft nicht halt

Das ganze Mittelalter hindurch machten Weltuntergangs-Prophezeiungen Furore. Wer nun aber glaubt, das wissenschaftliche Zeitalter hätte abergläubischen Vorstellungen dieser Art den Garaus gemacht, irrt. «Die Endzeit verflüchtigte sich nicht mit der Wissenschaft», stellt Johannes Fried fest: «Der Weltuntergang findet auch für sie statt; die Prognostik streift sich lediglich andere, eben naturwissenschaftlich und kosmologisch gefärbte Kleider über.»

Noch 10'000 Jahre

Zusatzinhalt überspringen

Buchhinweis:

Johannes Fried: «Dies Irae – Eine Geschichte des Weltuntergangs». Beck, 2016.

Das ist das Problem mit dem Weltuntergang, zumindest für uns Heutige: Er könnte ja tatsächlich stattfinden. Die menschliche Spezies könnte wirklich und wahrhaftig aussterben. Der Astrophysiker Stephen Hawking zum Beispiel geht davon aus, dass die menschliche Spezies innerhalb der nächsten 10'000 Jahre zu bestehen aufhören wird.

Als konkrete Bedrohungsfaktoren nennt Hawking: die Gefahr eines Atomkriegs, die globale Erwärmung und gentechnisch veränderte Viren. Dazu kommen eine Reihe anderer Gefahren: Asteroideneinschläge zum Beispiel, die schon in früheren Erdzeitaltern zu massivem Artensterben geführt haben.

Auch Philosophen reden mit

Forscher verweisen in diesem Zusammenhang immer wieder auf den Impakt im grönländischen Maniitsoq vor drei Milliarden Jahren, oder auf den gewaltigen Asteroideneinschlag von Yukatan. Dieser war vor 65 Millionen Jahren für das Aussterben von 70 Prozent aller Arten auf unserem Planeten verantwortlich.

Es ist also nicht so leicht mit dem Weltuntergang. Denn er könnte tatsächlich stattfinden. Wie mit dieser Unsicherheit umgehen? Der Ratschlag, den Philosophen und andere kluge Köpfe diesbezüglich geben, ist im Grunde ganz einfach: Bedrohliche Dinge, die man verändern kann, soll man verändern. Das, was sich nicht verändern lässt, gilt es, in Würde zu akzeptieren.

Sendung zu diesem Artikel