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Wie Corona unsere Sprache verändert
Aus Kultur-Aktualität vom 09.07.2020.
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Deutsch nach Corona Von Coronasündern und anderen Sprachverbrechern

Vielleicht nicht systemrelevant, aber ganz sicher geistreich: In einer Videoreihe denken kluge Köpfe darüber nach, wie die Pandemie die deutsche Sprache prägt.

«Ich könnte mir vorstellen, dass jemand stolz ist, ein Coronasünder zu sein», vermutet die Schriftstellerin Felicitas Hoppe in der ersten Folge von «Coronas Wörter», der virtuellen Videodialog-Serie der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Hoppe diskutiert mit Valentin Groebner, einem Mittelalterhistoriker von der Universität Luzern, über das neue Wort «Coronasünder». Und das ist Hoppe zufolge auch augenzwinkernd gemeint und hat deshalb keine besonders abschreckende Wirkung.

«Es wäre ja etwas anderes, wenn jemand zur ‹Coronabeichte› oder zur ‹Coronabusse› aufrufen würde», bestätigt der Historiker Groebner. «Weil dann schon klar wäre, dass es vielleicht auch um Konsequenzen ginge.»

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Corona bringt uns neue Komposita
aus SRF 4 News aktuell vom 29.05.2020.
abspielen. Laufzeit 7 Minuten 13 Sekunden.

«Sogar Jäger meinen, sie seien systemrelevant»

«Coronasünder» und «Coronaparty» sind zwei Beispiele dafür, dass neue Wörter als Reaktion auf die Pandemie Einzug in die deutsche Sprache gehalten haben. Das Adjektiv «systemrelevant», bis 2019 noch gar nicht im Duden, wird erst jetzt aufgenommen.

Allerdings tauchte es schon während der Finanzkrise 2008 auf. Darauf verweisen der Schriftsteller Ingo Schulze und der Sprachwissenschaftler Jürgen Schiewe in der zweiten Folge von «Coronas Wörter», Link öffnet in einem neuen Fensterim Browser öffnen.

Schiewe hat beobachtet, dass mittlerweile fast alle systemrelevant sein wollen. «Sogar die Jäger sind der Meinung, dass die Jagd systemrelevant sei, weil damit die Bevölkerung mit Wildfleisch versorgt wird», sagt er. Das trage zu einer «totalen Verwässerung» des Begriffs «systemrelevant» bei.

Relevant für den Menschen

Das Nachdenken darüber, was systemrelevant ist, hat Ingo Schulze zufolge einen sehr positiven Effekt: Plötzlich würden Menschen sichtbar, die man allzu oft vergisst.

Schulze denkt da an diejenigen, «die die Drecksarbeit machen und nicht einfach ins Homeoffice gehen können.» Sie seien dem Virus viel stärker ausgesetzt, weil sie zum Beispiel in Schlachthöfen arbeiten und aus Geldmangel den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Man sollte, sind sich Schulze und Schiewe einig, nicht fragen, was relevant für das System, sondern was relevant für den Menschen ist.

Videoserie «Coronas Wörter»

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Einige Fachbegriffe wie «Herdenimmunität» sind durch die Pandemie allgemeinsprachlich geworden. Andere Wörter haben einen Bedeutungswandel erfahren. Oder aber eine bereits existierende Bedeutung ist durch Corona plötzlich populär geworden, wie beim Wort «Gesichtsmaske».

Masken, so weit das Auge reicht

Darüber haben sich der Rechtshistoriker Michael Stolleis und die Autorin Ursula Krechel in der dritten Folge , Link öffnet in einem neuen Fensterim Browser öffnenGedanken gemacht. «Wenn man mich Weihnachten noch gefragt hätte ‹Was ist eine Gesichtsmaske?›, dann wäre ich ins kosmetische Feld gegangen», erzählt Krechel und nennt die Kräutermaske und Feuchtigkeitsmaske.

Der Historiker Stolleis erinnert daran, dass es auch schon früher, in ganz anderem Kontext, einen Maskenzwang gab. Bei grossen Maskenbällen habe der Fürst verboten, die Maske abzusetzen. «Bis ein bestimmtes Zeichen gegeben wurde», erklärt Stolleis. «Dann fielen die Masken.»

Basel und das Vermummungsverbot

Die Video-Serie «Coronas Wörter» ist geist- und lehrreich. Sie regt an, nicht nur über Sprache, sondern auch über unsere Gesellschaft, ihre Form und ihre Regeln nachzudenken.

Michael Stolleis ist sich sicher: Nach dem Ende der Pandemie werden wir beim alten Rechtssystem bleiben. Im Gesetz sei auch eine Ausnahme für Volksfeste vorgesehen, verrät Stolleis: «Die Basler Fasnacht oder die Alemannische Fassenacht fällt nicht unter das Vermummungsverbot.»

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 9.7.2020, 07:20

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Henriette Rub  (Sylou)
    @Schulenberg
    Geschichte macht Sprache. Corona ist zu einem verfehlten Abschnitt der Geschichte geworden. Es ist erzwungene und machlos erduldete Geschichte wäre eher angebracht.
  • Kommentar von Olaf Schulenburg  (freier Schweizer)
    Geschichte macht Sprache. Corona ist zu einem Abschnitt der Geschichte geworden und wird es noch weiter. Es ist erlebte und gelebte Geschichte. Es braucht neue Begrifflichkeiten um neue Ereignisse, Eindrücke und Zusammenhänge zu beschreiben. So entwickelt sich Sprache seit es die gesprochene Kommuniktion gibt. Daraus entwickeln sich Kulturen. Im Gegensatz dazu steht die veramerikanisierung der heutigen Sorache. Die Folge hieraus ist die Verarmung von Kulturen zu Gunsten der dominanten Kultur.
  • Kommentar von Jérôme Perret  (JPerret)
    @SRF
    abzusehen oder abzusetzen
    "Bei grossen Maskenbällen habe der Fürst verboten, die Maske abzusehen."
    1. Antwort von SRF Kultur  (SRF) (SRF)
      @Jérôme Perret Besten Dank für den Hinweis. Wir haben den Fehler korrigiert.