Diagnose: unheilbar krank – in einem Comic erzählt

Der Basler Comic-Zeichner Reto Gloor legte in den 90er-Jahren mit «Matter» einen der erfolgreichsten Schweizer Comics vor. Dann war es 20 Jahre still um ihn – Gloor war an Multiple Sklerose erkrankt. Nun erzählt er in «Das Karma-Problem», wie die unheilbare Krankheit von seinem Leben Besitz ergriff.

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Zur Person

Geb. 1962, wurde Reto Gloor 1992 mit seinem Erstling «Matter» schlagartig bekannt. Auch in seinen folgenden Werken verknüpfte er historische Ereignisse der Schweizer Geschichte mit fiktivenonalen Elementen. 2010 hörte er als Zeichnungslehrer auf, um sich ganz dem Comiczeichnen zu widmen – wenig später wurde bei ihm Multiple Sklerose diagnostiziert.

Die Müdigkeit, die Gleichgewichtsstörungen, die Schwindelanfälle – damit hätte Reto Gloor leben können. Aber dann musste er sich eingestehen, dass er nicht mehr in der Lage war, einen geraden Strich zu zeichnen – und das empfand er als eine weit existenziellere Bedrohung. Schliesslich war das Comic-Zeichnen, wie er in «Das Karma-Problem» mehrmals betont, seit frühester Jugend ein wichtiger Teil seiner Identität.

Ein Alltag mit der Krankheit

Vor fünf Jahren brachten Untersuchungen im Spital zu Tage: Reto Gloor leidet an Multipler Sklerose. Nach dem ersten Schock rappelte er sich jedoch wieder auf – und er begann, seine Krankheitsgeschichte aufzuzeichnen. Mit dem Computer als Ersatz für Feder und Papier. Und so nimmt er uns mit auf eine Spirale in die Tiefe seiner Krankheit – und seines Alltags mit dieser Krankheit.

«Das Karma-Problem» unterscheidet sich von vielen Krankheitsberichten dadurch, dass Gloor seine Leidensgeschichte nicht nach überstandenem Kampf erzählt – er lässt uns in Echtzeit daran teilhaben.

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Der Comic «Matter»

Die Geschichte des legendären Gauners Bernhard Matter (1821-1854) sorgte weit über die Comicszene hinaus für Aufsehen. Der Grund: Das Buch vermittelt einen lokalen Stoff von Relevanz auf unterhaltsame Weise und zeichnet ein realistisches Bild vom «Armenhaus Schweiz»: Spannende Abenteuer müssen sich nicht zwingend vor exotischen Kulissen abspielen.

Verblüffende Nüchternheit

Er beschreibt seine Zweifel an den Diagnosen und seine Selbstlügen, er schildert sein naives Vertrauen in Hellseher und andere Scharlatane, er schildert die Tücken der psychischen Bewältigung einer unheilbaren Krankheit – und er lässt uns nachvollziehen, wie sein körperlicher Zustand sich verschlechtert: Bald braucht er einen Gehstock, und ein Therapeut erwähnt vorsorglich schon mal den Rollstuhl.

Dieses existenzielle Drama erzählt Gloor mit verblüffender Nüchternheit. Natürlich spürt man seine Verzweiflung, und dann und wann bricht sie auch aus ihm heraus – aber meistens steckt sie im weissen Raum zwischen den einzelnen Bildern und nicht in den Zeichnungen selber.

Zu sachlich und zurückhaltend?

Zu diesem Eindruck trägt die stilisierte Sachlichkeit der am Computer entstandenen Bildsprache bei: die sauberen Linien und kühlen grauen Flächen, die so anders sind als Gloors expressives Schwarzweiss von früher.

Streckenweise ist «Das Karma-Problem» vielleicht sogar zu sachlich und zurückhaltend. Seine Freundin beispielsweise nennt er immer «meine Gefährtin», und abgesehen von ein paar Andeutungen geht er nicht näher auf die Auswirkung der Krankheit auf den Beziehungsalltag ein.

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Buchhinweis

Reto Gloor: «Das Karma-Problem», Edition Moderne, 2015.

Durch die Krankheit neu erfunden

Dafür fehlte ihm vielleicht tatsächlich die Distanz. «Das Karma-Problem» ist ein in mehrfacher Hinsicht erstaunlicher Comic. Zum einen vermittelt er Einiges über eine Krankheit, die wir alle kennen, ohne sie zu verstehen. Zum anderen ist «Das Karma-Problem» trotz der Unheilbarkeit der Multiplen Sklerose nicht hoffnungslos:

Letztlich schildert Gloor nämlich, wie er sich wegen der Krankheit als Zeichner neu erfand. Und wie er – nach bald 20 Jahren Funkstille als Comic-Zeichner – endlich wieder einen Comic geschaffen hat.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 16.9.2015, 8.20 Uhr