Die Bibliothek, in der die Bücher zur Nebensache werden

Die Amsterdamer Bibliothek ist weit mehr als eine Bücherei: Auf sieben Stockwerken bietet sie tausende Zeitschriften aus aller Welt, Pianoklänge, Kultur-Veranstaltungen und eine atemberaubende Aussicht über den Hafen. Ein Augenschein in der «Openbare Bibliotheek», einem unverzichtbaren Treffpunkt.

Viele Menschen am gleichen Ort bedeuten in Amsterdam unzählige, wild durcheinander parkierte Fahrräder. Dies gilt ganz besonders für die hochmoderne Bibliothek östlich vom Hauptbahnhof, die täglich über 5000 Menschen anzieht. Dieses Hauptstadtphänomen war natürlich auch dem Architekten Joe Coenen bekannt. Deshalb baute er ein spezielles Velo-Untergrundparking mit 2000 bewachten Plätzen. Ohne Erfolg: Die teure Halle steht leer.

Inzwischen hat die Stadt einen Wächter angestellt, um das oberirdische Chaos zu regulieren. Zugleich schrieb sie einen Wettbewerb aus und sucht nun unter dem Motto «Help de fiets onder de Biep» – «Hilf dem Velo unter die Bibliothek» – nach Ideen, wie Drahteselbesitzer zum Benutzen des Fahrradparkhauses bewegt werden könnten.

600 Computerterminals, tausende Zeitschriften

Wer sich aber einmal durch das Velo-Tohuwabohu auf dem Vorplatz durchgekämpft hat, wird im gigantischen Atrium dieses wuchtigen Neubaus aus Naturstein, Holz und Glas für alles entschädigt. Der 30 Meter hohe, lichtdurchflutete und ganz in Weiss gehaltene Raum gibt den Blick frei auf die Kinderabteilung im Souterrain und die höher gelegenen Etagen, die man mit einer breiten Rolltreppe erreicht. Fast immer hört man im Bibliotheksentree übrigens Pianoklänge. Neben dem Infoschalter steht ein schwarzes Klavier zur freien Verfügung. Allerdings sei das Instrument nur für geübte Musiker gedacht, mahnt ein Schild.

Wenn man den Strom der Besucherinnen und Besucher beobachtet, stellt man fest, dass viele zielstrebig am Piano vorbei in die Zeitschriftenabteilung eilen. Dort stehen ihnen mehrere tausend in- und ausländische Zeitungs- und Magazintitel zur Verfügung – und viele bequeme Sessel. Dort stehen aber auch ein paar der insgesamt 600 Computerterminals. Ein älterer Mann mit Hut und Ledermappe macht sich an einem Bildschirm zu schaffen. Zu Hause wolle er aus Sicherheitsgründen keinen Internetanschluss, sagt er, deshalb komme er regelmässig hierher, suche Zeitungsartikel oder beantworte E-Mails: «Ich fülle hier auch meine Steuererklärung aus.»

28'000 Quadratmeter Bücher, CDs und DVDs

Er ist nicht der einzige, der lange und gerne in der «Biep», wie die Amsterdamer ihrer Stadtbibliothek liebevoll nennen, verbleibt. In den oberen Etagen sind auf 28'000 Quadratmetern eineinhalb Millionen Bücher, CDs und DVDs in hübschen, weissen Regalen eingeordnet. Überall sitzen kleine Gruppen zusammen. Häufig sind es Studierende, die an langen Arbeitstischen ihre Fachliteratur miteinander durchackern oder Jungunternehmer, die sich an diesem zentral gelegenen Ort zu einer Sitzung treffen.

Dazwischen machen es sich Leseratten mit einem Buch auf einer der 1000 Sitzgelegenheiten bequem. Wer Hunger oder Durst verspürt, kann sich im Restaurant im obersten Stock mit toller Aussicht auf den Ostteil des Hafens laben. Im Schnitt verweilen die Gäste drei Stunden in diesem angenehmen Bücherhaus – in «gewöhnlichen» Bibliotheken sind es üblicherweise nur 15 Minuten.

Das «Biep» ist nicht mehr wegzudenken

Inzwischen ist die «Biep» in Amsterdam nicht mehr wegzudenken. Nicht nur für Bücherfans und Computernerds – in den sieben Jahren ihres Bestehens hat sie sich auch zu einem kulturellen Hotspot entwickelt. Im nach der berühmten niederländischen Kinderbuchautorin benannten Annie-M.G.-Schmidt-Theater finden regelmässig Aufführungen und Vorträge statt. Im 40-Plätzigen Kindertheater wird den Kleinen vorgelesen oder mit ihnen gebastelt. Und immer wieder werden hier Radio-Talkshows aufgezeichnet.

Der Architekt Joe Coenen wollte mit dieser Bücherei einen Ort der Begegnung schaffen. Wenn die Behörden auch noch die Veloanarchie auf dem Vorplatz in den Griff zu bekommen, ist dieses Konzept voll und ganz aufgegangen.