«Die Dargebotene Hand» «143» hat Sorgen mit dem Nachwuchs

Seit 60 Jahren hilft das Sorgentelefon «Die Dargebotene Hand» in allen Lebenslagen. Die Anzahl der Telefonanrufer ist inzwischen leicht rückläufig. Bei der Onlineberatung geraten die Ehrenamtlichen aber an ihre Grenzen.

Eine Frau von hinten fotografiert. Sie telefoniert. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Die Dargebotene Hand» ist für Menschen da: am Telefon und per Chat. Doch es fehlt an jungen Freiwilligen. Keystone

Internet-Chats haben nicht den besten Ruf. Zu anonym. Zu unverbindlich. Doch für Franco Baumgartner und seine Mitstreiter ist genau das eine Chance. Baumgartner ist Geschäftsführer des Verbandes «Dargebotene Hand» – auch bekannt unter «Tel 143», dem Schweizer Sorgentelefon.

Tabus gehen leichter über die Tasten

Das Onlineangebot der «Dargebotenen Hand» erreicht auch Menschen, die wohl Hemmungen hätten, 143 zu wählen. Menschen mit pädophilen Neigungen zum Beispiel, berichtet Franco Baumgartner. Menschen mit Gewaltfantasien. Oder Suchtkranke, die sich für ihre Krankheit schämten.

Sie alle suchen Hilfe – trauen sich aber oft nicht, das am Telefon zu sagen. Weil die Stimme Teil der Persönlichkeit ist und etwas preisgibt. Und weil sich per Chat manchmal direkter kommunizieren lässt. Man kommt ohne Umschweife zur Sache.

Von Liebeskummer bis Suizidalität

Tabuthemen kämen in den Chats immer wieder vor, berichtet Baumgartner. Das Gros sei aber wie beim Sorgentelefon die Bandbreite des Lebens: von Liebeskummer über Schwierigkeiten im Job bis hin zu Depressionen.

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In Zahlen bedeutet das: Nur ein Prozent der Telefongespräche handeln von Sexualität. Bei der Onlineberatung sind es vier Prozent. Suizidalität hat am Telefon einen Prozentpunkt, online hingegen sieben. Den grössten Anteil haben offline wie online psychische Leiden, gefolgt von Fragen zur Alltagsbewältigung.

Online seit 2002

Seit 1957 gibt es das Sorgentelefon «Die Dargebotene Hand». Seit 2002 ist sie auch online unterwegs. Per Mail und per Chat, wobei die Nachfrage nach Mails nachlässt und die nach Chats zunimmt. Im Vergleich zum Beratungsangebot, das «Die Dargebotene Hand» am Telefon leistet, sind die Online-Nutzerzahlen aber sehr klein.

Im Jahr 2016 gab es 155'799 Telefongespräche, aber nur 5'360 Onlinekontakte. Das Sorgentelefon ist rund um die Uhr erreichbar, auch an Feiertagen. Die Hilfe aus dem Netz richtet sich nach einem Stundenplan.

Wenig «Digital Natives»

Die Kapazität der Ehrenamtlichen ist begrenzt. Samstags ist etwa ab 13 Uhr der Chatraum offline. Nicht alle Organisationen des Dachverbandes seien digital unterwegs, berichtet Baumgartner.

Das hängt auch mit der Generation der Ehrenamtlichen zusammen. Die meisten Ehrenamtlichen – übrigens 80 Prozent weiblich – seien 50 Jahre oder älter. Vor allem Rentnerinnen und Rentner hätten Zeit, aber die telefonierten lieber. Baumgartner und sein Team sind auf der Suche nach ehrenamtlichen «Digital Natives». Das Versprechen: Bei der einjährigen Ausbildung lerne man viel über sich selbst.

Einfach 143 wählen

Trotz dieser Sorgen hat «Die Dargebotene Hand» Grund zum Feiern. Aus einem kirchlichen Nischenprogramm, das vor 60 Jahren in Zürich begann, ist eine schweizweite Organisation gewachsen, die alle Menschen anspricht – «unabhängig von Religion, Herkunft und Kultur» und mit einer «offenen und toleranten Haltung», wie die Webseite betont.

«Die Dargebotene Hand» steht für das, was online wie offline oft untergeht: zuhören. Egal wem. Egal wann. Egal warum. Am Telefon, einfach 143 wählen. Oder auf 143.ch chatten.

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