Die Diktatur der freundlichen Tyrannen

Harald Welzer weiss, was zu einem aufrüttelnden Debattentitel gehört. In seinem aktuellen Buch «Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit» warnt er vor den Folgen der Digitalisierung für unsere Gesellschaft. Positive Seiten hat das Internet für den Psychologen kaum.

Mark Zuckerberg winkt freundlich von der Bühne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der freundliche Chef der Datenkrake Facebook: Mark Zuckerberg, wie immer im wenig bedrohlichen, grauen T-Shirt. Keystone

Der Sozialpsychologe Harald Welzer reiht sich mit seinem neuen Buch ein in die Phalanx der Kritiker einer digitalen Welteroberung. Sein Befund unserer Gegenwart ist alarmierend: Unbemerkt habe sich innerhalb der freiheitlichen Gesellschaft eine neue Form totalitärer Herrschaft herausgebildet – eine smarte Diktatur.

Harald Welzer: Unsere Freiheit ist bedroht

57 min, aus Sternstunde Philosophie vom 2.8.2015

Es droht die totale Überwachung

Hauptakteure sind nicht brutale Tyrannen wie Hitler oder Stalin, sondern freundlich wirkende Menschen wie Larry Page und Marc Zuckerberg, die Gründer von Google und Facebook. An ihre Internetfirmen würden wir sukzessive unsere Freiheit abtreten – und zwar ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Wäre es nicht schön, den Reiz stiller Mussestunden wieder zu entdecken, anstatt immer online und erreichbar zu sein, fragt Welzer. Und weiter: Ist es ratsam, sich von Amazon den Einkaufszettel vorformulieren zu lassen? Für Welzer ist dies erst der Anfang. Am Ende droht ein Szenario totaler Transparenz und Überwachung.

Social Economy hilft nicht weiter

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Buchhinweis

Harald Welzer: «Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit». S. Fischer, 2016.

Unplausibel ist diese Kritik nicht: Google, Facebook, Amazon und Co. sammeln ein enormes Wissen über ihre Kunden. Niemand weiss, wozu sie es nutzen. Dass Welzer an der einen oder anderen Stelle überzeichnet, macht sein Buch nicht weniger lesenswert.

Gravierender scheint, dass bei ihm die positiven Seiten des Internets aussen vor bleiben. So lässt er unerwähnt, dass über das Netz Protest organisiert und vernetzt werden kann. Auch der Share Ecomomy mag er nichts Gutes abgewinnen. Die wachsenden Angebote zum Carsharing beispielsweise würden die Leute bloss davon abhalten, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren.

Die Ausbeutung wird beschleunigt

Harald Welzer zielt auf einen grösseren Zusammenhang. Ein aggressiver Kapitalismus habe jeglichen ethischen Massstab verloren. Welzer spricht lieber von einem Neo-Feudalismus, der gekennzeichnet sei durch immer brutalere Ausbeutung und Ressourcenverschwendung – mit unberechenbaren Folgen für ärmere Länder. Durch die Digitalisierung, so der Kritiker, wird diese Entwicklung noch beschleunigt.

Mit dieser düsteren Zukunftsprognose endet das Buch nicht. Harald Welzer besteht darauf, dass wir keine Ausgelieferten sind und die eingeschlagene Richtung ändern können. «Jeder von uns hat einen grösseren Handlungsspielraum als Ludwig XIV.», formuliert er pointiert. Die Frage ist bloss: Welches Leben wir eigentlich wollen.