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Gesellschaft & Religion «Die Gier zügeln»

Während sich die Wirtschaftselite am World Economic Forum in Davos trifft, neue Strategien entwickelt und lukrative Geschäfte einfädelt, denkt der Wirtschaftsethiker Karl-Heinz Brodbeck über «die Verblendung des Geistes» nach und darüber, dass Geld eine kollektive Illusion sei.

Mit reich verzierten Füssen: liegender Buddha in einer Pagode in Burma.
Legende: Liegender Buddha in der Chaykhatgyi-Pagode in Mandalay, Burma, Dezember 2012. Keystone / AP / Richard Camp

Karl-Heinz Brodbeck ist Buddhist, war jahrelang Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg und ein grosser Kritiker der heutigen Wirtschaftsform. Wie passt das alles zusammen? Kein Problem für den Mann, der sich auch als Autor von zahlreichen Büchern zu ethischen Themen einen Namen gemacht hat.Der Buddhismus sei nicht wirtschaftsfeindlich, betont er und fügt an: «Handel treiben, Güter herstellen, kaufen und verkaufen, das ist eine vernünftige Form des Wirtschaftens.»

Geld als Zahlungsmittel zu verwenden, ist für den Ethiker kein Problem, solange es in einem vernünftigen Rahmen geschehe. Was sich aber in den letzten Jahrzenten entwickelt habe, habe nichts mehr mit Vernunft zu tun.

Das Geistesgift im Buddhismus

Die Gier habe die Wirtschaft vergiftet, beschreibt der Ökonom den Grund allen Übels. Gier, Verblendung und Hass seien die drei Geistesgifte im Buddhismus. «Man legt nur noch Wert auf Besitz und Eigentum und baut so das Ich-Territorium auf.» Man wolle reich sein, doch es ist nie genug. Das führe zur Geldgier. Da aber ganz viele geldgierig seien, begegne man sich auf dem Markt und trete in einen Konkurrenzkampf gegeneinander. Der hat zur Folge, dass es Gewinner und Verlierer gibt. Man wirtschaftet nicht miteinander, sondern gegeneinander.

Homo oeconomicus?

Rivalität und das Streben nach mehr liegen nun mal in der Natur des Menschen. Diese Entschuldigung für die menschliche Gier würden Gegner seiner Theorie immer wieder anführen, doch habe sie weder Hand noch Fuss. Zu jeder Zeit habe es Menschen gegeben, die selbstlos gehandelt haben, weil für sie die Gemeinschaft und Freundschaft wichtiger waren, als alle Güter der Welt. Es gebe nicht einfach die Natur des Menschen. Alles, was wir tun sei angelernt, sei eine dumme Gewohnheit, die man wieder ändern könne, verteidigt er seine Anschauung. Dafür brauche es ein Umdenken, neue Werte und ein neues Denksystem.

Vom Katholiken zum Buddhisten

Dieses neue Denksystem hat der 1948 geborene Karl-Heinz Brodbeck im Buddhismus gefunden. Aufgewachsen in einem katholischen Elternhaus, bekam er keine zufriedenstellenden Antworten auf seine Fragen. Er war enttäuscht von der Kirche, wurde Atheist, bis er später die buddhistische Philosophie entdeckte. Darin fand er Antworten auf seine Kritik gegenüber dem heutigen Wirtschaftssystem, und er entwickelte eine buddhistische Wirtschaftsethik. Grundlage für ein gerechtes Wirtschaftssystem sei das Mitgefühl. Nur wer mit anderen Menschen und Tieren mitfühle und begreife, dass wir alle von irgendetwas abhängig sind. Nur wer das verstehe, könne verantwortungsvoll handeln.

Kein Denkgefängnis

«Wir brauchen alle Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken, also müssen wir auf unsere Umwelt Rücksicht nehmen», sagt der Ökonom, fast ungläubig, dass das nicht für alle logisch ist. Ökologisches Denken und Handeln seien in der Wirtschaft dringend nötig, mahnt der Ethiker. Und dabei liessen sich immer noch Gewinne erzielen, was verschiedene Unternehmen beweisen würden. Die buddhistische Lehre wettere nicht gegen Gewinne, doch sollten diese in einem vernünftigen Rahmen sein.

Sitzender goldener Buddha, fotografiert in Sri Lanka.
Legende: Sitzender Buddha, 23. Januar 2013 in Kelaniya, Sri Lanka. Keystone

«Wenn jemand eine gute Idee hat, viel dafür arbeitet und etwas entwickelt, das den Menschen dient, soll er dafür auch  einen guten Lohn erhalten.»

Der Buddhismus sei kein Sozialismus, wo alle gleich viel verdienen sollen. Zwar gehe es auch im Buddhismus um Gerechtigkeit, nicht aber um Gleichmacherei. Ein Patentrezept für ein neues Wirtschaftssystem hat Karl-Heinz Brodbeck aber keineswegs. Das will er auch nicht. Denn das Selber-Denken sei wichtig. Nur wer sich im Denken frei bewegen könne, könne sich entwickeln und etwas zum gemeinschaftlichen Wohl beitragen.

Buchhinweis

Karl-Heinz Brodbeck: «Buddhistische Wirtschaftsethik», edition steinrich, 2011

4 Kommentare

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  • Kommentar von Bruno Waespe, 8044 ZH
    Herr Brodbeck hat genau recht. Mit seiner Philosophie könnte man der heutigen Welt neue Impulse geben und den Bankern auch helfen, Gier zu überwinden. Solche Sendungen bitte mehr machen und mal auch am Abend um 18 Uhr im Echo der Zeit bringen. Damit noch mehr Menschen diese Botschaft hören. Beste Grüsse Dr. med. Bruno Waespe
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  • Kommentar von Walter Keller, Herrenhof
    Ich danke sehr für diese sehr anregende Sendung: Das Ideal wäre doch, dass ich, alle Menschen und die "Wirtschaft" in der SEINS - EBENE der LIEBE leben würden. Aber unser Ego in der HABEN-EBENE ist doch auch überlebenswichtig. Wie ich aber dieses mein Ego zu einem friedfertigem Leben entwickeln könnte, das mit der SEINS-Ebene der Liebe nicht in einen Konflikt gerät hat Herr Brodbeck für mich eine neue Tür geöffnet: Dieses Buch=Pflichtlektüre vor allem für die "Mächtigen" dieser Erde!
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    1. Antwort von Bruno Lustenberger, Luzern / Medellin
      Danke für die sehr guten Kommentare! ich kämpfe seit langem (als Dozent für Wirtschaft) - die Leute zum Denken zu bewegen, zum Hinterfragen! Und kritische Kommentare werden von der Obrigkeit nicht geduldet! Mein Plädoyer: Kampf der Spekulation auf allen Ebenen. Wo nichts produziert wird kann auch nichts verloren werden! Börsen sämtlicher Gattungen gehören geschlossen. Weniger wie 3% der AG's haben Zugang zur Börse - wenn 97% ohne Leben können, dann auch 100! Wahre Werte finden, erkennen...
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  • Kommentar von Jeannette Högger, Sirnach
    wunderbare Sendung, ein richtiger Aufsteller.Danke für Ihre wichtige Arbeit und die immer wieder neuen Anstösse, die das abholen, was ich im Inneren denke, aber immer wieder vom Alltag verschüttet wird.
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