Die junge Matrosin und der Windjammer

Während ihre Mitschüler in den Ferien am Strand liegen, klettert sie mit viel Enthusiasmus auf Masten, schiebt Wache und setzt Segel: die Gymnasiastin Kathrin Ahlering. Sie ist ehrenamtliche Matrosin auf der Dreimastbark «Alexander von Humboldt II.» – und wird dereinst vielleicht auch Kapitänin.

Kathrin Ahlering schaut mit gerunzelter Stirne auf den Nordseekanal. Gerade beginnt dort die Parade für den nautischen Grossanlass «Sail 2015». Zwischen den 44 Windjammern, den eigentlichen Stars an diesem 12 Kilometer langen Schausegeln, schippern auf der 170 Meter breiten, nach Amsterdam führenden Wasserstrasse hunderte kleine und grössere Boote.

Welches der 230 Taue ist das richtige?

Um so nah wie möglich an einen der Grosssegler zu gelangen, wagt mancher Freizeitkapitän ein gefährliches Manöver. Kathy zeigt auf eine kleine Yacht, die der 65 Meter langen «Alexander von Humboldt II.» bedrohlich nahe kommt: «Der könnte sich in unserer Takelage verheddern oder uns irgendwo rammen.» Die ernste Mine der 18-Jährigen entspannt sich erst, als sich die beiden Schiffe ohne Schaden passiert haben. Nun lacht sie wieder und freut sich über das enorme Interesse der niederländischen Bevölkerung an den altehrwürdigen Tallships.

Wenige Minuten später hilft die junge Matrosin beim Hissen der Segel, die genauso grasgrün sind wie der Rumpf der «Alex2», wie die Crew den deutschen Windjammer nennt. Die zierliche junge Frau in Segelhosen und T-Shirt mit Schiffslogo weiss blind, an welchem der 230 Tauenden, den so genannten Tampen, sie ziehen muss um ein bestimmtes Tuch an einem der drei Masten aufzuziehen. Und erklärt dazu fachmännisch den Unterschied zwischen Rah- und Schratsegeln (erstere stehen in Querrichtung zum Schiff und letztere in Längsrichtung). Selbstverständlich kennt sie die Namen jedes einzelnen der insgesamt 24 Segel. Denn auch das gehörte zu ihrer Ausbildung.

Salär gibt es keines

Kathy segelte ihre erste Jolle als Sechsjährige. Und seit sie vor zwei Jahren einen Tagestörn auf der «Alex2» geschenkt bekommen hat, verbringt sie alle Schulferien auf der Dreimastbark. Nach den ersten 30 Tagen absolvierte sie die Prüfung als Leichtmatrosin, später als Matrosin. Nun klettert sie trotz Höhenangst in die Masten, schrubbt das Deck oder poliert Messing, und fühlt sich dabei wie ein Fisch im Wasser. Natürlich will sie auch die nächsten Stufen ihrer Seglerkarriere nehmen. Gut möglich, dass sie nach dem bestandenen Abitur Nautik studieren wird – damit kann sie die «Alex2» dereinst als Kapitänin steuern.

Anders als bei anderen Windjammern arbeitet die gesamte Crew – von der Leichtmatrosin über den Schiffsarzt bis zur Kapitänin – ehrenamtlich auf dem Grosssegler mit Heimathafen Bremerhaven. Finanziert wird der Betrieb der «Alex2» durch die «Trainées», rund 50 zahlenden Bordgästen.

An Bord entsteht schnell eine Gemeinschaft

Auf in die Wanten!

6:47 min, aus Lokaltermin vom 25.08.2015

Das spezielle Konzept hat zur Folge, dass sich die Zusammenstellung der Mannschaft nach jedem Hafen ändert. Und damit auch das Arbeiten an Deck, wenn es einen Kapitänswechsel gegeben hat. Beim einen habe jedes Crewmitglied eine feste Position beim Segelsetzen oder beim Fahren eines Manövers, sagt Kathy. Damit wisse jede und jeder sofort, was zu tun sei.

Bei einem anderen Kapitän sei der Ausbildungsaspekt wichtiger, da werde öfter gewechselt. Trotzdem seien sie jeweils sehr rasch wieder ein gutes Team. Und verstünden sich auch gut mit den «Trainées», zu denen Leute jeglichen Alters aus den unterschiedlichsten Schichten und Berufen gehörten, schwärmt Kathy, und fügt an: «Es ist total faszinierend, wie schnell an Bord eine Gemeinschaft entsteht.»

Als die «Alex2» nach sechs Stunden Fahrt in Amsterdam mit einem Böllerschuss begrüsst wird, herrscht Freude an Bord. Aber was bedeutet eigentlich ein Hafen für eine angefressene Seglerin wie Kathy? Die Gymnasiastin überlegt nicht lange: «Dass es Zeit wird, wieder rauszufahren.»

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