Die 'Ndrangheta ist in der Schweiz potent, aber gut kaschiert

Taxiunternehmer Antonio N. aus Frauenfeld wurde neulich in Kalabrien verhaftet. Dieser Fall zeigt, dass die Mafia in der Schweiz sehr potent und gut versteckt agiert. Die Unauffälligkeit habe System, sagt Stephanie Oesch, die sich mit der organisierten Kriminalität in der Schweiz befasst.

Parklücke in einem Parkhaus, durch dessen halbtransparente Wand Sonnenstrahlen in einem Gittermuster auf den Boden fallen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sie ist da, aber zu Gesicht bekommt man sie kaum: Die Mafia in der Schweiz ist eine Schattengestalt. Keystone

SRF Kultur: In der Schweiz reibt man sich die Augen: Ein pensionierter Taxiunternehmer, der seit Jahrzehnten in Frauenfeld lebt, entpuppt sich als Vertreter der kalabrischen Mafia. Hat Sie das überrascht?

Stephanie Oesch: Nein, es hat mich nicht überrascht. Es hat mich fast ein bisschen gefreut, dass die Realität die Forschung, die ich seit Jahren auf diesem Gebiet betreibe, eingeholt hat, und wir jetzt sehen können, was in der Schweiz passiert.

Sie haben bereits vor vier Jahren in Ihrer Dissertation über die Organisierte Kriminalität in der Schweiz festgestellt, dass die Mafia in der Schweiz zunehmend Fuss fasst und dies den Schweizer Behörden ohnehin schon lange bekannt ist. Die Öffentlichkeit dagegen weiss wenig. Warum?

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Zur Person

Frau lacht in die Kamera

zvg

Stephanie Oesch ist Politologin und Autorin des Buchs «Die organiserte Kriminalität – eine Bedrohung für den Finanzplatz Schweiz?» Es ist 2010 im vdf Verlag erschienen. Eine 2. Auflage erfolgt im Herbst.

Mafiosi agieren nicht so, wie wir das in Hollywoodfilmen sehen, als Männer in Nadelstreifenanzügen und einem konspirativen Blick, mit Koffern voller Geld und einer Pistole am Gurt. Sie fallen weder durch teure Kleider noch durch protzige Uhren auf, sie bewegen sich unauffällig. Ein Taxiunternehmer, der ein Einfamilienhaus im Thurgau hat, gelegentlich ein Clublokal fürs Bocciaspiel besucht und nett zu den Nachbarn ist, fällt nicht auf.

Die Mafia ist seit Jahrzehnten im Fokus der Ermittler. Wie ist es zu erklären, dass darüber so wenig bekannt ist?

Die Ermittlungen sind sehr delikat und schwierig. Es braucht akribische und langwierige Nachforschungen. Die Behörden haben kein Interesse an Öffentlichkeit, weil dies die Ermittlungen erschwert.

Beim Frauenfelder Fall ist von einer «Zelle» der 'Ndrangheta, der kalabrischen Mafia, die Rede. Gegen 20 Personen aus diesem Umfeld wird ermittelt. Was muss man sich unter einer solchen «Zelle» vorstellen?

Die italienischen Mafia-Organisationen, so auch die 'Ndrangheta, streben danach, ein bestimmtes Gebiet, zum Beispiel die Schweiz, zu kontrollieren. Das geht nicht allein von Kalabrien aus. Deshalb gründen sie lokale Gruppen und Untergruppen in der Region, die sie erobern wollen. Eine Zelle ist eine lokale Untergruppe, die die Geschäfte vor Ort, etwa Waffengeschäfte oder Kokainhandel, organisiert und den nächst höheren Chef darüber auf dem Laufenden hält. Dieser gibt die Informationen wiederum an seinen Vorgesetzten weiter, bis sie schliesslich bei den Clan-Chefs in Kalabrien ankommen. Die Experten gehen davon aus, dass es in der Schweiz zwischen 11 und 13 solcher lokalen Zellen gibt.

Seit der Aufdeckung des Clans im Thurgau ist in verschiedenen Medien von Zellen der 'Ndrangheta in Zürich, Genf und Lugano die Rede. Was hat es damit auf sich?

Lugano etwa bietet sich aufgrund der geografischen und sprachlichen Nähe zu Italien an, ebenso Genf in Grenznähe zu Italien, dann Zürich als prominenter Finanzplatz und als Absatzmarkt für Drogen.

Die 'Ndrangheta wird von den Experten als sehr gefährlich eingeschätzt. Wie gefährlich ist sie in der Schweiz?

Gefährlich ist sie in der Schweiz insofern, als dass sie fernab der Öffentlichkeit expandiert und sich in wirtschaftliche und politische Strukturen in der Schweiz einbindet. Gut getarnte Mafiosi haben Beziehungen zu Bankangestellten, Treuhändern, Anwälten und lokalen Politikern. Ausserdem wird das Schweigegebot ihrer Mitglieder, die Omertà, strikt eingehalten, was Ermittlungen enorm erschwert.

Das heisst, die Schweiz ist mehr als nur eine Logistikbasis der 'Ndrangheta?

Dazu gibt es widersprüchliche Aussagen. Von Bundesanwalt Michael Lauber haben wir gehört, dass die Schweiz nur als Logistikbasis genutzt werde. Kantonale Polizeikorps hingegen weisen darauf hin, dass dem nicht so sei. Vielmehr sei die organisierte Kriminalität mittlerweile hausgemacht. Ich denke, dass sie in Strukturen in der Schweiz eingebunden ist, dass wir aber keine italienischen Verhältnisse haben, wo gewöhnliche Bürger mit Schutzgeldern erpresst werden.

Wie bindet sich die 'Ndrangheta in die Schweizer Wirtschaft ein?

Die Schweiz wird missbraucht für Geldwäscherei. Seit sich die Schweizer Banken aber strenge Regeln auferlegt haben, wird schmutziges Geld vermehrt in anderen Kanälen gewaschen. Die Mafiosi kaufen Diamanten, Juwelen, Kunst, Luxusimmobilien, verkaufen diese wieder oder tauschen grosse Geldmengen aus illegalen Geschäften im Spielcasino gegen Jetons ein und wechseln diese wiederum in sauberes Geld um. Die 'Ndrangheta dürfte allein in der Schweiz pro Jahr 30 Milliarden Franken waschen.

Wie sind mafiöse Investitionen für Laien erkennbar?

Sie sind kaum erkennbar, man muss schon ein geübtes Auge haben.

Zum Beispiel?

Restaurants oder Läden an schlechter Lage und ohne Kundschaft, die sich aber jahrelang halten und exorbitante Gewinne ausweisen, müssen nicht, können aber Hinweise darauf sein.

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