Die rennende Madonna – Italiens kuriose Osterbräuche

Spettacolo zu Ostern: Die meisten italienischen Österbräuche gehen auf heidnische Feste zurück. Statt Osterereier anzumalen zelebrieren die Italiener kuriosere Bräuche. Dabei fliesst echtes Blut – und in Sulmona rennt jährlich die Madonna.

Geistliche tragen eine Madonna-Statue. Sie rennen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Husch, husch zu Jesus: Auf dem Weg zu ihrem Sohn wird Maria auf Händen getragen. Reuters

Seit dem 17. Jahrhundert ist im mittelitalienischen Sulmona, in der Bergregion Abruzzen, der Osterritus der rennenden Madonna dokumentarisch verbürgt. Nach dem Gottesdienst am Ostersonntag erscheinen, getragen von starken Männern einer katholischen Bruderschaft, zwei etwa zwei Meter hohe Skulpturen der beiden Heiligen Johannes und Petrus. Sie suchen Maria, um ihr mitzuteilen, dass ihr Sohn auferstanden ist.

Schliesslich werden sie fündig: Aus einer Kirche in der Nähe des Hauptplatzes von Sulmona tragen weitere Männer der Bruderschaft eine mit einem schwarzen Mantel verhüllte Marienskulptur. Sie wird auf den Hauptplatz getragen. An dessen einem Ende unter einem Baldachin steht eine Skulptur des auferstandenen Gottessohnes. Als Maria ihren Sohn erblickt und die Kirchturmuhren zwölf Uhr schlagen, fällt der schwarze Mantel von Maria und zwölf weisse Tauben fliegen davon. Dann rennen die Männer, die Maria tragen, so schnell wie möglich über den Platz, auf den Baldachin mit Christus zu. Eine Blaskapelle spielt, die Menschen jubeln.

Blutige Passion

In ganz Italien werden während der Osterzeit Passionsspiele organisiert. In manchen Ortschaften nimmt daran nahezu die gesamte Bevölkerung teil. Fast immer wird die Passion Christi dargestellt – mit Laiendarstellern und zum Teil auch in recht brutalen Szenen. So wird in Romagnano Sesia in Piemont der Christusdarsteller fast echt ausgepeitscht und fliessendes Blut ist keine Seltenheit.

Karfreitagsumzüge locken Italiener und Touristen

Immer an Karfreitag tragen bei religiösen Umzügen Laiendarsteller ein grosses Kreuz durch die Strassen von Städten und Dörfern. In Süditalien, vor allem auf Sizilien, sind diese Karfreitagsprozessionen grosse Feste, zu denen ausgewanderte Italiener und Touristen extra anreisen. Kapellen spielen auf, historische Bruderschaften zeigen ihre Gewänder und tragen Christus- und Madonnenskulpturen feierlich und langsam durch die Strassen.

Die wohl eindrucksvollste italienische Karfreitagsprozession findet im sizilianischen Trapani statt. Unter Anteilnahmen der gesamten Bevölkerung tragen die Mitglieder von Bruderschaften 20 grosse Skulpturen durch die Strassen, begleitet von 20 Blaskapellen. Die Skulpturen sind aufwändig geschmückt, mit kostbaren Kleidern und Schmuck.

Auch Mafiosi wird gehuldigt

Traditionellerweise kontrollieren lokale Mafiaclans, primär in Sizilien, jene katholischen Bruderschaften, die solche Prozessionen organisieren. Immer wieder halten Prozessionenszüge an Wohnhäusern an, in denen einflussreiche Bosse wohnen. Auf diese Weise soll den Mafiosi gehuldigt werden.

Obwohl Bischöfe immer wieder solche Rituale verurteilen und die Polizei ermittelt, kommt es jedes Jahr zu solchen Zwischenfällen. In Catania versucht die Polizei seit Jahren erfolglos, den Einfluss der Cosa Nostra auf die Organisation von Osterprozessionen zu verhindern.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 24.03.2016, 17:08 Uhr.