Die spinnen, die Römer! Auch im Jahr 2014?

Das Imperium Romanum ist nicht bloss ein grosses Kapitel in Geschichtsbüchern. Das römische Reich zieht heute, anno MMXIV, ein grosses Publikum an: Römerfeste, Asterix, Legionärspfad, und so weiter. Das antike Rom ist ein willkommener Kontrast zu unserer technologiegesteuerten Welt. Aber nicht nur.

Männer in römischer Kampfmontur gehen über eine Wiese. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Schweizer im Römerfieber: Soldaten der Gruppe «Vindonissa» stellen ein römisches Heerlager nach. Keystone

Rom ist ein Bestseller. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich eine Antike-Publizistik entwickelt, deren Autoren die Aktualität und Relevanz Roms für die Gegenwart herausarbeiten. Bekanntestes Beispiel in der Schweiz ist der Kilchberger Altphilologe Klaus Bartels, der auch in der «Neuen Zürcher Zeitung» publiziert. Seine Bücher erreichen teilweise Auflagen von mehr als 100‘000 Exemplaren.

Die Leidenschaft beginnt meist mit Asterix

Das beharrlich totgesagte Latein übt eine solche Anziehungskraft aus, dass die Zahl der Schüler, die es lernen, wieder steigt. Am Lateintag in Brugg nehmen 700 Personen an Workshops, Konzerten und Vorträgen teil. Den Legionärspfad im einstigen Legionslager Vindonissa in Windisch besuchen im Sommerhalbjahr jeweils 35‘000 Menschen, das Römerfest in Augusta Raurica 30‘000.

Woran liegt es, dass sich derart viele Menschen mit Rom beschäftigen? Die Leidenschaft beginne oft mit Asterix, sagt Francis de Andrade, der Präsident des Vereins «Cultura Romana Vivat». Diese Gruppe stellt in Museen, an Römerfesten und in Dokumentarfilmen Elemente der römischen Welt dar.

Die Theorie wird lebendig

Nach der Initiation durch die französischen Comics tauche man tiefer in die römische Welt ein. Beispielsweise an Römerfesten werde lebendig, was vorher so theoretisch wirkte, sagt Francis de Andrade. Nicht nur die Legionen, sondern auch das römische Handwerk, die Wissenschaft, die Baukunst – der römische Alltag eben.

Zukunft braucht Herkunft

Sich mit dem alten Rom zu beschäftigen ist für Francis de Andrade ein Kontrast zur heutigen Welt: Die hochtechnologisierte Gegenwart sei recht steril, der moderne Alltag von einer «Vervielfältigungsmentalität» geprägt. Die römische Welt dagegen sei konkret und handfest.

De Andrade denkt jedoch nicht, dass die Rom-Begeisterten des 21. Jahrhunderts vor der komplexen digitalen Wirklichkeit fliehen. Im Vordergrund stehe die Suche nach den Quellen, nach den Ursprüngen, um auch die Gegenwart besser zu verstehen. «Zukunft braucht Herkunft», das geflügelte Wort des deutschen Philosophen Odo Marquard, trifft dieses Grundgefühl. Abenteuerlust spiele sicher ebenfalls eine Rolle, ergänzt Francis de Andrade. Er selber stellt an Römerfesten übrigens einen römischen Offizier dar.

Drei Kinder sitzen an einem Tisch und spielen Mühle auf einem alten Stein. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Rundmühle spielen und sich fühlen wir vor 2000 Jahren: Kinder in Augusta Raurica. Augusta Raurica / Susanne Schenker

Geschichte am eigenen Leib erleben

Die heutigen Formen der Geschichtsvermittlung tragen das Ihre zur Popularität der Antike bei, sagt Rahel Göldi, die Leiterin des Legionärspfads in Windisch. Geschichte wird längst nicht mehr nur über Skulpturen, Vitrinen, Waffenkammern und Münzkabinette vermittelt, sondern sie lässt sich am eigenen Leib erleben. Das taten etwa die 3‘500 Personen, die dieses Jahr in Vindonissa in den römischen Legionärsbaracken übernachtet haben. Und die Tausende, die dort an Workshops teilgenommen haben oder mit dem Audioguide am Ohr die römischen Stätten erwandert haben.

Gegenpol zu einer kommerzialisierten Welt

Ein wichtiger Faktor für das grosse Interesse am alten Rom sei der Regionalbezug, stellt Rahel Göldi fest. Denn die Leute seien wegen der laufenden Ausgrabungen ständig mit der Geschichte ihres Wohnorts konfrontiert. Viele verknüpften die römische Welt mit dem Hier-und-Heute, verglichen den römischen Alltag mit ihrem eigenen und spürten ihren Wurzeln nach. Die römische Welt sei greifbar, echt und fassbar, fasst Göldi zusammen. Mit ihren Heldenfiguren, mit ihren Werten wie Macht und Herrschaft, Schönheit und Liebe biete sie viele Anknüpfungspunkte.

Entschleunigung sei ein weiterer Punkt: Rom werde auf ein direktes Erlebnis heruntergebrochen, auf eine Wasserleitung, ein römisches Bad. Und es handle sich eben um Geschichtsvermittlung, nicht um eine kommerzielle Aktion. Auch in dieser Hinsicht sind die «mores Romanorum», die römischen Gepflogenheiten, also ein Gegenpol: zu einer Welt, die einem jedes nur erdenkliche Produkt andrehen will.

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