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Gesellschaft & Religion Die unrühmliche Rolle der Schweizer Diplomatie in der Franco-Zeit

Mit dem Buch «Schweizer unter Franco» füllt Ralph Hug eine Lücke: Er bringt Licht in einen bisher weitgehend unbekannten Aspekt des Spanischen Bürgerkriegs und beschreibt, wie Schweizer Diplomaten vor allem aus wirtschaftlichen Interessen mit Franco kollaborierten. Keine erfreuliche Lektüre.

Soldaten, eingehüllt in Decken auf einem Schlachfeld.
Legende: Die grosse Winterschlacht um Guadalajara im Spanischen Bürgerkrieg 1937. H.G. von Studnitz/Deutsches Bundesarchiv/Wikimedia

Der St.Galler Journalist Ralph Hug ist spezialisiert auf historische und gewerkschaftliche Themen. Mit dem Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 hat er sich in mehreren Büchern beschäftigt. Auch sein neuestes Werk «Schweizer unter Franco» beruht auf aufwendigen Recherchen.

Wie wurden Schweizer Bürger in Spanien geschützt?

Die Grundfrage in diesem Buch ist: Wie kümmerte sich die Schweizer Diplomatie um Schweizer Landsleute, die zur Bürgerkriegszeit in Spanien waren? Waren die offiziellen Vertreter der Eidgenossenschaft ausreichend um den Schutz ihrer Bürgerinnen und Bürger besorgt, wie es ihre Pflicht gewesen wäre?

Die Antwort ist ernüchternd: Fast alle Schweizer Diplomaten zur Bürgerkriegszeit in Spanien waren in erster Linie Wirtschaftslobbyisten. Viele von ihnen standen, wie Ralph Hug nachweist, General Francos katholisch-militaristischer Diktatur ideologisch recht nah. Denn Bundesrat Giuseppe Motta, bis 1940 Schweizer Aussenminister, und den meisten Mitarbeitern seiner Politischen Abteilung lag viel an der Eindämmung des Kommunismus.

Die Neutralität gab es nur auf dem Papier

Die offizielle Haltung der Schweiz gegenüber den Spanischen Bürgerkriegsparteien – hier die republikanische Regierung, dort die putschenden Armee-Einheiten von Franco – war die Neutralität. Formell unterhielt man Beziehungen zur Republik und ihrer legitimen Regierung, doch faktisch verständigte man sich mit den Generälen. Zuvorderst aus wirtschaftlichen Gründen, weil man früh auf den Sieg der Generäle setzte, und weil der von Hitler-Deutschland und Mussolini-Italien unterstützte Franco ein Feind aller Roten war.

Die Schweizerinnen und Schweizer, die sich während des Kriegs in Spanien aufhielten, hatten das Pech, in diesem Kräftemessen unterzugehen – und die Schweizer Behörden interessierten sich herzlich wenig für sie.

Franco liess auch Ausländer «umerziehen»

Viele Ausländer, auch rund 800 Schweizer Freiwillige, kämpften bei den Republikanern mit. Auf sie hatten es Franco und seine Gefolgsleute in erster Linie abgesehen. Aber auch zahlreiche Ausländer, die teilweise schon seit Jahren in Spanien lebten, auch Schweizer Zivilisten, gerieten ins Mahlwerk des franquistischen Terror-Regimes.

Sie wurden aufgrund von Denunziationen und teilweise erfundenen Beschuldigungen verhaftet. Misshandlungen, Folter, Hunger, Erniedrigung und Zwangsarbeit waren Teil von Francos Strategie der «Umerziehung».

Von der Schweizer Justiz verfolgt

Ralph Hug zeigt anhand von elf Fallstudien, wie die spanische Diktatur Schweizerinnen und Schweizer verfolgte. Den diplomatischen Vertretern der Schweiz war deren Schicksal egal. Mehr noch, einmal freigekommen und in die Schweiz zurückgekehrt, wurden die überlebenden Spanienkämpfer von der Justiz verfolgt, wegen Militärdiensts im Ausland.

Die Wirtschaft machte derweil unbehelligt mit der Diktatur Geschäfte, obwohl der Bundesrat die Einmischung in den spanischen Konflikt verboten hatte. Nicht alle waren vor dem Gesetz gleich.

10 Kommentare

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  • Kommentar von Nathan Bauer, 8006 Zürich
    Super Spricht für die Schweiz zu damaliger Zeit!
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  • Kommentar von Norman Grasser, Arbon
    Unter der Überschrift: „Aktenzeichen Schweiz/Südafrika“ wurde vor gut einer Woche an gleicher Stelle eine weitere unrühmliche Rolle der Schweiz (mit dem südafrikanischen Apartheidsregime) beleuchtet. Das Fazit war dasselbe wie in diesem Fall: Wirtschaftliche Interessen triumphierten über Humanität und Menschenrechte. Wie sagte doch schon Bert Brecht dazu: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“. In dieser Hinsicht entpuppt sich die Schweiz immer mehr als einer der Weltmarktführer.
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    1. Antwort von Franz NANNI, Nelspruit SA
      Auch da sollte man die Hintergruende kennen... die ganze Welt hat den Bojkott gebrochen.. ich habe es mit eigenen Augen gesehen.. und meine Freunde sind dankbar.. meine Afrikanischen Freunde notabene... weil so zu keiner Zeit Hungersnot herrschte...die funktionierende Wirtschaft hat Loehne bezahlt und so die Leute ernaehrt.. denke mal darueber nach! Das heisst aber nicht, dass die Apartheid gut war... oder das Vorgehen des BR dieser Zeit ohne Zweifel!
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    2. Antwort von Norman Grasser, Arbon
      @NANNI: Klar doch - die Komplizenschaft unserer Politiker und Wirtschaftsbosse mit dem Apartheidsystem galt ganz allein dem Wohlergehen der dortigen Bevölkerung. Mir kommen die Tränen. Wie einfältig muss man sein, um so eine verquaste Theorie über die ach so warmherzigen Motive der oben Genannten aufzustellen!?
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  • Kommentar von Marco Lüscher, Kreuzlingen
    @Girschweiler: Wie so viele andere, die sich auf dieser Plattform als begnadete Verdrängungskünstler erweisen, wenn das verklärte Selbstbild von Herrn und Frau Schweizer mal wieder mal einen Riss bekommt, können auch Sie die Wahrheit nicht ertragen. Und weil nicht sein kann was nicht sein darf, wird eben wieder die ewig gleiche Leier von den linken Nestbeschmutzern abgezogen. Selbst dann noch, wenn aus dem o. a. Bericht gar kein Bezug auf einen „linken“ Historiker erkennbar ist. Widerlich!
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