Die Zukunft der Demokratie wird von Hackern verteidigt

Der entscheidende Kampf um unsere Freiheit wird künftig im digitalen Raum ausgefochten. Es geht um den Konflikt zwischen Verbrechensbekämpfung mit allen Mitteln und der Wahrung der Privatsphäre. Eine wichtige Stimme ist dabei William Binney: Der ehemalige NSA-Mitarbeiter hat die Seiten gewechselt.

Ein Mann sitzt an einem Computer. Drei Kameras, die an der Decke befestigt sind, sind auf ihn gerichtet Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wer überwacht die Überwacher? Hacker könnte hier eine wichtige Rolle spielen. Getty Images

Den vielleicht entschiedensten Standpunkt im Kampf um die Freiheit im digitalen Raum vertritt der Amerikaner William Binney, der bis zum 11. September 2001 für den amerikanischen Geheimdienst tätig war. Dann wechselte er das Lager: Binney verliess die NSA, als ein Monat nach dem Einsturz der Twin Towers mit dem «Patriot Act» die totale Überwachung legal wurde.

Mann mit Anzug im Bundestag. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: William Binney bei seiner Aussage vor dem Bundestag im Juli 2014. Getty Images

Seitenwechsel nach 32 Jahren

32 Jahre lang hatte der Mathematiker für den amerikanischen Nachrichtendienst arbeitete, zuletzt als Technik-Chef der NSA. Gerade ist ein Dokumentarfilm des Österreichers Friedrich Moser über die Karriere von William Binney fertig geworden: «A Good American», heisst der Film. Und dieser Titel ist nicht ironisch zu verstehen: Binney wollte mit seiner Tätigkeit für die NSA die demokratischen Grundrechte schützen.

Mit der massiven Überwachung nach dem 11. September war das nicht mehr möglich, sagt Binney. Deshalb verliess er im Oktober 2001 die NSA unter Protest – und wurde zum Whistleblower, der auf Hackerkonferenzen, aber auch vor dem NSA-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages Auskunft über die Tätigkeit des amerikanischen Geheimdienstes gibt.

Der Erfinder eines Spionageprogramms

5:19 min, aus 10vor10 vom 12.7.2013

Nicht «ob», sondern «wie»

William Binney ist auch als NSA-Kritiker ein überzeugter Verfechter der nachrichtendienstlichen Tätigkeit geblieben. Für ihn geht es nicht um die Frage, ob die Geheimdienste Daten auswerten sollen, sondern vielmehr darum, wie sie dies tun.

Nach dem Fall der Berliner Mauer entwickelte Binney ein vollautomatisches Überwachungssystem: Das Programm «ThinThread» sammelte nicht nur Daten, es analysierte sie auch. «Ich wollte den Menschen als Fehlerquelle ausschliessen», sagt Binney dazu in «A Good American». Damit wurde der heute 73-jährige zu einem Pionier des digitalen Nachrichtendienstes.

Stasi auf Steroid

Binney war aber schon immer ganz entschieden gegen eine totale Überwachung. Auch damals, als er noch für die NSA arbeitete, die sich zu einer «Stasi auf Steroid» entwickelt, wie der Whistlebower sagt. Deshalb programmierte Binneys Team eine aufwendige Verschlüsselungstechnik: Wer sich hinter einem Datensatz verbirgt, sollten die Analysten erst sehen, wenn ein konkreter Verdacht vorliegt.

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Das digitale Ich

Das Dossier «Das digitale Ich» fragt, was die Überwachung durch Geheimdienste wie die NSA für die Gesellschaft und für jeden von uns bedeutet.

Damit könne man die Privatsphäre schützen, sagt Binney. Der damalige Direktor der NSA entschied sich jedoch für ein anderes Programm, genannt «Trailblazer», das im Unterschied zum vollautomatischen «ThinThread»-Programm die Privatsphäre der Internetnutzer nicht mit Verschlüsselung schützt. «Trailblazer» arbeitet nicht mit einem zielgerichteten Ansatz wie Binneys Lösung, sondern setzt auf umfassende Datenspeicherung.

Als Grund für die Entscheidung gegen «ThinThread» nennt der ehemalige NSA-Direktor Michael V. Hayden in seinen Memoiren die zu geringe Leistung des Programms: «Das Programm gab zu viele falsche Hinweise auf Vorgänge, die von nachrichtendienstlichem Wert sein sollten».

Trailer zu «A Good American»

0:45 min, vom 10.7.2016

Wer überwacht die Überwacher?

Es bleibt die Frage, ob die Zivilgesellschaft und die Politik überhaupt die Möglichkeit haben, zu kontrollieren, ob sich die Geheimdienste an die Gesetze halten. Für Binney ist die Antwort darauf klar: «Es braucht eine Gruppe von technisch sehr gut ausgebildeten Personen, am besten Hacker, denen man nach einer Prüfung die Erlaubnis gibt, dass sie sich unangekündigt die Daten der Nachrichtendienste anschauen können.»

Andernfalls könnten die Geheimdienste nicht kontrolliert werden. Auch nicht von einer parlamentarischen Untersuchungskommission, die in der Schweiz die Arbeit des Nachrichtendienstes überwacht? «Nur wenn die Mitglieder dieser Kommission über sehr gute technische Kenntnissen verfügen», sagt Binney. «Ansonsten gibt es keine Möglichkeit, dass irgendein Land überprüfen kann, was der eigene Nachrichtendienst ihnen erzählt.

Selbst die Regierungen werden von ihren Geheimdiensten ausspioniert. Das ist zumindest in den USA sowie in Grossbritannien gegenwärtig der Fall», sagt der Whistleblower. Die Zukunft der Demokratie muss also von Hacker verteidigt werden. Zumindest, wenn man William Binney folgt, der von 1969 bis 2001 für die NSA tätig war.

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