Dorothea von Flüe, verheiratet mit einem Heiligen

Dorothea Wyss heiratet 14-jährig Niklaus von Flüe. Sie gründen eine Familie, haben zehn Töchter und Söhne. Dann verlässt der Vater seine Familie, um als Eremit zu leben. Später wird er als Nationalheiliger «Bruder Klaus» verehrt werden. Wie war es, mit diesem Heiligen verheiratet zu sein?

Frau hält Kind, das sich die Hand vor den Mund schlägt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Dorothea von Flüe beim Abschied von Bruder Klaus. (Statue beim Kirchenturm in Sachseln, geschaffen 1991 von Rolf Brem.) bruderklaus

Dorothea von Flüe ringt. Sie ringt mit ihrem Schicksal und mit ihrem Ehemann. Niklaus von Flüe (um 1417 bis 1487) treibt es weg. Nicht zu einer anderen Frau, sondern, nach zwanzig Ehejahren, von seiner Frau und Familie weg, hin zu Gott. Gott rufe ihn in die Einsamkeit. Dorothea lehnt anfänglich das Ansinnen ihres Mannes kategorisch ab. Kläusli, das jüngste Kind, ist noch in Windeln gewickelt. Allmählich jedoch nimmt sie Anteil an der Berufung ihres Mannes und gibt ihr Einverständnis.

Ein Mann lässt seine Familie zurück

Der Bruder Klaus-Biograph Walter Nigg spricht 1976 von einem «schweren Konflikt, der ihre Ehegemeinschaft bis auf die Grundmauern erschütterte». Gleichzeitig gibt er zu bedenken: «Nikolaus‘ ausserordentliches Tun ist doch nicht mit der Tat eines Mannes zu vergleichen, der wegen einer anderen Frau seine Familie schmählich im Stiche lässt.»

Am 16. Oktober 1467 verlässt Niklaus von Flüe seine Familie in der Absicht, als Pilger zu wallfahren. Von Visionen geleitet, kehrt er bald um und lässt sich im Ranfttobel am Fluss Melchaa nieder, einen Steinwurf vom Wohnhaus seiner Familie entfernt. Seine Frau Dorothea ist nun verantwortlich für Haus, Hof und Familie. Sie kümmert sich um die Ernährung, die Vorräte, die Kleidung und die Erziehung der jüngeren Kinder. Die älteren Söhne besorgen den Hof. Niklaus war bereits vor seinem Weggang oft unterwegs, als Richter und als Kriegs- und Ratsherr.

Nah und doch so fern: Dorothea bleibt an Niklaus' Seite

Was geht in Dorothea vor? Welches Bild von Gott hat sie? Dorothea steigt, so ist es überliefert, gelegentlich zu Bruder Klaus in den Ranft hinunter, um mit ihm über häusliche Dinge oder die Erziehung der Kinder zu sprechen. Sie überzeugt sich persönlich davon, dass ihr Mann seinen inneren Frieden gefunden hat. Immer wieder begegnet sie Menschen, denen Bruder Klaus einen Ausweg aus einer Krise weist oder Trost spendet. Bei seinem Sterben im Jahr 1487 soll sie dabei gewesen sein.

Über Dorothea von Flüe ist so gut wie nichts bekannt. Es gibt nur wenige historische Quellen, die über sie Auskunft geben. Dorothea wird als Ehefrau und Beraterin ihres Mannes erwähnt. Verschiedene Autorinnen und Autoren haben sich im Lauf der Zeit mit der Frau im Schatten des grossen Heiligen befasst. Die Publizistin Klara Obermüller macht 1981 Dorothea zur zentralen Figur. «Ganz nah und weit weg. Fragen an Dorothee, die Frau des Niklaus von Flüe», heisst ihr Hörspiel. Es ist eine literarische Annäherung an Dorothea von Flüe.

Hätte man beide heilig sprechen sollen?

In einem fiktiven Gespräch spürt Klara Obermüller von Frau zu Frau der Angst und Ratlosigkeit dieser Frau nach und ergründet den Weg zu ihrem Ja zum Weggang ihres Mannes. Dorothea habe ihr Schicksal nicht einfach erduldet, sondern sei den Weg aktiv mit Niklaus gegangen. Sie habe in grossem Schmerz, aber im Vertrauen auf die Vorsehung Gottes letztlich den spirituellen Weg ihres Mannes bejaht. Erst sie habe es möglich gemacht, dass er zu Bruder Klaus, zum Friedensstifter und heiligen Mann geworden ist. Klara Obermüller hält fest: «Es gibt nur eine Kraft, die solche Nähe und Ferne zugleich aushält: die Liebe.» Walter Nigg bemerkt zu Recht: «Was Dorothea betrifft, darf man sich fragen, ob man sie nicht hätte mit Niklaus zusammen heilig sprechen sollen.»

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 03.11.2013 11:00

    Sternstunde Philosophie
    Frauen in der frühen Schweizer Geschichte

    03.11.2013 11:00

    Ob Werner Stauffacher oder Niklaus von Flüe: Die Geschicke der Schweiz wurden nicht ausschliesslich von männlichen Helden bestimmt. Im Gegenteil: Es gab sehr einflussreiche Frauen. Wer waren sie? Was hatten sie zu sagen? Ein Gespräch über die «andere» Schweizer Geschichte.