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«Lebenslänglich» – zwei Heimkinder erzählen
Aus Kultur-Aktualität vom 11.11.2018.
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Ehemalige Heimkinder erzählen «Zärtlichkeit gab's nur vom Hund»

Robi Minder und Diana Bach haben ihre Kindheit im Heim verbracht. Jetzt haben sie ihre Erlebnisse niedergeschrieben.

«Man ist nicht allein. Wenn man ein Leid trägt, ist es wichtig, dass man es teilen kann.» Davon ist Robi Minder (69) heute überzeugt. Er hat zehn Jahre seiner Kindheit in einem Heim in der Ostschweiz verbracht. Dort wurde 1957 auch Diana Bach (70) versorgt.

Als die offizielle Schweiz Jahrzehnte später die Fremdplatzierung von Kindern und die sogenannte administrative Versorgung von Erwachsenen aufzuarbeiten beginnt, begegnen sich die beiden wieder: «Es war, wie wenn keine Zeit vergangen wäre», sagt sie, und er ergänzt: «Wir waren uns unglaublich nah.»

Albtraum Waschküche

Im Buch «Lebenslänglich» – einem E-Mail-Briefwechsel, den die Journalistin Lisbeth Herger ordnet und kommentiert – schildern die ehemaligen Heimkinder nun, wie es ihnen in der «Villa Wiesengrund» ergangen ist: Zuneigung gab es keine, ein bisschen Zärtlichkeit nur vom Hund. Gewalt war an der Tagesordnung, der streng religiöse Drill liess kein Erbarmen zu.

Sie schreiben einander über ihre Verletzungen, die sich für immer in ihre Reaktionen und in ihre Körper eingeschrieben haben. So bedeutet es für Robi Minder heute noch psychischen Stress, eine Waschküche zu betreten. Denn das war der Raum, in dem er von der Heimmutter zur Strafe bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen wurde.

«Nichts Rechtes zu Essen»

Dass im Heim unter evangelikaler Leitung etwas nicht stimmte, wurde damals auch dem kantonalen Jugendamt in St. Gallen zugetragen. Dort traf im August 1968 eine anonyme Postkarte ein:

«Wertes Amt. Bekanntgebung. Im Kinderheim Wiesengrund in Auwil müssen wir als Nachbarn immer und wieder feststellen, dass Kinder schreien, Schläge bekommen und nichts Rechtes zu Essen.»

Behörden ignorierten Beschwerden

Ein Behördenvertreter macht einen Kontrollbesuch und spricht mit der Leiterin. Er rapportiert eins zu eins, was die Heimmutter zu Protokoll gegeben hat: «Wenn einmal ein Bub über das Knie genommen werden müsse, gebe der Mann Tätsch, aber von Hand.»

Diana Bach erfährt in den Akten, dass sie als Kind blutig geschlagen wurde. Doch niemand reagierte von Amtes wegen. Sie selbst habe diese Gewalt lange ausgeblendet, habe gedanklich hinter einem Schleier gelebt.

Selbstzweifel und Depressionen

Noch 50 Jahre später kämpfen der gelernte Bauzeichner und die Lehrerin mit ihren Belastungen. Sie wird heimgesucht vom Gefühl, sich dauernd entschuldigen zu müssen, und leidet unter Schlafproblemen.

Er hat Angst davor, Erwartungen nicht zu erfüllen oder vor anderen Menschen sprechen zu müssen. Immer wieder tauchen Selbstzweifel und Depressionen auf.

Ein Buch als Therapie und Befreiungsschlag

Doch ihr Briefwechsel ist mehr als eine Therapie. Er dokumentiert einen Prozess der Selbstermächtigung. So bestehen die beiden ehemaligen Heimkinder auf ihren Akten, um die schwarzen Löcher in ihren Biografien zu beleuchten.

Sie beteiligen sich am «Fo», an dem Behördenvertreter, Historikerinnen und Betroffene ins Gespräch kommen sollen. Sie werden aber dort nicht wirklich gehört. Deshalb schalten sie sich nun mit ihrem Briefwechsel kritisch in die öffentliche Debatte ein.

Diana Bach und Robi Minder verlangen im Buch «Lebenslänglich», dass in Zukunft mehr über das unterschiedliche Leid von Betroffenen gesprochen wird. Dabei sollen auch jene gehört werden, die sich in den Medien nicht so gut vermarkten lassen wie der «Verdingbub» oder der Fall Biondi.

Sie befreien sich damit ein Stück weit aus der Opferrolle und werden zu politisch Engagierten – in einer Geschichte, die noch immer nicht ganz aufgearbeitet ist.

Buchhinweis

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Lisbeth Herger: «Lebenslänglich. Briefwechsel zweier Heimkinder». Hier und Jetzt, 2018.

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Vom Heimkind zum Heimleiter: Sergio Devecchi erzählt von seinen Erfahrungen
27:27 min, aus Tagesgespräch vom 26.04.2017.
abspielen. Laufzeit 27:27 Minuten.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Henriette Rub  (ehb)
    Tatsache ist doch, dass in dieser Zeit kaum jemand von Kinderrechten gesprochen hat. Diese existierten ganz einfach NICHT. Kinder waren da, gewollt oder ungewollt, man versorgte sie in der Familien mit dem notwendigsten, hielt sie zur Mitarbeit an und schickte sie in die Schule. Zuwendung und Zärtlichkeit waren dünn gesät.
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  • Kommentar von Charles Dupond  (Egalite)
    Der fast nur jaehrliche Pflichtartikel ueber religioese Heimkindsklaverei eigener Buerger. Noch immer mit kafkaesken buerokratischen Schickanen nur selektiv bealmost, statt unkompliziert allen direkten und indirekten Opfern voll entschaedigt. Dafuer werden fast taeglich auslaendische Sozialtouristen bejammert, die sich freiwillig im Ausland in Gefahr begeben....
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  • Kommentar von Christoph Heierli  (help)
    Es gibt eigentlich nichts dazu zu sagen. Psychologische Betreuung hätten eigentlich die Amtsstellen und Heim Angestellten bitter nötig gehabt..
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    1. Antwort von Charles Dupond  (Egalite)
      Das Hauptvesagen des Systems bei der Heim- und Verdingkindsklaverei war der Einsatz filziger Vormuender, welchen die Schonung der Waisenkasse wichtiger war als die Wohlfahrt der Waisen. Das Gesetz haette vorsehen sollen, dass Waisen und ihre Rechte von erfahrenen Polizisten eines anderen Kantons als Vormunde, die noetigenfalls von einem ebenso unabhaendigen wie erfarenen Anwalt verstaerkt werden, durchgesetzt, statt von einem Lokalfilzvormund verraten werden....