Ein Amerikaner kämpft allein gegen den Kreml

Der Amerikaner Bill Browder war einst der grösste Investor in Russland und ein Bewunderer Putins. Heute ist er ein erbitterter Gegner des Kremls. Der Tod seines Anwalts hat aus dem Geschäftsmann einen Menschenrechtsaktivisten gemacht. Nun hat er seine Geschichte veröffentlicht – ein wahrer Thriller.

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Bildlegende: Browder wird zum grössten Investor in Russland. Bis ihm Putin 2005 die Einreise verweigert und die Firmen beschlagnahmt. Getty Images

Für das offizielle Russland ist der Amerikaner Bill Browder ein verurteilter Krimineller: Der Kreml hat – vergeblich – versucht, ihn über einen internationalen Haftbefehl zu fassen. Browders Version der Dinge ist eine völlig andere. Er hat sie publiziert in seinem Buch ««Red Notice. Wie ich Putins Staatsfeind Nr. 1 wurde.» Es ist eine schier unglaubliche Geschichte, die Anfang der 1990er-Jahre in Russland beginnt.

Die Grossmutter war Russin

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Buchhinweis

Bill Browder: «Red Notice. Wie ich Putins Staatsfeind Nr. 1 wurde.» Übersetzt aus dem Englischen von Hans Freundl, Sigrid Schmid, Hanser, 2015.

Der junge Browder kommt damals nach Russland. Das Land kennt er lediglich vom Hörensagen. Allerdings war seine Grossmutter Russin und sein Grossvater Vorsitzender der Kommunistischen Partei der USA. Doch Browder will als Kapitalist Karriere machen. Russland wird zu dieser Zeit einem gigantischen Privatisierungs-Experiment unterzogen: Das Staatseigentum wird über Anteilsscheine an die Bevölkerung verteilt. Der Grossteil der Russen verkauft die Anteile weiter. So kann Browder Aktien von wichtigen Unternehmen zu sehr günstigen Bedingungen erwerben.

Browder wird zum grössten Investor in Russland. Zu seinen besten Zeiten verwaltet seine Firma 4.5 Milliarden Dollar. Und Browder verdient gut dabei. Der Amerikaner tritt ausserdem mehrmals Anti-Korruptionskampagnen los. Präsident Putin, der damals an die Macht kommt, lässt Browder gewähren. Browder glaubt, Putin sei selber interessiert daran, mit der Korruption aufzuräumen.

Der Anwalt wird gefoltert – und stirbt

Doch 2005 wird Browder die Einreise nach Russland verwehrt, und man erklärt ihn zum Risiko für die nationale Sicherheit. Der Geschäftsmann zieht darauf sein Geld aus Russland ab. Übrig bleiben ein Büro und leere Firmen. Dort kommt es wenig später zu einer grossen Razzia. Die Polizei beschlagnahmt dabei Originaldokumente. Dann erfährt Browder, dass seine Firmen mit Hilfe der gestohlenen Dokumente neu registriert wurden. Die neuen Eigentümer lassen sich Steuern im Umfang von 230 Millionen rückerstatten – Steuern, die Browders Firmen zuvor gezahlt hatten.

Browders Anwalt Sergej Magnitsky reicht gegen die beteiligten Polizei- und Steuerbeamten Klage ein. Doch dann wird Magnitsky verhaftet. Nach mehrmonatiger Untersuchungshaft stirbt er im Gefängnis. Browder sagt, er habe Beweise dafür, dass Magnitsky gefoltert wurde und deswegen starb.

WEF 2012: Interview mit Bill Browder

8:19 min, vom 27.1.2012

Vom Kapitalisten zum Friedensaktivisten

Browder krempelt sein Leben vollkommen um. Er schwört sich, alles zu tun, um Gerechtigkeit für Magnitsky zu erlangen. Er wendet sich an den amerikanischen Kongress. Mittels eines Gesetzes soll den am Tod von Magnitsky Beteiligten die Einreise in die USA verunmöglicht und ihre Konten gesperrt werden. 2012 wird der amerikanische Magnitsky Act verabschiedet.

Doch Browders Mission ist noch nicht zu Ende. Zurzeit versucht er, auch Europa von einem entsprechenden Gesetz zu überzeugen. Inzwischen hat ein russisches Gericht Browder und auch den toten Magnitsky verurteilt – wegen Steuerhinterziehung. Doch Untersuchungen und Berichte, unter anderem einer des Europarats, zeigen: Browders Version der Geschichte ist plausibel. Ausserdem erhält er Support von regierungskritischen Kreisen in Russland.

Weitermachen – Todesdrohungen zum Trotz

In Russland könne es sehr brutal zu- und hergehen, erzählt Browder im Gespräch. Es sei wie auf einem Gefängnishof: Nur der Stärkere überlebe und Kompromisse würden als Schwäche ausgelegt. Diese Erfahrung prägt auch Browders Sicht der Dinge in Sachen Ukraine. Russland müsse man mit Gegendruck begegnen.

Browder selber hat sich nie kleinkriegen lassen. Sogar Todesdrohungen halten ihn nicht davon ab, mit seiner Kampagne weiter zu fahren. Inzwischen geht es ihm aber nicht mehr nur um seinen toten Anwalt. Er sagt, er wolle der Welt zeigen, wie korrupt und kriminell das System Putin sei.

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