Ein Schutzbunker für das pflanzliche Erbe der Menschheit

In einem Saatguttresor auf Spitzbergen lagern Samen aus der ganzen Welt. Ein Backup für den Fall, dass Kriege, Katastrophen oder der Klimawandel unsere Kulturpflanzen vernichten. Doch es gibt auch Kritik: An der Anlage sind auch grosse Gentech-Firmen beteiligt.

Longyearbyen, 1200 Kilometer vom Nordpol entfernt: Hier, im norwegischen Spitzbergen, wird Saatgut verwahrt. Wo früher Braun- und Steinkohle abgebaut wurde, lagern heute in einem eisigen Berg knapp 865'000 Samenproben von Mais, Reis, Weizen und anderen Nutzpflanzen. In Plastikboxen verpackt, geschützt vor Erdbeben, saurem Regen und radioaktiver Strahlung. Sie sollen nach einem Katastrophenfall helfen, die Erde wieder zu kultivieren.

6.3 Millionen Euro Baukosten

Von aussen ist nur das betonierte, schmale Eingangsportal sichtbar. Auf die Nutzung des Stollens weist ein improvisiertes, an Holzpfählen angebrachtes Schild auf der Zufahrtsstrasse hin: «Svalbard Global Seed Vault».

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Samenbank Interaktiv

Samenbank Interaktiv

Wer nicht nach Norwegen reisen möchte, kann der Samenbank in Svalbard einen virtuellen Besuch abstatten:

Svalbard Global See Vault Interactive

2006 hatte man mit dem Bau der Einlagerungsanlage begonnen, 2008 wurde sie in Betrieb genommen, erklärt Brian Lainoff. Der US-Amerikaner arbeitet für den «Global Crop Diversity Trust». Der Welttreuhandfond für Kulturpflanzenvielfalt ist eine unabhängige internationale Organisation mit Sitz in Bonn und zuständig für den «weltweiten Saatgut-Tresor Spitzbergen». Der Crop Trust trägt die Hälfte der jährlichen Betriebskosten von mindestens 100'000 Euro trägt.

Der norwegische Staat zahlt den anderen Teil. Die Baukosten von etwa 6.3 Millionen Euro hat Norwegen übernommen. Warum unterstützt das Land den Global Seed Vault? «Der Klimawandel schreitet voran, deshalb ist es wichtig, ein Backup-System zu haben», erklärt Norwegens Klima- und Umweltministerin Tine Sundtoft und ergänzt: «Wir übernehmen Verantwortung, um die Artenvielfalt zu gewährleisten.»

Minus 17.9 Grad Celsius im Stahlbunker

Lainoff öffnet die zweiflügelige Stahltür, dahinter ist ein erster betonierter Vorraum zum Anlegen der Sicherheitshelme und -kleidung. Kühle Luft schlägt dem Besucher entgegen. Dann, nach zirka 10 Metern, die zweite Stahltür. Dahinter führt ein röhrenartiger 120 Meter langer, leicht nach unten abfallender betonierter Tunnel tief in den Berg. Kaltes Neonlicht wird vom geweissten Boden reflektiert. Die Schritte hallen an den Wänden aus gewelltem Metall wieder. An der Decke hängt das silbrig schimmernde Leitungssystem, unter anderem für die Kühlanlage. Die Temperatur beträgt in diesem Bereich konstant Minus sieben Grad Celsius – Sommer wie Winter.

Longyearbyen, die Hauptstadt Spitzbergens Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Hauptstadt Spitzbergens: Knapp 2500 Menschen leben in Longyearbyen mit seinen bunten Holzhäusern am Adventdalen,... Michael Marek

Nach 120 Metern im gut belüfteten Stollen die nächste Stahltür. Eiskristalle überwuchern sie ebenso wie die Wände und Rohre in deren Nähe. Dahinter befindet sich das Herz des Saatguttresors: drei Lagerräume – alle bedeckt von einer dicken, trockenen Eisschicht: Minus 17.9 Grad Celsius zeigt der Kältefühler. Zusammen verfügen sie über eine Gesamtkapazität für 2.25 Milliarden Samen.

Durchschnittlich dreimal im Jahr herrscht hier geschäftiges Treiben. Dann werden die Samen angeliefert und verschwinden im Stollen. Der Hauptlagerraum ist 10 mal 27 Meter gross, in Längsreihen stehen blau-rot-graue Hochregale – alles Marke Billigbaumarkt. Draussen die Schönheit der Landschaft, innen ein langer betonierter Korridor und ein kleiner Raum mit Regalen und Saatgut aus 217 Ländern.

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Über 10‘000 Samen von Kulturpflanzen lagern in der Schweizer Genbank in Changins. Sollte es dort je zu einer Katastrophe kommen, gibt es Dubletten im internationalen Samenbunker in Spitzbergen – als letzte Reserve für den Notfall.

Arche Noah der Kulturpflanzen

Eingefrorenes Saatgut kann sich nicht weiterentwickeln

Es gibt aber auch Einwände gegen den sogenannten «Doomsday Vault»: Wäre es nicht sinnvoller, finanzielle und politische Ressourcen dafür einzusetzen, Ökosysteme durch Schutzgebiete für Nutzpflanzen zu sichern? Muss man nicht die globalen Umweltprobleme bekämpfen und dafür sorgen, dass Nutzpflanzen gar nicht erst aussterben, bevor man ihre Samen im Permafrost Spitzbergens einlagert? «Wir müssen beides tun», rät Direktor Kim Holmén vom norwegischen Polarinstitut. «Denken Sie nur an Syrien. Dort hat nicht der Klimawandel zu all den Zerstörungen einschliesslich der Genbank geführt.» Das Fazit des Wissenschaftlers: «Wir müssen die Samen vor uns selber schützen.»

Für Matthias Meissner vom WWF Deutschland ist der Saatguttresor zwar eine Möglichkeit, Saatgut aufzuheben, «aber viel wichtiger ist es, die Pflanzen und das Saatgut in-situ, also direkt bei den Landwirten oder auch in Schulen zu bewahren. Damit geben wir dem Saatgut und der Nutzpflanze die Möglichkeit, sich den Veränderungen im Klima anzupassen.» Diese Methode sei zwar arbeitsintensiver, aber: Die Widerstandsfähigkeit einer Pflanze oder eines ganzen Ökosystems sei im Wesentlichen von der genetischen Vielfalt abhängig – von der Fähigkeit, mit Einschränkungen umzugehen, die Folgen von Umweltveränderungen wie Hitze, Trockenheit und Versalzung zu bewältigen.

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Global Crop Diversity Trust

Der Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt ist eine unabhängige internationale Organisation mit dem Ziel, die Vielfalt an Sorten des Saatgutes von Nutzpflanzen zu bewahren. Er ist ein Gemeinschaftsunternehmen der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) und der Consultative Group on International Agricultural Research (CGIAR).

Globale Gentech-Unternehmen reden mit

Zu den Unterstützern des Crop Trust gehören Einzelstaaten wie Ägypten, Australien, Brasilien, Deutschland, Kolumbien oder die USA. Aber auch Firmen wie DuPont/Pioneer Hi-Bred und Syngenta. Kritiker werfen dem Unternehmen sein Engagement auf dem Gebiet der Gentechnik vor. Zudem wird Syngenta verantwortlich gemacht, durch den Verkauf des Herbizids Paraquat Vergiftungs- und Todesfälle von Landarbeitern in Kauf zu nehmen. Pioneer war das erste Unternehmen, das transgenen Mais entwickelt hat, der in Deutschland wegen möglicher Umweltrisiken verboten ist. Für den WWF stehen die industriellen Eigeninteressen solcher Unternehmen im Gegensatz zur Idee des «Global Seed Vault».

Selbst wenn globale Unternehmen nicht am Crop Trust beteiligt wären, so bliebe doch eine andere Tatsache bestehen: Die Überlebenden einer Katastrophe wüssten nicht, ob das Saatgut bei veränderten Klimabedingungen überhaupt gedeihen würde. «Eine Flaschenpost an die Zukunft» nennt das die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann: «Eine Kommunikation in eine Nachwelt hinein, von der wir überhaupt nicht uns vorstellen können, wie sie aussieht.»

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