Eine Generation zwischen Befreiungskampf und Miss-Wahl

Junge Tamilinnen und Tamilen sprechen Schweizerdeutsch, doch richtig integriert fühlen sie sich nicht. Die Nachkommen der einstigen Kriegsflüchtlinge sind erwachsen. Aber es fällt ihnen oft schwer, sich von den Eltern zu lösen. Viele Tamilen der zweiten Generation leben zwischen zwei Welten.

Acht tamilische Frauen in traditionellen, farbigen Gewändern auf einer Bühne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Teilnehmerinnen der «Miss Tamil Switzerland»-Wahl kämpfen nicht nur ums Krönchen. Sondern auch für mehr Freiheiten. SRF / Regula Rutz

Nivethan Nanthakumar verbringt seine freie Zeit gern am Rhein. Für den in Basel geborenen Tamilen bedeutet der Rhein Heimat. Seine Eltern kamen vor seiner Geburt in die Schweiz. Sie waren Flüchtlinge des jahrzehntelangen, blutigen Bürgerkriegs in Sri Lanka.

Nivethan bezeichnet sich am liebsten als Tamil-Schweizer. Oder als Schweizer Baum mit tamilischen Wurzeln. Sri Lanka kennt der junge Mann nur aus den Ferien. Wie die meisten Kinder tamilischer Eltern.

Die Reise nach Sri Lanka ist für viele Nachkommen unerschwinglich, denn oft haben die Eltern schlecht bezahlte Jobs, viele arbeiten in der Gastronomie. Umso wichtiger sind ihnen ihre tamilische Kultur, deren Werte und Traditionen und auch die Sprache. In der Schweiz leben heute rund 50'000 Menschen tamilischen Ursprungs, viele sind eingebürgert. Die junge Generation kennt die Heimat ihrer Eltern höchstens von Verwandtenbesuchen während der Schulferien.

Kolonialmacht, Unabhängigkeit, Bürgerkrieg

Die Rivalitäten zwischen den beiden Volksgruppen in Sri Lanka, den Singhalesen (ca. 75 Prozent, meist Buddhisten) und den Tamilen (ca. 18 Prozent, meist Hindus), gehen weit zurück.

Die britische Kolonialmacht verstärkte die Rivalitäten in Sri Lanka (damals Ceylon) noch. Sie beschäftigte in ihrer Verwaltung vor allem Tamilen, denn diese waren traditionell gut ausgebildet. Nach der Unabhängigkeit 1948 wurde die Insel immer mehr «singhalesiert». Die mehrheitlich singhalesische Regierung diskriminierte die tamilische Bevölkerung zunehmend: 1956 erklärte sie Singhalesisch zur einzigen Amtssprache. 1970 beschränkte sie durch Quoten die Universitätszulassungen für Tamilen.

Die Rivalitäten eskalierten im Juli 1983 und mündeten in einen bewaffneten Konflikt zwischen der Armee Sri Lankas und tamilischen Separatisten. Besonders die LTTE, die Liberation Tigers of Tamil Eelam, auch Tamil Tigers genannt. Die LTTE kämpfte für einen unabhängigen tamilischen Staat.

Beide Seiten schossen auf das Volk

Im Mai 2009 kam es zum blutigen Ende des Krieges: Tausende Zivilisten, die in die sogenannte No-Fire-Zone geflüchtet waren, wurden beschossen. Von der sri-lankischen Armee ebenso wie von Kämpfern der LTTE. Laut Uno sollen dabei rund 40'000 Menschen getötet worden sein, tamilische Quellen gehen von noch mehr Opfern aus. Zudem löschte die Armee die LTTE aus. Die sri-lankische Regierung weigert sich bis heute, die Kriegsverbrechen von unabhängigen Experten untersuchen zu lassen. Insgesamt sind laut Uno während des Bürgerkrieges 100'000 Menschen getötet worden.

Das Kriegsende hat die jungen Schweiz-Tamilen verändert

Die verweigernde Haltung der sri-lankischen Regierung, wie auch die hohe Opferzahl unter der Zivilbevölkerung haben heute grossen Einfluss auf die jungen Tamilen in der Diaspora. Auch in der Schweiz. Der Basler Nivethan Nanthakumar (20) stellt fest, dass es, seit die LTTE zerschlagen worden ist, mehrere neue politische Gruppierungen gebe. Die junge Generation wolle die tamilische Politik mitbestimmen.

Dies führe zu Unstimmigkeiten innerhalb der Organisationen und zwischen den Generationen, bestätigt die tamilische Wissenschaftlerin Tanuja Thurarajah, die zurzeit die tamilische Diaspora in der Schweiz untersucht. Die Eltern-Generation wirft den Jungen vor, nicht genug zu wissen über den Konflikt. Und die Jungen sind der Meinung, dass es nun Veränderungen brauche, dass man zum Beispiel mehr auf moderne Kommunikationsmittel setzen müsste.

Viele junge Tamilen im Ausland möchten sich für die Selbstbestimmung der Tamilen in Sri Lanka einsetzen. Sie fordern unter anderem eine Abstimmung unter den Tamilen darüber, wie sie in Zukunft leben möchten. Die junge Generation sucht nach neuen Formen der politischen Mitwirkung und Selbstbestimmung, bis hin zu einem unabhängigen tamilischen Staat, wofür sich die Generation ihrer Eltern schon einsetzte.

Mädchen fordern Freiheiten

Nicht nur die politische Diskussion führt zu Spannungen innerhalb der tamilischen Gemeinschaft, auch die unterschiedlichen Lebenswelten. In vielen Familien werde nicht offen geredet, bestätigen junge Tamilinnen und Tamilen. Es gibt nach wie vor viele Tabus wie Sex und Partnerschaften.

Vor allem für die Mädchen gelten meist strengere Regeln. Die ältere Generation habe die Werte konserviert, die sie vor 30 Jahren mitgenommen habe, sagt Kuruparan Kurusamy (21). Er kam mit 12 Jahren in die Schweiz – allein, ohne seine Familie – und hat den Krieg in Sri Lanka noch miterlebt. Während sich das Leben und die Haltung der Tamilen in Sri Lanka verändert hätten, würden die tamilischen Eltern in der Schweiz noch an diesen Werten festhalten, sagt er.

Erste «Miss Tamil Switzerland»-Wahl ist ein Befreiungsschlag

Wie verhärtet die Fronten zwischen Jung und Alt sein können, hat auch Theshoth Treethan (24) zu spüren bekommen. Er ist der Organisator der ersten «Miss Tamil Switzerland»-Wahl. Bis die Wahl durchgeführt werden konnte, mussten sich die Jungen viele Beleidigungen und Drohungen anhören. Für die erste Generation ging eine solche Veranstaltung zu weit. Eine Miss-Show passe nicht in die tamilische Kultur, so die Kritik.

Nebst möglichen Model-Engagements standen für den Organisator wie auch für die Teilnehmerinnen die Frauen im Mittelpunkt: In der tamilischen Kultur soll sich die Frau zurückhalten und anpassen und vor allem dem Mann dienen. Die jungen tamilischen Frauen an der Miss-Wahl wollten aber anderen Frauen Mut machen, ihre Träume, ihre eigenen Ziele zu verfolgen.

Kinder der Küchenhilfen: Zweite Generation will ernst genommen werden

Auf die Situation der tamilischen Secondos in der Schweiz aufmerksam machen, möchten auch Kuruparan Kurusamy und Nivethan Nanthakumar. Sie möchten einen Film drehen und ein paar junge Tamilinnen und Tamilen porträtieren. Der Film richtet sich aber nicht nur an die Eltern-Generation der Tamilen, sondern an die Bevölkerung der Schweiz.

Denn die zweite Generation der Tamilen werde in der Schweiz noch immer als Ausländer wahrgenommen, sagt Nivethan Nanthakumar. Immer wieder werde er auf Hochdeutsch angesprochen und für einen Küchengehilfen gehalten. Die Schweiz solle sich daran gewöhnen, dass sie mit der jungen tamilischen Generation bunter werde.

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