Eine haarige Angelegenheit: Die Tuareg Geige und die Unesco

Die Tuareg-Geige «Imzad» wird Weltkulturerbe der Unesco. Nicht nur das Instrument sondern sowohl ihr Bau als auch ihr Repertoire sind auf der Liste des immateriellen Weltkulturerbes. Das ist eine besondere Ernennung, denn hinter der Bauweise verbirgt sich eine jahrhundertealte Tradition.

Geige der Tuareg aus einem Kürbis, Hals und Saiten aus Pferdehaar bestehend. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die «Imzad», die Geige der Tuareg wird Weltkulturerbe. WIKIMEDIA

Die Liste des immateriellen Weltkulturerbes ist um einen Posten länger geworden: Die Geige der Tuareg-Gemeinschaften in Algerien, Mali und Niger. Sowohl die Saite der Izmad, als auch ihr Bogen ist aus Pferdehaar. Gespielt wird die Tuareg-Geige traditionell von Frauen, schon deswegen ist ihre Ernennung zum immateriellen Weltkulterbe eine besondere.

Aber es geht noch weiter mit den Besonderheiten: Selten sind Ernennungen so konkret. Und selten gehen mehrere Staaten gemeinsam den langen Weg durch die Unesco-Bürokratie. Bei der Imzad macht das mehr als Sinn: die einsaitige Kniegeige ist in der ganzen Westsahara und dem Sahel-Streifen verbreitet. Und die Tuaregs tun sich als traditionelles Nomadenvolk schwer mit Grenzen und Nationalstaaten.

Eine haarige Angelegenheit

Die Unesco hält ihre schützende Hand nicht nur über das Instrument und sein Repertoire, sondern auch über seine Bauweise. Über einen Kürbis wird Ziegenfell gespannt, das bunt verziert wird. In der Tuareg-Sprache bedeutet Imzad soviel wie «Haar»: sowohl die Haare des halbkreisförmigen Bogens, als auch die über den Kürbis gespannte Saite sind aus kostbarem Pferdehaar.

Die Tuareg-Tradition besagt, dass nur Frauen die Imzad bauen und spielen dürfen. Der Part der Männer ist es, die Lieder zu komponieren und sie mit möglichst hoher Stimme vorzutragen. Nur einige Freudenjodler werfen Männer und Frauen gemeinsam dazwischen.

Die Tradition der Frauen

Eine dritte Besonderheit der Ernennung ist also, dass mit der Imzad eine typisch weibliche Kulturpraxis auf der Welterbeliste steht. Obwohl die Tuareg-Gemeinschaften islamisiert sind, unterscheiden sie sich vor allem in Bezug auf die gesellschaftliche Stellung der Frau von den arabischen Moslems. Anders als im Islam entscheidet die Frau, wen und wann sie heiraten will. Nicht sie verschleiert sich – sondern der Mann. Die Tuaregs haben den Koran auch so ausgelegt, dass er mit ihrem Geisterglauben vereinbar ist. Ohne diese Sonderregelungen hätte es auch die Imzad schwer: denn ihr weicher und melancholischer Klang soll böse Geister vertreiben und die Schmerzen von Kranken lindern.

Gegen die Unterdrückung

Die Lieder, welche die Frauen auf der Imzad begleiten, handeln von Heldenabenteuern aus vergangenen Zeiten. Sie erzählen aber auch von täglichen Problemen: vom quälenden Durst in der Wüste, von der Armut und von den vielen Unterdrückungen. Denn immer wieder mussten die Tuaregs um das Recht kämpfen, als autonomes Volk anerkannt zu werden. Durchsetzen mussten sie sich gegen die Kolonialmacht Frankreichs, gegen das sozialistische Regime Algeriens oder heute zunehmend auch gegen die Islamisten. Das führt immer wieder zu Konflikten, unter denen auch die Imzad-Praxis leidet.

Der Listenplatz und die Folgen

Die Ernennung hat also auch eine politische Dimension. Bedroht sieht die Unesco die Imzad aber vor allem, weil immer weniger Frauen Imzad bauen und spielen lernen. Heute wohnen viele Tuaregs in der Stadt und hören rockigen Tuareg-Gitarrensounds. Offen bleibt, ob die Unesco mit ihren Bewahrungsmassnahmen die jungen Menschen bewegen kann, wieder Imzads zu bauen und traditionelle Lieder zu singen.

Die Unesco schlägt ein «Management» vor, um das Erbe der Tradition zu bewahren. Was sich hinter dem Wort «Management» verbirgt, sagt die Unesco nicht. Auch nicht, ob sie an eine touristische Vermarktung denkt: Imzad-bauen als Attraktion auf der Wüstentour abenteuerlustiger Europäerinnen und Europäer? Solch eine Massnahme würde die Tradition wohl kaum lebendiger machen.