Müllserie «Einmal habe ich eine Pistole aus dem Müll gezogen»

Wo gefeiert wird, da gibt es Abfall. Die Müllberge: Auch sie gehören zu Weihnachten und Silvester – und kleiner werden sie nicht. Davon können uns die Männer von der Kehrichtabfuhr ein Lied singen. Wie erleben sie die Kehrseite des Konsums?

Der Müllmann Ramazan Şimşek bei der Arbeit Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Müllmann Ramazan Şimşek durchsucht den Abfall von Istanbul nach wertvollen Gegenständen. SRF

SRF: Was ist das Absurdeste, das Sie je entsorgen mussten?

Ramazan Şimşek: Einmal habe ich 500 Türkische Lira (ca.150 Schweizer Franken) in einer Mülltonne gefunden. Dafür muss ich sonst mindestens acht Tage arbeiten, von früh morgens bis abends – zehn Stunden ohne Pause. An diesem Tag habe ich direkt Feierabend gemacht.

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Zur Person

Ramazan Şimşek bezeichnet sich selbst als freischaffender Müllmann. Der 25-Jährige zieht Tag und Nacht durch Istanbul und durchsucht die Mülltonnen nach Material, das er zum Kilopreis an Recyclingfirmen weiterverkauft.

Ein anderes Mal habe ich eine Pistole aus dem Müll gezogen. Zuerst habe ich einen richtigen Schreck gekriegt, als ich sie da liegen sah. Wer weiss, was damit schon alles angestellt wurde? Ich habe sie dann schnell eingesteckt und später an einen Mann verkauft.

Welchen Gegenstand aus Ihrem Besitz würden Sie nie wegwerfen?

Wenn ich die Mülltonnen nach recyclebarem Material durchsuche, finde ich jede Menge Brotreste darin. Für mich ist das eine grosse Sünde: Brot wegzuschmeissen, während Menschen auf der Welt hungern. Ich selbst würde nie ein Stück Brot in den Müll werfen.

Und wenn es um einen richtigen Gegenstand geht, den ich nicht wegschmeissen würde, dann wären das mein Handy und die Kopfhörer daran. Während ich mit meiner Sackkarre durch die Strassen ziehe, höre ich von morgens bis abends Musik. Dazwischen spreche ich mit meiner Familie. Ohne mein Handy könnte ich nicht leben, auch wenn es schon ziemlich alt und kaputt ist.

Wie sind Sie Müllmann geworden?

Ich komme eigentlich aus Urfa, einer Stadt im Südosten der Türkei. Dort herrscht grosse Arbeitslosigkeit. Für junge Männer wie mich gibt es keine Jobs. Und wenn man doch etwas findet, dann verdient man vielleicht 30 Lira (8,70 CHF) am Tag. Mit so einem Gehalt kann man keine Braut finden, weil man die Hochzeit nicht finanzieren könnte. Und eine Familie kann man davon natürlich auch nicht ernähren.

Viele von uns gehen deswegen nach Istanbul oder Ankara – und sei es, um dort die Mülltonnen zu durchsuchen, wie ich es tue. Hier verdiene ich zumindest genug, um meine kleine Familie im Südosten zu unterstützen. Meine Frau bekommt in zwei Monaten ein Kind!

Wie viel verdienen Sie im Tag?

Ich verdiene zurzeit 50-60 Lira am Tag, das sind etwa 15 Schweizer Franken. Aber das kommt, weil ich noch nicht lange in Istanbul bin und mich noch nicht gut genug auskenne. Ich weiss, dass es andere, erfahrene Müllsammler gibt, die bis zu 100 Lira (29 Schweizer Franken) am Tag verdienen. Das ist dann schon mehr als der türkische Mindestlohn. Der beträgt 1300 Lira im Monat (380 Schweizer Franken). Aber ganz ehrlich: Auch das reicht in einer Stadt wie Istanbul längst nicht mehr, um eine Familie zu ernähren.

Auf was sind Sie stolz in Ihrem Beruf?

Ich kann nicht sagen, dass ich stolz darauf bin, Müllmann zu sein. Meine Arbeit stinkt, sie ist dreckig und die Leute starren mich an, wenn ich mit meinem Karren vorbeikomme oder in einer Tonne wühle. Aber zumindest verdiene ich mein eigenes Geld, und zwar auf eine ehrliche Weise. Darauf bin ich stolz.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Ich habe nicht viel Freizeit, weil ich jeden Tag zehn Stunden durch die Strassen laufe und danach todmüde bin. Aber wenn ich doch mal eine Pause mache, dann bin ich auf Facebook. Oder ich telefoniere mit meiner Frau und meinen Brüdern in Urfa.

Was gefällt Ihnen an Istanbul?

Ein Mensch kann keine Stadt so schön finden, wie seine Heimat. Istanbul ist also nicht so schön wie Urfa. Aber was mir hier gefällt, ist, dass die Strassen sehr sauber sind. Die Istanbuler schmeissen viel weniger Müll auf den Boden als die Leute bei uns im Südosten.

Und dann ist da natürlich der Bosporus. Manchmal, wenn ich mit meinem Karren am Ufer vorbeikomme, gönne ich mir eine kurze Pause und schaue einfach nur hinaus aufs Wasser: die Boote, die Möwen, die Minarette der Moscheen am anderen Ufer. Das sind die schönen Seiten Istanbuls. Aber Leute wie ich haben nur selten Zeit, sie zu betrachten.

Welchen Wunsch haben Sie für Ihre Zukunft?

Meine Frau und ich teilen uns in Urfa eine Wohnung mit meinen Eltern, weil wir uns kein eigenes Zuhause leisten können. Ich wünsche mir, dass wir eines Tages mit unseren Kindern in eine eigene Wohnung ziehen können. Und auch, dass ich eine sauberere Arbeit als diese finde, um das zu finanzieren.

Ansonsten habe ich eigentlich keine wirklichen Wünsche auf dieser Welt. Wie jeder Moslem beziehen sich meine Träume aufs Jenseits, darauf, eines Tages als guter Mensch ins Paradies zu kommen.

Das Gespräch führte Luise Sammann.