English Sparkling statt Champagner

Extreme Wetterkapriolen stellen den weltweiten Weinbau vor grosse Herausforderungen. Aber die Klimaerwärmung bringt auch positive Wendungen mit sich: Im Norden Europas wächst eine neue Weinkultur. In England zum Beispiel gewinnt der Weinbau rasant an Boden und Bedeutung.

Ein Pub mit Hang zum Wein. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Welt steht Kopf: Guter Wein jetzt auch im Pub? Brigitte Häring

Der Klimawandel ist das vorrangige globale Umweltproblem. Polkappen drohen zu schmelzen, Inseln unterzugehen und auch die Gletscher in der Schweiz werden dramatisch kleiner. Und auch der weltweite Weinbau steht vor grossen Herausforderungen – es wird heisser im Süden, die lange Trockenheit macht den Trauben zu schaffen und manchmal vernichten verheerende Regenfälle und Hagel ganze Jahrgänge.

Gleichzeitig verschiebt sich langsam aber sicher die Grenze nach Norden: In Holland, Dänemark, ja sogar in Schweden wird Wein angebaut und in England ist die Weinindustrie stark am Wachsen. Eine Entwicklung, die sehr rasant voran schreitet.

Weinfässer in England. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Neue Staatsbügerschaft: Dieser «Cuvée noir» ist Brite. Brigitte Häring

Nutzniesser des Klimawandels sind die Nordländer

Jancis Robinson, Mitherausgeberin des grossen Weinatlas von Hugh Johnson, schreibt im Vorwort der letzten Ausgabe vom Jahr 2008: «Die vielleicht bemerkenswerteste Gesamtentwicklung seit der letzten Ausgabe vor sieben Jahren ist der Klimawandel in fast allen Teilen der Welt und seine Auswirkungen auf die Art der erzeugten Weine. Nutzniesser der globalen Erderwärmung sind die Weinbauern am nördlichen Rand des Weinbaugürtels.»

Spanien heute, morgen Schottland?

Und im immerhin schon über 200seitigen Weinatlas von England und Wales steht zu lesen, dass man wohl ab 2080 an den Hängen des schottischen Loch Ness Weine anpflanzen könne und die «Côte d'Ecosse» im 22. Jahrhundert zu den bevorzugten Weinlagen gehören werde.

So weit ist der Klimawandel zwar noch nicht fortgeschritten, aber die Produktion in England wächst jährlich stark – und auch wenn die südlichen Provinzen am meisten Wein produzieren, gibt es bis auf die Höhe von York Weingüter auf der britischen Insel. Im Klimawandel scheinen die nördlichen Länder zumindest für den Weinanbau zu profitieren. Ist das tatsächlich so?

Eine Reise von Süden nach Norden, ins italienische Chianti, ins französische Burgund und über die Schweiz schliesslich nach Südengland zeigt: Der Klimawandel stellt alle Winzer vor Probleme – auch die in England.

Es geht um Wissen, nicht ums Wetter

Natürlich profitiere der Weinbau von einer globalen Erwärmung, sagt Sam Linter, Winzerin und Besitzerin des Weinguts Bolney Estate in Sussex. Sie könne dank dem Klimawandel nun auch gute Rotweine keltern. Aber die guten und in internationalen Wettbewerben oft ausgezeichneten Schaumweine seien nicht dem Klimawandel, sondern dem wachsenden Weinwissen in Grossbritannien zu verdanken.

Regal mit Englischem Schaumwein Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Schämpis» à l'Anglaise Brigitte Häring

Das Wetter: Segen und Fluch zugleich

Schwierig am Klimawandel sei, so sind sich alle Winzer von Süden bis Norden einig, die Unberechenbarkeit des Wetters, die mit der globalen Erwärmung einhergeht.

Und während Winzer im Süden mit langen Trockenperioden kämpfen, wie Simone Petri vom Gut Rocca di Cispiano in Castellina in Chianti, müssen englische Winzerinnen wie Sam Linter mit halbjährigem Dauerregen klar kommen.

Wohin die Reise geht, wissen die Winzer noch nicht. Aber Länder wie England können für traditionelle Weinbiete schon bald eine ernstzunehmende Konkurrenz werden – zum Beispiel für die Champagne, mit ihren hervorragenden Schaumweinen.

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