Erdogan statt Micky Maus: Comics und Karikaturen in der Türkei

Als die türkischen Medien versagten und im Fernsehen Kochshows liefen, obwohl bereits Zehntausende demonstrierten, kauften die Türken Karikaturen-Hefte. Denn die liefern am Bosporus keine Unterhaltung à la Micky Maus, sondern bissige Kommentare zum Zeitgeschehen.

Von der Ukraine bis nach Ägypten, von Tunesien bis Brasilien: Massenproteste haben in den letzten zehn Jahren die unterschiedlichsten Länder und Regierungen in Atem gehalten. Die türkischen Proteste, die man seit Anfang Juni beobachten konnte, waren nicht nur laut, sondern vor allem kreativ.

Seien es der schweigende Protest des «Stehenden Mannes» auf dem Taksim-Platz im Herzen Istanbuls, kunstwerkartige Barrikaden oder unzählige Lieder und Slogans: Die Kreativität der türkischen Demonstranten sorgte dafür, dass von den Ereignissen in ihrem Land viel mehr bleiben wird als Polizeigewalt und Geschrei.

Humor überwindet Barrieren

Drei Polizisten rennen auf den «stehenden Mann» auf dem Taksim-Platz zu; einer ruft: «Keine Bewegung, Polizei!», ein anderer «Beweg dich, Polizei!». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Befehle, die sich gegenseitig aufheben: die Ohnmacht der türkischen Polizei, dargestellt in der Zeitschrift Uykusuz. Uykusuz

Zum Protestmedium Nummer eins sind dabei die bunten Karikaturen-Hefte geworden, die in der Türkei seit Jahrzehnten allwöchentlich an den Kiosken liegen. Eines davon ist das Traditionsmagazin Uykusuz. Auf dem Titelblatt vom 20. Juni 2013 schreit ein knollnasiger Polizist dem «Stehenden Mann» auf dem Taksim-Platz zu: «Keine Bewegung, Polizei!». «Beweg dich, Polizei!», schreit im gleichen Moment ein Kollege von der anderen Seite. «Wie auch immer, Polizei!», schreit ein dritter.

Drei Sprechblasen, vier Figuren: Nichts zeigt die Hilflosigkeit besser, mit der die Polizei der Kreativität der türkischen Demonstranten gegenübersteht. «Mit Humor kann man Barrieren überwinden», erklärt Barış Uygur vom Magazin Uykusuz, das mit seinen satirischen Kolumnen und beissenden Karikaturen allein auf Facebook mehr als eine Million Fans begeistert.

Die Regierung lacht nicht mit

Kaum überraschend also, dass vor allem Politiker den Einfluss der Karikaturisten fürchten. Besonders der türkische Ministerpräsident Erdogan zog in den vergangenen zehn Jahren immer wieder gegen unliebsame Karikaturisten vor Gericht. Die «Kommission für den Schutz von Minderjährigen vor unzüchtigen Veröffentlichungen» ist angehalten, den Zeichnern genau auf die Finger zu schauen.

Als es das Magazin Harakiri vor zwei Jahren zu bunt trieb, hiess die Anklage «Ermunterung der türkischen Nation zu unehelichen Beziehungen und Faulheit». Die verhängten Geldstrafen ruinierten bereits einige der Hefte – nicht aber die Karikaturisten-Szene.

«Unangemessene Intelligenzanwendung»

Karikaturen zum Protest in der Türkei

4:10 min, aus Kultur kompakt vom 10.07.2013

Im Gegenteil: Die scheint umso erfolgreicher zu werden, je repressiver die Regierung gegen sie vorgeht. Die Satire-Magazine sind in diesen Tagen so beliebt wie nie: Allein die wöchentliche Auflage des Magazins Leman verdoppelte sich seit Beginn der türkischen Proteste von 200‘000 auf 400‘000 Hefte.

Ein Beleg dafür, dass die Strategie der Protestierenden sich bezahlt macht. Auf die «unangemessene Gewaltanwendung» durch die Behörden der letzten Wochen antworten die Demonstranten nach eigener Aussage mit «unangemessener Intelligenzanwendung» – auch in Form von Knollnasen.

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