«Que meraviglia! Lasagne della Nonna.» Es läuft einem das Wasser im Mund zusammen, wenn Nonna Silvia über ihre Gerichte spricht. Pasta, Pizza, Panettone: Klassiker der italienischen Küche kommen bei der 83-Jährigen auf den Tisch. Typisch für eine Nonna.
Untypisch aber: Bei ihr beissen nicht nur die Enkel an. Nonna Silva hat auf Instagram 3,6 Millionen Follower – ihre Videos werden zigfach geschaut. Das Video über Spaghetti Carbonara: 1,7 Millionen mal geherzt. Die Bolognese: fast 900’000 Mal.
Silvana Bini, wie sie mit ganzem Namen heisst, ist ein Star auf Social Media. Die Idee für den Kanal hatte der Enkel, mittlerweile ist seine Nonna wohl die bekannteste in den sozialen Medien. Wenn auch längst nicht die Einzige.
Kochen ohne Firlefanz
Echtheit und Einfachheit: Diese Zutaten machen die Nonna zum Trend in den sozialen Medien, meint Richard Kägi, Food-Scout und Kochbuchautor: «Die Nonna steht für das Streben nach dem Originalen und der Einfachheit. Keine Nonna ist je in eine andere Galaxie gereist, um komplizierte Zutaten zu besorgen. Sie kocht mit den Zutaten vom Bauern nebenan.»
Bodenständige Küche, natürlich selbstgemacht. Und nicht in einer rausgeputzten Designer-Küche mit fancy Utensilien. Nonna Silvi etwa rührt ihr Sugo auch mal in einer zerkratzten Pfanne und im Pyjama, dazu immer mit einer Prise Humor.
Auf Social Media, wo sonst eher Perfektion herrscht, eine Ausnahme und deshalb auch bei jungen Menschen beliebt, schätzt Kägi, der selbst in den sozialen Medien erfolgreich ist: «Junge Menschen haben genug vom ewigen Schein in den sozialen Medien. Es ist eben das wahre Leben, wenn eine alte Dame mit zittrigen, knochigen Händen ihren Teig knetet und ihre Tortellini daraus formt.»
Wie etwa die 90-jährige Nonna Natalina, die liebevoll Ravioli um Ravioli zubereitet – gebückt über ihren Arbeitstisch. Pasta ist ihre Passion: Das Ravioli-Video wurde auf TikTok, wo Nonna Natalina über 3,5 Millionen Follower hat, 55 Millionen mal geschaut.
Ein fruchtbares Business
Mit den Kochvideos lässt sich scheinbar gut verdienen: Nonna Natalina arbeitet mit Werbepartnern, Nonna Silvi, die früher als Fabrikarbeiterin wenig Geld verdiente, führt erfolgreich ihren eigenen Online-Shop, wofür sie zurzeit mit fettem Panettone posiert. Auch ein Kochbuch hat sie herausgebracht. Nonna sein auf Instagram ist offenbar ein lohnendes Business.
Ein grosses Verkaufsargument sei dabei der Seltenheitswert der Nonna, vermutet Kägi: «Es hat bestimmt auch damit zu tun, dass die Nonna eine aussterbende Spezies ist. Vor allem in Italien können die Jungen nicht mehr kochen.» Man sehe das sehr deutlich, wenn man in die grossen Supermärkte gehe. Da sei die Hälfte der Fläche mit Tiefkühlregalen zugestellt.
In den sozialen Medien wird also ein Phänomen noch etwas erhalten, das es vielleicht bald nicht mehr geben wird: die Nonna, die Frau mit Schürze, die stundenlang am Herd steht. Sie ist ja eigentlich auch etwas aus der Zeit gefallen. Trotzdem ist sie unwiderstehlich.