Er stellt seine Fragen so, wie er vor seinem Gespräch mit SRF auch im Züri-See badete: Direkt rein. In den See, ins Gespräch. «Was ist Sex für dich?» war seine erste Frage an die Gynäkologin Sheila de Liz.
Matze Hielscher (46) ist seit zehn Jahren Gastgeber des Podcasts «Hotel Matze». Wenn die Lobby der Ort des Smalltalk ist, dann ist «Hotel Matze» das Zimmer, wo man die Türe schliesst und Gespräche ehrlich werden. Vor einem Millionenpublikum.
Gespräche wie ein Billardspiel
Bei guten Gesprächen verwandelt sich der Kopf von Matze Hielscher in einen Billardtisch: «Eine Gedankenkugel stösst die nächste an, und das Spiel ist so lustvoll, dass ich die Zeit vergesse.»
Wie kommts, dass er so gute Fragen stellen kann? Er sei einfach ein guter Zuhörer. Hielscher war lange Bassist einer Indie-Band. «Als Musiker muss man auch vor allem zuhören können.» Entscheidend sei nicht die Komplexität der Frage, sondern echtes Interesse. Dann könne ein «Wie geht’s?» ebenso viel Tiefe entfalten wie die Frage: «Wofür sollte man dich loben?»
Ein Ende für den Podcast, nicht für die Ehe
Schon über 600 Mal hat Hielscher Gäste in sein Hotel gebeten. Auch Angela Merkel hat schon bei ihm eingecheckt. Nach 1000 Folgen soll aber Schluss sein. «Mir gibt dieses selbst gesetzte Ablaufdatum Halt. Man muss wissen, wie man aufhört.»
Privat sucht Hielscher das Gegenteil: Beständigkeit. Seine engsten Freunde trifft er nicht auf einen Kaffee, sondern für mehrtägige Wanderungen. «Sonst informiert man sich nur gegenseitig, was grad so läuft.» Für die Gespräche, die ihn interessieren, braucht es Zeit. Das gilt auch für seine Ehe. Sie steht unter einem einfachen Grundsatz: «Divorce is not an option.»
Von der Kraft der Verbindlichkeit überzeugte ihn ein altes Ehepaar, das er in den Flitterwochen in Kalifornien kennenlernte. Die beiden wirkten glücklich. Matze fragte nach ihrem Geheimnis. Es bestand aus zwei Sätzen: «Wir baden jeden Morgen zusammen. Und Scheidung ist keine Option.»
Auf das tägliche Bad verzichten Matze und seine Frau Stephanie, trinken stattdessen gemeinsam Kaffee. Und der zweite Teil des Ratschlages bleibt gültig: Scheidung ist keine Option.
Einfühlsam, aber unkritisch?
In der Liebe zeigt Matze Hielscher Entschlossenheit, im Gespräch Verständnis. Was fehlt: Kritische Distanz, kritisches Nachhaken. Was im Journalismus Pflicht ist, ist bei Podcasts optional. Manche bemängeln, dass bei «Hotel Matze» die Gespräche zu «gefühlig» seien. Atmosphäre schlägt Argument.
Dazu passt, dass Matze seinen Hund Brinkmann, der bei jeder Aufnahme mit im Studio dabei ist, als «Therapiehund» bezeichnet. «Ich denke nicht in Kategorien von kritisch oder unkritisch. Ich stelle Fragen, die mich ehrlich interessieren. Wenn ich ‹kritisch sein› spielen muss, kommen keine guten Gespräche heraus.»
So war es bei Markus Söder. Als der bayerische Ministerpräsident zu Gast war, sah sich Hielscher in der Pflicht, kritisch nachzuhaken. «Das ganze Gespräch bestand aus meinen ‹aber, aber, aber›-Einwänden, die an Söder abperlten wie Wasser an einer Ente. Ich hätte vermutlich mehr erfahren, wenn ich einfach über die Beatles gesprochen hätte.»
Von kritischer Distanz aus Prinzip hält Hielscher nichts, dafür von roten Linien. «Einen Faschisten wie Björn Höcke würde ich nie einladen. Er würde das Hotel Matze als Plattform missbrauchen. Das ist das Gegenteil von einem Gespräch.»