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Lieber schweigen als streiten: Konflikte in Freundschaften
Aus Input vom 26.06.2022. Bild: colourbox
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Pflege von Freundschaften Warum wir auch mit Freunden über die Beziehung reden sollten

In Freundschaften Konflikte anzusprechen, braucht Mut. Dabei führt das offene Gespräch oft zu einer tieferen Beziehung.

Eines vorab: Es braucht keinen vorangehenden Streit, um miteinander über die eigene Freundschaft zu reden. Auch Josephine (34) und ich hatten keinen Konflikt. Wenn ich es mir recht überlege: Eigentlich nie, in den 22 Jahren, in denen wir miteinander befreundet sind.

Und doch fragte ich sie, ob sie mit mir für eine Radiosendung über unsere Freundschaft sprechen würde. Das brauchte Mut. Und war auch ein Wagnis. Mehr dazu später.

Autorin Céline Raval mit ihrer Freundin, Passfoto schwarzweiss
Legende: Ein Bild aus längst vergangenen Zeiten: Autorin Céline Raval (links) mit ihrer Freundin SRF / Céline Raval

Sprecht über eure Freundschaft!

Der deutsche Psychotherapeut und Freundschaftsforscher Wolfgang Krüger rät: Wenn man über sich als Freundschaftspaar spreche, sei das ein Zeichen gegenseitiger Wertschätzung und bringe die Freundschaft voran. So könne man ansprechen, was gut laufe – aber eben auch, was schwierig sei. «Wir müssen Freundschaften mehr pflegen», so Krüger. Denn sie seien die Basis unseres Lebensglücks.

Ich glaube, ich habe Hemmungen, weil mich diese tiefe Freundschaft verletzlicher macht als andere Beziehungen.
Autor: Céline Raval Redaktorin SRF Input

Ich lade also Josephine ein zu einem «Beziehungsgespräch». Um herauszufinden, was unsere Verbindung eigentlich ausmacht. Aber auch, wo es möglicherweise Differenzen gab und gibt.

Das kostet mich mehr Mut, als ich gedacht hätte. Wieso bloss? Wir vertrauen uns doch sonst alles an. Ich glaube, ich habe Hemmungen, weil mich diese tiefe Freundschaft verletzlicher macht als andere Beziehungen.

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Sandkastenfreundschaften: Wie eine Ehe, nur besser
aus Input vom 15.06.2022. Bild: SRF
abspielen. Laufzeit 38 Minuten 44 Sekunden.

Womöglich habe ich Angst, dass etwas auf den Tisch kommt, was ich nicht oder anders wahrnehme als sie. Etwas, das einen Riss in unserer engen Verbindung hinterlässt. Oder dass ein kleiner, bisher fast unbemerkter Riss, weiter aufgezerrt wird. Ich glaube, ich habe Hemmungen, weil mich diese tiefe Freundschaft verletzlicher macht als kaum eine andere Beziehung.

Warum (k)eine Freundschaftstherapie?

Ich könnte das Beziehungsgespräch mit meiner Freundin auch in einer Freundschaftstherapie führen. Bei Wolfgang Krüger zum Beispiel, der solche Therapien bei sich in der Praxis anbietet. Während Paartherapien boomen und mittlerweile selbstverständlich sind, sind Freundschaftstherapien nach wie vor eine Nische. Und das, obwohl eine Freundschaft so manche Liebesbeziehung überlebt.

Wolfgang Krüger

Wolfgang Krüger

Psychotherapeut und Buchautor

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Der Psychotherapeut verfasste unter Anderem das Buch «Freundschaft: beginnen – verbessern – gestalten» (2020) und bietet Freundschaftstherapien an.

«Spannender Gedanke, eine Freundschaftstherapie», findet Yannick (35). Er und sein Freund Basil (36) sprechen erstmals über einen konkreten Streit, der ihre Freundschaft auf die Probe stellte. Basil wurde Vater, hatte dadurch weniger Zeit und war weniger mobil. Am Schluss endete ein Treffen mit Yannick in einem Missverständnis, das zum Bruch führte.

Ich habe erst jetzt realisiert, dass wir den Konflikt nie richtig ausdiskutiert haben.
Autor: Basil (Name d. Redaktion bekannt)

Erst gut vier Jahre später schaffen sie es, den Konflikt von damals gemeinsam zu besprechen. Basil war es, der Yannick dazu aufgefordert hat: «Ich habe erst jetzt realisiert, dass wir den Konflikt nie richtig ausdiskutiert haben.» Nie ausdiskutiert, aber eben auch nie vergessen.

«Man offenbart und entblösst sich»

Den beiden geht es ähnlich wie mir: Es koste «brutal viel Überwindung», einen Freund zu so einem Gespräch einzuladen, so Basil. «Man offenbart und entblösst sich. Da ist die grosse Angst, enttäuscht zu werden.» Was, wenn der andere alles ganz anders sieht? Oder wenn mein Freund unserer Freundschaft weniger Gewicht beimisst als ich?

Dass wir uns diese Gedanken machen, zeigt, wie wertvoll uns unsere engen Bindungen sind. Wir tun uns gerade in Freundschaften oft unglaublich schwer, Konflikte anzusprechen und auszutragen. Eine Freundschaftstherapie zu nutzen, ist für viele aber unvorstellbar.

Was die Wissenschaft über Freundschaften sagt

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  • 200 Stunden gemeinsam verbrachte Zeit braucht es mindestens, damit aus einer Bekanntschaft eine Freundschaft wird. Das fanden Forschende der Universität Kansas heraus.
  • Gute Freundschaften senken das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten und Depressionen: Dies ergaben verschiedene Studien bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren.
  • Innerhalb von sieben Jahren scheitert weit über die Hälfte aller Freundschaften, so eine Studie der Universität Utrecht.

Sind wir einfach konfliktscheu in Freundschaften? Ich für meinen Teil muss zugeben: Ja, ganz besonders im engen Freundeskreis. Streiten ist mir ein Graus, deshalb lasse ich es eigentlich gar nicht so weit kommen.

Fehlende Konfliktkultur

Dass wir Schwierigkeiten mit Konflikten haben, ist laut Freundschaftsforscher Wolfgang Krüger ein typisch westeuropäisches Phänomen. Wir fürchten Konflikte, weil wir sie als destruktiv empfinden. In anderen Regionen sei dies anders.

Freundschaften können durch das Austragen von Konflikten verbessert werden.
Autor: Wolfgang Krüger Psychotherapeut und Buchautor

In Freundschaften könne man Meinungsverschiedenheiten zudem besser ausweichen, als beispielsweise in einer Beziehung, wo man sich täglich sieht. Dabei lägen gerade in Konflikten viele Chancen, ist Krüger überzeugt: «Freundschaften können durch das Austragen von Konflikten ganz erheblich verbessert werden.»

Bei Basil und Yannick, deren Lebenswege eine Zeit lang diametral auseinanderdrifteten, hat es sich gelohnt, das Gespräch zu suchen. Sie legten auf den Tisch, wer sich warum missverstanden fühlte und konnten einander spiegeln. Schon nur die Verbalisierung reichte aus, um viel zu klären: «Die Innigkeit und Offenheit, die wir vor dem Konflikt hatten, ist wieder da», sagt Yannick heute.

«Beziehungsgespräche» stärken die Freundschaft

Auch meine Freundin und ich haben es getan. Bei ein, zwei Gläsern Wein haben wir über uns und unsere Freundschaft geredet. Auch, um einfach mal zu schauen, was das eigentlich mit uns macht.

Dabei merkten wir, wie stark uns die jeweils Andere in der eigenen Identität prägt. Wie stark unsere Geschichten verwoben sind und wie wertvoll diese Verbindung ist. Nicht, dass wir das nicht gewusst hätten – aber es hat uns darin bestärkt. Und wir haben uns entschieden, ab jetzt (immerhin) jährlich ein solches «Beziehungsgespräch» zu führen.

Céline Raval

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Céline Raval
Legende: Céline Raval SRF

Für SRF Input ergründet die Redaktorin mit ihrer Freundin, was wahre Freundschaft ausmacht.

Radio SRF 3, Input, 26.06.2022, 20:03 Uhr

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