Eine Gesprächssituation unter Freunden. Im Schnelldurchlauf, weil die Zeit ja rennt:
A: Läufts?
B: Doch. Bei dir?
A: Prima. Kinder?
B: Anstrengend, aber Kindergarten passt. Bei euch?
A: Auch. Arbeit anstrengend. Neuer Chef, alte Probleme. Aber okay.
B: Bei mir auch. Bald neue Wohnung.
A: Aufregend.
B: Ich schicke Bilder. Muss los. Termine!
Gespräche wie diese kennen Sie wohl. Ich kenne sie nur zu gut. Unbekannt war mir ein Begriff dazu, bis ich kürzlich über «Catch-up Culture» stolperte. Was damit gemeint ist: In Treffen mit Freunden nur noch Catch-up betreiben – also das Aufholen, was im Leben läuft.
Geprägt hat den Begriff die Britin Michelle Elmann in ihrem Buch «Bad Friend». Freundschaften, sagt sie, würden immer mehr zum Hamsterrad. Gemeinsam schauen, was der Tag so bringt: Dafür bleibe keine Zeit. Elman fürchtet, dass Freundschaften immer oberflächlicher werden.
Der Ernst des Lebens
Elman hat für das Phänomen verschiedene Erklärungen. Eine ist die Lebenszeit. Mit dem Alter kommen mehr Verpflichtungen dazu und damit weniger Zeit, um mit Freunden in den Tag zu leben. Eine weitere Erklärung: Das Phänomen «Catch-up Culture» sei Zeichen einer Zeit, in der soziale Medien gemeinsames Erleben suggerieren, das beim Treffen dann nicht mehr nötig sei.
Ersteres erkenne ich nur zu gut: Als fast 40-Jährige, im Ernst des Lebens (Kinder, Karriere, Kleinkram) angekommen, habe ich wenig Zeit für Freunde. Wenn, dann nur begrenzt. Schauen, was der Tag so bringt? Lässt der pralle Familienkalender nicht zu. Zudem bin ich, die kaum etwas in den sozialen Medien teilt, dafür glücklicherweise zu wenig trendy.
Eine Fragerunde unter Kollegen bestätigt mir: «Catch-up Culture» kommt vielen bekannt vor. Kommentare: Anstrengend, nervig, mühsam. Einer sagt: «Solche Freundschaften will ich 2026 loswerden.» Und eine meint: «Das ist ganz normal.» Der Lauf des Lebens halt, das eben «busy» ist.
Was ist dran an diesem Phänomen, das jeder kennt und keinem bisher ein Begriff war?
Freundschaft: Ein Schichtkuchen
«‹Catch-up Culture› ist kein neues Phänomen», sagt Janosch Schobin, der seit Jahren über Freundschaft forscht. Beziehungen, die hauptsächlich aus Updates bestehen, kennt der Soziologe zwar gut. Als Zeichen einer oberflächlichen, ja hektischen Zeit will er sie aber nicht lesen.
Freundschaften, so Schobin, seien bei den meisten Menschen eine Art Schichtkuchen. Im Lauf der Zeit kommen Freunde dazu: erst Kindergartenfreunde, dann Schulfreunde, später Freunde aus Sport oder Job und so weiter.
«Den aktivsten Kontakt», so Schobin, «hat man meist mit Freunden aus der jeweiligen Gegenwartslebensphase.» Simples Beispiel: Wenn man Eltern wird, pflegt man am intensivsten die Freunde, die auch Eltern sind. Freunde also, die wichtige Momente des Lebens teilen.
Freunde als Lebenszeugen
Bei Freunden aus früher Lebensphasen lichtet sich der Kontakt: «Die Frequenz, in dem man Freunde aus anderen Lebensphase trifft, wird seltener.» Und bei Freunden, die man seltener sieht, passieren solche Updates. Weil sie kein aktiver Teil des Lebens sind.
Solche Freundschaften sind anstrengend und tendenziell oberflächlich, sage ich. Schobin sieht das etwas anders. In Updates, so Schobin, «erfahre man was über das Leben des anderen – und auch über sich selbst.» Was Schobin aus seiner Forschung weiss: Solche Freundschafen würden oft als wichtig eingestuft.
«Weil sie eine Vorstellung der Kontinuität des eigenen Lebens ermöglichen», so Schobin. Er hat dafür einen Begriff gefunden: Lebenszeugen. Updates unter Freunden – eine Art Weiterschreiben der eigenen Biografie.
Freunde von früher wissen, wer einem mit 16 das Herz gebrochen hat, wie eklig der Mathelehrer war, wie kompliziert die Beziehung zu den Eltern. Sie zu erhalten, sei deshalb für viele relevant. Schobin formuliert es schöner: «Man erfährt sich in solchen Updates als jemand, den es schon länger gibt als seit gestern.» Besonders in Lebenskrisen oder bei Umbrüchen seien solche Freunde wichtig.
Die meisten Freundinnen und Freunde, mit denen ich seltener Kontakt habe, sind mir wichtig. Dennoch gibt es auch Freundschaften, die mir schwerfallen. Dort ruft beim Entdecken des Termins im Kalender die Routine – nicht die Lust: «Es gibt Beziehungen, die eingeschlafen sind. Die auch keine richtige Funktion mehr erfüllen. Wo das Updaten nur zum ritualhaften Connecten wird», so Schobin.
Solche Beziehungen bezeichnet Schobin als scheintot. Aussortieren? Vielleicht. Oder vielleicht verliert man sich einfach aus den Augen.
Schon wieder Selbstoptimierung?
Eine Freundin, die stets einen guten Rat hat und mit der ich natürlich über «Catch-up Culture» spreche, sagt sofort: Und auch hier sei sie wieder, die Selbstoptimierung.
In Zeiten, wo man Slots habe für alles, um sein Leben möglichst effizient zu gestalten, falle auch die Freundschaft darunter. Die «Catch-up Culture» ist für sie ein weiteres Symptom.
Schobin erwähnt dazu einen Fakt: «Die wichtigste Ressource für Beziehung ist Zeit – und die ist bei uns in Europa relativ gut geschützt.» In anderen Regionen der Welt hätten die Menschen praktisch weniger Freizeit. Die Arbeit sei bei uns aber so verdichtet, dass man sich am Ende des Tages vielleicht platt fühle.
Das heisst: Wir hätten eigentlich Zeit, unsere Freundschaften zu pflegen. Auch Zeit, uns mit Freunden treiben zu lassen. Wie Kinder, die stundenlang miteinander spielen. Die Quality Time nicht kennen, sie aber leben. Die Frage ist: Wie wollen wir die Zeit nutzen?
Freundschaft als Lückenfüller?
Wie wertvoll Freundschaften wären und sind, zeigt zurzeit die Präsenz des Themas. Viel wird über Freundschaft geschrieben, viele Bücher dazu erscheinen. Etwa vom Philosophen Geoffroy de Lagasnerie, der in «3 – Ein Leben ausserhalb. Lob der Freundschaft» die politische Kraft der Freundschaft betont. Und auch von Şeyda Kurt, die die Freundschaft in «Radikale Zärtlichkeit» als bedeutsame Beziehungsform betont.
Janosch Schobin hat eine Erklärung für die Präsenz des Themas: ein Manko. Der Soziologe bezeichnet die Freundschaft als «Lückeninstitution»: «Freundschaft erfüllt typischerweise Funktionen, die vom Rest des Systems nicht abgedeckt werden.»
Ein verkürzter Blick in die Geschichte: In der Frühmoderne etwa waren Freunde oft auch Geldgeber, haben für Kredite gebürgt. Heute leisten sie oft auch Care-Arbeit. Sie haben ein offenes Ohr oder helfen bei Pflegetätigkeiten, wenn man krank ist.
Die Präsenz der Freundschaft sei zudem auch den Babyboomern zuzuschreiben. «Es ist die erste wirklich hochindividualisierte Generation», so Schobin. Babyboomer haben wenig Kinder. Viele sind jetzt in Pension oder im hohen Alter.
Hier bröckelt das System Kernfamilie, sagt Schobin. Denn wenn die Plätze in den Alteneinrichtungen fehlen und die Familie sich nicht kümmern kann, wer springt dann in die Bresche? Auch hier können Freunde eine Lücke füllen. Freunde werden also immer wichtiger.
Die Sehnsucht nach dem Sein
Eigentlich dachte ich, mit dem Phänomen der «Catch-up Culture» aufzeigen zu können, wie oberflächlich wir geworden sind – auch in Freundschaften. Jetzt bin ich tief im Thema drin.
«Freundschaft erfüllt ganz unterschiedliche Funktionen», sagt Schobin. Während gewisse Freunde etwa emotional puffern, sind andere da, um dich im Alltag zu unterstützen. Oder einfach da, um mal Sport zu treiben. Oder für ein gepflegtes Räuschchen.
Was denn grundsätzlich ein guter Freund sei, will ich noch wissen. In seinen Studien, so Schobin, käme oft eine Antworte im Sinne von «Jemand, der ein offenes Ohr hat». Zuhören. Vielleicht kann das auch bei einem Update passieren. Aber auch beim Chillen auf dem Sofa. Beim People Watching in der Bar.
Influencerin Anna Rooii brachte kürzlich mein Gefühl auf den Punkt: Früher übernachtete sie bei Freundinnen, erlebte etwas. «Heute rede ich über das Erlebte. Darauf habe ich keinen Bock mehr.» Sie wolle wieder mehr mit Freunden unternehmen. Ein Wochenende wegfahren. Auch das rät übrigens Michelle Elman.
Abhängen, Mist reden, die Welt neu erfinden und dann alles wieder gleich machen wie immer. Vielleicht nehme ich mir das vor – ein später Vorsatz für 2026. Ob ich ihn einhalte? Planen wir doch ein «Catch-up» Ende Jahr.