Müllserie «Es ist nichts verkehrt daran, ein Müllmann zu sein»

Wo gefeiert wird, da gibt es Abfall. Die Müllberge: Auch sie gehören zu Weihnachten und Silvester – und kleiner werden sie nicht. Davon können uns die Männer von der Kehrichtabfuhr ein Lied singen. Wie erleben sie die Kehrseite des Konsums?

Portrait von Gantien Tai, Müllmann in Abidjan, Elfenbeinküste Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gatien Tai arbeitete schon im Alter von 15 Jahren als Müllmann. Damals war er der jüngste Müllmann in Abidjan. SRF

SRF: Was ist das Absurdeste, was Sie je entsorgen mussten?

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Zur Person

Der 35-jährige Gatien Tai ist Müllmann in Abidjan, Elfenbeinküste. Er begann mit 15 Jahren Müll zu sammeln, um sich die Fahrt zum Fussballtraining leisten zu können.

Gatien Tai: Absurd ist, dass in einem armen Land wie dem unseren überhaupt Dinge weggeworfen werden. Zum Beispiel kaputte Ventilatoren oder Autoteile.

Manchmal versuche ich, die Sachen zu reparieren und dann weiter zu verkaufen. Einmal hat mir eine Frau aus Europa einen Kühlschrank geschenkt. Den habe ich noch heute.

Welchen Gegenstand aus ihrem Besitz würden Sie nie wegwerfen?

Meine Sessel. Die sind noch wie neu. Ich habe sie vor langer Zeit gekauft und immer gut gepflegt. Es ist nicht selbstverständlich, dass Leute wie ich so schöne Möbel im Wohnzimmer haben. Wenn Besuch kommt, sieht er gleich, das ist ein ordentliches Haus. Und dann respektiert man mich.

Wie sind Sie Müllmann geworden?

Eigentlich wollte ich Fussballer werden. Doch ich hatte nicht das Geld, um zum Training zu fahren. Das wollte ich mir mit einem Job als Müllmann verdienen. Damals war ich 15 und der jüngste Müllmann von Abidjan. Seitdem fahre ich jeden Tag bei tropischer Hitze mit meinem motorisierten Lastendreirad von Haus zu Haus und sammle den Müll ein. Aus dem Fussball ist nichts geworden.

Worauf sind Sie stolz in Ihrem Beruf?

Es gibt keinen schlechten Beruf. Deshalb ist auch nichts verkehrt daran, ein Müllmann zu sein. Wie sähe die Welt denn aus, ohne uns Müllmänner? Nein, nur wer stiehlt, ist schlecht. Ich stecke mein ganzes Herz in diese Arbeit und bin heute Chef einer Truppe von zehn Müllmännern.

Ich weiss am Abend, was ich geschafft habe. Ich kann meine Familie damit ernähren und erzähle meinen Kindern, dass ich stolz darauf bin, die Stadt sauber zu halten. Weil das doch unsere Stadt ist und wir alle dafür verantwortlich sind, wie es in ihr aussieht.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Jeden Sonntag gehe ich Fussballspielen, auf einem Bolzplatz gleich hier in der Nachbarschaft. Da kommen manchmal sogar Spieler von Asec Mimosa vorbei. Das ist die beste Mannschaft hier in der Stadt. Ich schaue ihnen beim Spielen zu. Ansonsten bin ich zu Hause und ruhe mich aus.

Was gefällt Ihnen an Abidjan?

Abidjan ist eine sehr schöne, grosse Stadt. Mein Lieblingsplatz ist das Stadion. Wann immer es geht, schaue ich mir ein Spiel an. Ich mag auch, dass es viele kleine Fussballplätze gibt, wo schon die Kinder spielen können.

Welchen Wunsch haben Sie für Ihre Zukunft?

Als ich jung war, träumte ich davon im Ausland Fussball zu spielen. Ins Ausland möchte ich noch heute. Ich kenne Leute dort, in den USA, auch in Frankreich. Dort würde ich gern leben und Geld verdienen. Mit meinem Einkommen komme ich hier nicht wirklich über die Runden. Ich sorge für meine sechs Kinder, meine Eltern und Schwiegereltern. Da kannst du kein Geld zur Seite legen, um vielleicht mal ein Haus zu kaufen. Vielleicht könnte ich ja noch als Fussballer in der dritten oder vierten Liga im Ausland spielen.

Wie viel verdienen Sie am Tag?

Ich mache umgerechnet 10 bis 16 Franken pro Tag.

Das Gespräch führte Susan Bavier.