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Zwischen Alltag und Anschlag – Antisemitismus in Deutschland
Aus Kontext vom 20.07.2020.
abspielen. Laufzeit 52:35 Minuten.
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Essay von Delphine Horvilleur Antisemitismus, wo man ihn nicht vermutet

Delphine Horvilleur ist liberale Rabbinerin und TV-Journalistin. In ihrem neuen Essay entlarvt sie Antisemitismus, wo man ihn zuletzt vermuten würde: Bei Antirassismus-Kämpferinnen ebenso wie bei Klimaaktivisten.

Ausgerechnet Menschen, die vordergründig für Unterdrückte oder eine gerechtere Welt kämpfen, bedienen sich antisemitischer Klischees: Die Mär vom geldgierigen Juden taucht auch bei Globalisierungsgegnerinnen und Gegnern auf. Links- wie rechtsextreme Blogs hypen antijüdische Verschwörungstheorien. Und die mittelalterliche Lüge von «den Juden als Brunnenvergiftern» grassiert wie eine Pandemie.

Talmud, Freud und Philosophie

Das steht nicht in einem weiteren Antisemitismusbericht, sondern in Delphine Horvilleurs 130-Seiten-Essay. Die Rabbinerin ergründet das Phänomen tiefgründig und kreativ, gerade auch als liberale Feministin. Horvilleur analysiert die Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden mithilfe von Talmud, Freud und französischer Philosophie.

So seien Juden schon vom römischen Reich als diejenigen bezeichnet worden, die nicht mitmachten. Sie verweigerten dem Gottkaiser die Huldigung und damit ihre Loyalität. Das werde ihnen bis heute angehängt.

«Der Jude»

«Der Jude», schreibt Horvilleur ganz bewusst, um die antisemitische Fiktion des Begriffs zu markieren. «Der Jude» sei quasi der unangepasste Mensch schlechthin. Er stört die vermeintliche «Einheit» eines Volkes, einer Bewegung oder sonst eines grossen «Wir». Einmal mehr hat Antisemitismus also weniger mit Juden selbst als mit Antisemiten zu tun.

Verschiedenste Gruppenideologien nutzen «die Juden» als Abgrenzungsfläche, um sich selbst zu definieren, gleichsam «indentitatorisch». So entstehen erst «wir» und «sie».

Buchhinweis

Delphine Horvilleur, Überlegungen zur Frage des Antisemitismus. Aus dem Französischen von Nicola Denis, Hanser Verlag 2020.

Auch in der aktuellen Rassismus-Debatte taucht dieser Mechanismus wieder auf: So stellen gewisse People-of-Colour-Aktivistinnen in einem Artikel (tachles, Juni 2020) die Frage: «Sind Juden weiss?».

Also: Gehören «die» Juden nun zu «uns», den Opfern von Rassismus, oder zu den kolonialistischen Tätern? Schon die Frage sei falsch, sagt Horvilleur. Menschen seien Individuen. Weder historische Schuld noch Opfersein sollten sich kollektiv vererben.

Plädoyer für die Freiheit

Demgegenüber verteidigt die Französin Delphine Horvilleur das Recht jedes Menschen auf Individualität. Ihr Essay ist gleichsam ein grosses Plädoyer für die Freiheit des Individuums, des Ich.

So wehrt sich die französische Rabbinerin gegen alle übergriffigen Fremdzuschreibungen. Auch gegen scheinbar wohlmeinende Vereinnahmungen, also «Wir-Machungen»: kommen diese von feministischer Seite, von jüdisch-orthodoxer oder auch von israelischer Seite.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 21.7.2020, 17.20 Uhr

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1 Kommentar

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  • Kommentar von Remo Kucera  (Remo Kucera)
    Eigentlich überrascht dass Niemand bzw. sollte es Niemand.

    Das sehen wir ja nicht nur bei diesem Thema oft, dass sich vermeintliche "Gute" radikalen Kot rauslassen. Ich denke zurück an so Geschichten wie der Offene Brief aus dem Harper's Magazine, die Geschichte mit dem Kunstwerk von Ralph König oder aber auch Angela Lansbury über #MeToo und gibt es noch einiges mehr.

    In all diesen Beispielen sind die "Guten" am Ende die gewesen, die nichts gutes wollten sondern vermehrt Hass verteilten.
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