Essen, Pornografie oder doch die Autobahn?

Mike Müller erfand mit seinem Bruder Tobi vor einem Jahr einen Theaterabend über die Autobahn. Jetzt haben die beiden einen Film gemacht: «A1 – Ein Streifen Schweizer Strasse». Regisseur Tobi Müller erzählt, warum die A1 kein graues Thema ist.

Mike Müller steht vor einer Leindwand. Auf der Leinwand ist ein Auto. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein abgefahrenes Thema? In «A1 – Ein Streifen Schweizer Strasse» nimmt uns Mike Müller mit auf die Autobahn. SRF

Als Mike und ich uns Gedanken zu einem dritten Theaterprojekt machten, lagen drei Themen auf dem Tisch. Das war immer so gewesen. Im Frühling 2011 kam im Theater Neumarkt «Elternabend» zur Uraufführung, ein Abend, der die migrantische Mischung im Mikrokosmos einer Zürcher Schule beobachtete. Zwei Jahre später spielte im selben Theater «Truppenbesuch – Mike Müller inspiziert die Schweizer Armee». Stets führte Rafael Sanchez Regie, der damalige Ko-Direktor des Neumarktbühne. Doch jetzt war Sanchez in Köln. Und zu dritt waren wir im Gespräch mit dem Schauspielhaus Zürich.

Mike und ich brüteten über brisanten Theman, in Zürich bei ihm oder bei mir in Berlin. Pornografie: Wie sie unsere Schlafzimmer verändert! Essen: Der Wahnsinn globaler industrieller Nahrungsmittelproduktion! Theater zur Zeit, mit viel Fleisch am Knochen. Doch etwas fehlte.

Knallerthema Autobahn?

Man muss eine zündende Idee haben, wie man solche Themen unter das Brennglas kriegt. Sonst droht der Stumpfsinn: Sex ist das älteste Aufmerksamkeitsfutter, und die Verbindung von Essen und Mike Müller hat man auch schon gehört, als etwas ranzigen Witz, nicht als abendfüllendes Menü. Nach einigen langen Abenden haben wir uns für das Knallerthema Autobahn entschieden. Regisseur Sanchez in Köln fiel vom Stuhl. Weil er beim Wort «Autobahn» eingeschlafen sei, wie er sagte.

Sexy ist anders. Ein Theaterstück über das Schweizer Nationalstrassennetz? Und komplexer als bisher sollte es auch werden. Die Methode war die gleiche: Mike und ich führen monatelang Interviews, die wir auch filmen lassen, und entwickeln daraus den Stücktext. Doch diese Produktion brauchte mehr als eine Richtung.

Ein Thema grösser als die Tour de Suisse

Eine Spur führte ins Innere der Schweiz: Die A1, ehemals N1 für die Nationalstrasse mit der ersten Ordnungsnummer, hegt die Autobahn historisch und landschaftlich ein. Das ist der Roadmovie durch Raum und Zeit, da wir unbegrenzten Zugang zum Archiv des Schweizer Fernsehens hatten. Doch je länger wir an der Strasse selbst recherchierten, merkten wir: Das Thema ist grösser als eine Tour de Suisse.

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SRF-Koproduktion

Der Film wurde von SRF koproduziert.

Deshalb führte eine zweite Spur ins freie Feld, zu den grossen Fragen: Warum fahren wir weiter, wenn wir seit 40 Jahren wissen, dass weiteres Wachstum uns nicht näher ans Glück, sondern an den Abgrund bringt? Warum hat keine grosse Partei ein Mobilitätskonzept, das nicht von mehr, sondern weniger Verkehr ausgeht? Warum weiss die Imbissfrau am Rastplatz mehr über die Probleme des Güterverkehrs als ein Politiker? Warum ist Elektromobilität nur eine Beruhigungspille? Es sind nicht unsere Fragen, sondern die unserer Gesprächspartner – an und abseits der A1.

Eine Strasse, die viele Themen streift

Im Film gewinnt diese philosophische Fragespur etwas an Land, die lustige Fahrt durch die Schweiz kehrt vor allem in den Archivbildern zurück, die wir öfter zeigen als im Theater. Und Mike spielt im Film solo. Im Schauspielhaus stand er mit zwei Kollegen auf der Bühne, Markus Scheumann und Michael Neuenschwander.

Für «A1 – Ein Streifen Schweizer Strasse» wollten wir aber diese Fragen aus einer persönlicheren Perspektive stellen. Deshalb fahren wir in unsere Heimatstadt Olten, Mike nimmt uns ein Stück mit durch die Stadt, die von der Autobahn umfahren wurde, die Region aber dennoch zerpflügte. Oder wie der Schriftsteller Alex Capus im Interview sagt: Sie habe zur «Verödung von Olten» beigetragen.

Sexy wurde das Thema nicht im konventionellen Sinn. Aber wir kamen ganz schön ins Schwitzen. Weil es am Ende um fast alles ging. Um unsere Geschichte (Autofahren ist Teil unserer Kindheit, die wir auch im Film zeigen). Um unsere Gegenwart, in der Schweiz, in der Welt. Um unsere Zukunft. Wer da fertige Antworten verspricht, hat Drogen genommen. Ein paar Fragen stellen geht aber nüchtern ganz gut, auch mit einem breiten Grinsen.

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