Zum Inhalt springen
Inhalt

Gesellschaft & Religion Eurovision-Stadt gibt grünes Licht für Homosexuelle

Anlässlich des 60. Eurovision Song Contests zeigen Wiens Ampeln statt des normalen Ampelmännchens gleichgeschlechtliche Paare – nicht zuletzt deswegen, weil der Event in der Schwulen- und Lesbenszene besonders beliebt ist. Das hat auch mit der letztjährigen Siegerin Conchita Wurst zu tun.

grüne männchen
Legende: Mit gleichgeschlechtlichen Ampel-Paaren will Wien für Toleranz werben und gleichzeitig die Verkehrssicherheit erhöhen. Keystone

Wien brodelt. Wo einst Beethoven und Mozart komponierten und Johann Strauss als Walzerkönig reüssierte, treffen sich am Wochenende Europas Schlagersternchen zum 60. Eurovision Song Contest (ESC).

Verantwortlich dafür, dass der Event erstmals seit 1967 wieder an der schönen blauen Donau stattfindet, ist der Travestie-Künstler Tom Neuwirth alias Conchita Wurst, der den Sieg beim grossen europäischen Schlagerwettstreit letztes Jahr zum ersten Mal nach 40 Jahren wieder nach Österreich geholt hat.

Brücke zwischen Heteros und Homosexuellen

Porträt Conchita Wurst.
Legende: ESC-Gewinnerin Conchita Wurst steht für einen Siegeszug der Toleranz und der Emanzipation in Europa. Keystone

«Building Bridges» lautet das Motto des ESC 2015, und damit sind ausdrücklich auch die Brücken zwischen Heteros und Homosexuellen gemeint. «Der Song Contest war von Anfang an eine besondere Liebe der schwulen Männer», sagt der Berliner Journalist und Kulturwissenschaftler Jan Feddersen, der mehrere Bücher über den Gesangsevent geschrieben hat: «Der ESC konnte von schwulen Männern kulturell – wenn man so will – erobert werden, weil er bei heterosexuellen Jungs und Männern schlecht beleumundet war.»

Beim Song Contest wird Musik gemacht, die zu keiner Zeit wirklich angesagt war, vor allem nicht bei der jeweiligen jungen Generation. Anfang der 90er-Jahre entdeckten die Mitglieder der Song-Contest-Fanclubs, die zu 95 Prozent aus Schwulen bestehen, dass sie mit ihrer Liebe geschmacklich gar nicht allein sind auf der Welt. Sie haben den ESC als eine Sache entdeckt, für die man sich nicht schämen muss.

Quirlige Lesben- und Schwulenszene in Wien

Wien als Austragungsort des Song Contests 2015 setzt – auch kraft der populären Queer-Ikone Conchita Wurst – dezidiert auf homosexuelle Fans. Die schwulen und lesbischen Ampelmännchen, kürzlich auf 49 Verkehrsampeln in ganz Wien angebracht, sind ein weltweit beachteter Marketing-Gag, mit dem sich die österreichische Hauptstadt im Umfeld des Song Contests als einer der vitalsten Hotspots der europäischen Schwulen- und Lesbenszene inszenieren möchte.

Städtetouristisch setzt man in Wien schon länger auf eine homosexuelle Klientel. Ende der 90er-Jahre begann der städtische Tourismusverband, schwule und lesbische Urlauber offensiv zu umwerben, denn die österreichische Hauptstadt hat gerade dieser Gästegruppe einiges zu bieten.

Neben einer quirligen Schwulen- und Lesbenszene mit vielen Clubs und Cafés sind da die alljährlich stattfindende Regenbogen-Parade oder der berühmte Life-Ball im Wiener Rathaus – ein schrill-glamouröser Charityevent zugunsten aidskranker Menschen, der Jahr für Jahr homo- und heteroxuelle Celebrities aus aller Welt anlockt: Sharon Stone und Naomi Campbell waren schon da, Liza Minelli, Elton John und zuletzt – in Vertretung Bill Clintons – auch Sean Penn.

Rausschmiss wegen Küsserei

Österreichs Hauptstadt ist allerdings noch ein gutes Stück davon entfernt, sich als Shangri-La gelebter Querness etabliert zu haben. Ressentiments und Animositäten gegen Homosexuelle gibt es auch in Wien nach wie vor.

Erst kürzlich sorgte die Besitzerin des Cafés Prückel in der Wiener Innenstadt für Aufsehen: Die resolute Dame schmiss ein lesbisches Pärchen wegen allzu offensiven Kussverhaltens auf den kaffeehauseigenen Plüschbänken kurzerhand aus dem Lokal.

Ein Fehler, wie die Prückel-Chefin kurz darauf einsehen musste. Einige Tage nach dem homophoben Rauswurf versammelten sich tausende Demonstrierende zu einem «Kiss In» vor dem Café, um gegen die Diskriminierung Homosexueller zu demonstrieren. Der Image-Schaden für das Prückel war enorm: Die Kaffeehauspächterin musste sich zerknirscht bei den liebenden Lesben entschuldigen. Seither darf im Prückel wieder gleichgeschlechtlich geschmust werden.

Es gibt so etwas wie einen zivilgesellschaftlichen Fortschritt. Allerdings, das haben Wiens Schwule und Lesben erkannt: Manchmal muss dieser Fortschritt hart erknutscht werden.

6 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Andy, Right-Now
    Eigentlich müsste man der resoluten Kaffeehaus-Besitzerin einen Orden verleihen. Sie zeigte den Mut, in/bei ihrem EIGENEN Lokal zu ihrer persönlichen Meinung zu stehen und sich gegen den "Zeitgeist" aufzulehnen. Chappeau, auch weil sie es riskierte, sich damit als "homophob" abstempeln lasse zu müssen (wie ich vielleicht mit diesem Post hier auch). Wie war das mit der Toleranz? Auch unsere homosexuellen Mitmenschen dürfen diese "Toleranz" leben, die ihnen ja offenbar so wichtig ist.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Rolf Künzi, Winterthur
    Jede Freiheit des einen ist eine Unfreiheit des andern. Das wollen viele nicht wahrhaben, ist aber so. Wenn zum Beispiel das Kopftuch in den Schulen erlaubt wird ist das die Freiheit für diese religiösen Gruppe und die Unfreiheit für einen atheistischen Sportler der auch mal gerne ne Mütze tragen möchte. Der Begriff Freiheit macht nur so überhaupt Sinn. Das Männchen wird zur Zeit verdrängt. Es lebe die Freiheit/Unfreiheit. Mit allen Konsequenzen. Na ja?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Herbert Hegner, 8856 Tuggen
    Jeder wie er will, sag ich. Die persönliche Freiheit soll immer unangetastet bleiben. Aber müssen unsere Kinder tatsächlich immer und überall an dieses Thema gebracht werden? Wieso muss die Mehrheit der Heterosexuellen sich immer damit auseinandersetzen? Wer das Schwulsein von anderen nicht akzeptieren kann, ist sowieso von gestern und vom Aussterben bedroht. Doch langsam reicht es. Wir sind alle frei. Dazu muss man sich doch nicht ewig in Szene bringen, egal welcher Couleur man angehört.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von D.Thrum, Zürich
      Ein Grossteil der europäischen Länder hat kaum Gleichstellung von Homosexuellen zu Heterosexuellen. Die Schweiz gehört da auch dazu (ich empfehle die letzte WHO Studie diesbezüglich). Homophobie ist noch sehr verbreitet (gerade auch bei Jugendlichen!), Homosexuelle müssen vielerorts um ihre Sicherheit bangen, wenn sie sich öffentlich als Paar bekannt geben. Wenn dies alles einmal nicht mehr der Fall sein sollte, dann werden öffentliche Inszenierungen auch nicht mehr wichtig sein, keine Sorge.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen