Exorzismus und Dämonen: Finstere Mächte, mitten unter uns

Dämonenglaube und Teufelsaustreibung – dunkles Mittelalter? Nicht zwingend: Ein Blick auf verschiedene christliche Gemeinschaften zeigt, dass Dämonenglaube und Exorzismus immer noch viele Menschen umtreibt.

Auf einem Tisch liegen neben einer Kerze eine Bibel, Kruzifix und Weihwasser. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: An Seelsorger und Pastoren gelangen immer wieder Menschen, die sich von finsteren Mächten bedrängt fühlen. SRF/Christa Miranda

Jeder kennt die Angst vor Schicksalsschlägen, Katastrophen. Gläubigen Menschen hilft da ihr Glaube und für andere tut es manchmal auch der Aberglaube. Ob säkular oder religiös, wir kennen die Gesten und Rituale im Alltag. Und sei es, dass wir um die schwarze Katze und die Zahl 13 einen Bogen machen.

Doch was, wenn die Angst Überhand nimmt? Phänomene von Besessenheit und Austreibungen sind nicht verschwunden, aller Aufklärung zum Trotz. Es gibt stark religiöse Menschen, die sich von finsteren Mächten bedrängt fühlen und Hilfe suchen – nicht nur in der Psychiatrie und bei Ärzten, sondern zunehmend auch bei Seelsorgern, Priestern und Pastoren.

Die Geister rufen?

Viele von ihnen zögern, über das Phänomen zu sprechen. Zu viele Dogmen und unverrückbare Glaubensgrundsätze auf der einen Seite, zu viel Spott und Häme auf der anderen. Zu gross ist die Angst, Geister zu rufen, die nicht zu bändigen sind. Aber auch die Angst, von Anfragen überrannt zu werden.

«Grosser Exorzismus»

Christoph Casetti über den «Grossen Exorzismus».

1:33 min, vom 8.11.2013

Dabei sind die Unterschiede zwischen dem katholischen «Grossen Exorzismus» und den Angeboten aus dem evangelikalen Bereich gross. In der katholischen Kirche ist Besessenheit kein Massenphänomen. Doch es gibt, wie der Churer Bischofsvikar Christoph Casetti erzählt, in seinem Bistum viele Anfragen von Betroffenen. In jedem Schweizer Bistum sei eine Ansprechsperson verantwortlich für die Anfragen von Hilfesuchenden.

Die Praxis des «Grossen Exorzismus» ist sehr umstritten. Doch das von 1614 stammende Liturgiebuch «Rituale Romanum», das die Gebete und Formeln zur Austreibung beinhaltet, ist nach wie vor in Gebrauch, auch in der Schweiz.

«Befreiungsdienst»

Beat Schulthess über seinen Befreiungsdienst.

0:47 min, vom 9.11.2013

In der freikirchlichen Szene gibt es viele Gemeinschaften, in denen von «dämonischer Belastung» die Rede ist. Dort heisst das Angebot «Befreiungsdienst». Das sind Gebete und Rituale, oft kombiniert mit Handauflegungen. Beat Schulthess, ein Offizier und Gemeindeleiter der Heilsarmee, bietet seit vielen Jahren solche Befreiungsdienste an. Mittlerweile hat er ein Team von Mitarbeitenden aufgebaut, das ihm bei der Bewältigung der vielen Anfragen hilft. Er bietet seine Dienste kostenlos an. Beat Schulthess beruft sich auf die Bibel, insbesondere auf das Neue Testament und auf die Praktiken Jesu.

Auch Jesus hat Dämonen ausgetrieben

Wie sind diese zahlreichen Hinweise auf Teufels- und Dämonenaustreibungen in der Bibel heute zu verstehen? Darüber gehen die Meinungen auch innerhalb der Theologie weit auseinander. In den 80er-Jahren verabschiedete allen voran der bekannte Schweizer Theologe Herbert Haag den Teufel in seinen Schriften («Abschied vom Teufel», 1969). Heute ist ein renommierter Preis nach dem kritischen Theologen benannt.

«Magisches Denken»

Eine interessante Lesart des Phänomens kommt aus der neurologischen Forschung. Peter Brugger, Neuropsychologe an der Universität Zürich, forscht seit Jahren über die hirnphysiologischen Hintergründe von Glaube und Aberglaube. Er untersucht die neurologischen Prozesse, die zu assoziationsfreudigem Denken führen. Dieses Denken stellt gerne Zusammenhänge her zwischen zufälligen Ereignissen und interpretiert zufällige Anordnungen als Muster. Nach der Thesen des Wissenschaftlers entsteht so der Glaube an paranormale Fähigkeiten und Übersinnliches. Brugger verwendet dafür den weit gefassten Begriff «magisches Denken».

Der Exorzismus und die Gesellschaft

Wie soll die Gesellschaft mit Exorzismus umgehen? Reicht es, die Vorstellung von Teufel und Dämonen als Aberglaube abzutun? Die Vorstellung eines personalen Bösen ist in vielen christlichen Kreisen verankert. Und schon in Süd- und Osteuropa sowie im aussereuropäischen Kontext ist die Präsenz von Dämonen eine weit verbreitete Vorstellung, in allen Religionen.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Gefahren von Machtmissbrauch und Manipulation gross sind. Doch wie ist in der modernen Gesellschaft mit Menschen umzugehen, die sich von solchen Mächten bedrängt fühlen? Es ist Jeder oder Jedem freigestellt, Deutungen innerhalb seiner oder ihrer religiösen Weltanschauung zu suchen. Doch Exorzisten und Befreiungsdiener müssen bereit sein, ihre Heilungskonzepte zur Diskussion zu stellen, auch unter Nichtgläubigen und auch ausserhalb ihrer Glaubenswahrheit oder Kirchentradition.

Sendung zu diesem Artikel

  • Video «Best of «Sternstunden»: Erlöse uns von dem Bösen» abspielen
    SRF 1 13.07.2014 10:00

    Sternstunde Religion
    Best of «Sternstunden»: Erlöse uns von dem Bösen

    13.07.2014 10:00

    Der Teufel hat überlebt, allen Reformen und Aufklärungen zum Trotz: Noch immer fühlen sich Menschen besessen von Dämonen, von finsteren Mächten bedroht. Hilfe versprechen Befreiungsdiener und Exorzisten: Sie berufen sich auf das Neue Testament und auf Jesus. Eine Dokumentation von Christa Miranda.