Experten aus Erfahrung: Betroffene helfen in seelischen Krisen

Jasmin Jossen ist jung, klug und krisenerfahren. Lange haderte sie mit ihrer bipolaren Störung. Nun arbeitet sie als Genesungs-begleiterin auf einer Psychiatriestation und verbessert die Verständigung zwischen Patienten, Angehörigen und Fachleuten.

Eine Frau wickelt sich eine Decke ein. Gleichzeitig hat sie ihre Arme offen und ihr Gesicht zugewandt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Krisenerfahrene Menschen können bei der täglichen Arbeit mit Psychiatriepatienten Hoffnung verkörpern. Colourbox/Sanja Matonickin

Jasmin Jossen hatte eigentlich ganz anderes im Sinn. Sie wollte Kommunikationswissenschaftlerin werden. Oder Lehrerin. Beide Studien hatte sie begonnen.

Doch eine bipolare Störung hob sie in die Euphorie und liess sie dann abstürzen ins Dunkel einer Erschöpfungsdepression. Sie rappelte sich immer wieder auf, und schob die Krankheit so lange zur Seite, bis eine Psychose ihr Einhalt gebot.

Erst dann begann sie sich mit ihrer Erschütterung auseinanderzusetzen. Lange hatte sie auch Selbststigmatisierung daran gehindert, einen Umgang mit ihren Krisenerfahrungen zu finden.

Ein Porträt von Jasmin Jossen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Peer Jasmin Jossen ist ausserdem Co-Dozentin der Peer Weiterbildung von der Stiftung Pro Mente Sana. Jasmin Jossen

Vom Stigma zum Schatz

Nun ist die junge Frau an vorderster Front, geht es um die Ausbildung von «Peers». In Fachkreisen der Psychiatrie werden Menschen «Peers» genannt, die – wie Jasmin Jossen – grosse seelische Krisen durchlitten haben und ihr Erfahrungswissen anderen nutzbar machen wollen. Sie sind Experten aus Erfahrung.

Ein Jahr lang absolvieren sie eine Weiterbildung. Danach sind sie befähigt nebst Psychiaterinnen, Psychologen und Pflegefachleuten in Psychiatriekliniken zu arbeiten.

Bessere Verständigung

Sogenannte Peers sind seit wenigen Jahren auch auf Kriseninterventionsstationen oder bei der Suchthilfe anzutreffen. Sie ergänzen das Profiwissen durch ihr Erfahrungswissen.

Menschen wie Jasmin Jossen sind Brückenbauer. Sie verbessern zuweilen die Verständigung zwischen den Patienten, ihren besorgten und verstörten Angehörigen und den Fachleuten.

Experten aus Erfahrung

Federführend bei der Weiterbildung zum Experten aus Erfahrung sind der Verein EX-IN Bern und die Stiftung Pro Mente Sana.

Sie arbeiten nach deutschem Vorbild. Dort hat man schon länger hoffnungserweckende Erfahrungen machen können.

Aber auch in der Schweiz sind Peers vielerorts nicht mehr vom klinischen Alltag wegzudenken. Beispielsweise auf der psychiatrischen Station des Bezirkspitals in Langenthal. Dort sind zwei Peers angestellt: Jasmin Jossen und ihre Kollegin.

Eine Frau läuft durch die Gänge einer Psychiatrie. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Peers sind befähigt nebst Psychiaterinnen, Psychologen und Pflegefachleuten in Psychiatriekliniken zu arbeiten. Keystone

Auf Augenhöhe

Beide sind jeden Dienstag auf der Station für die akut Erkrankten da. «Für mich war das Gespräch auf Augenhöhe mit der Genesungsbegleiterin ganz wichtig», sagt Marc.

Er war ein ganzes Jahr lang «weg vom Fenster». Gefangen in Angst und Panik. Nun geht es Marc viel besser: «Für mich war die Peer unverzichtbar.»

Wer hilft am besten?

Thomas Derungs arbeitet im selben Team wie Jasmin Jossen. Er ist pflegerischer Bereichsleiter auf der Psychiatrie im Spital Langenthal.

Der erfahrene Berufsmann nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die berufliche Integration von Peers in Profiteams geht: «Wir müssen uns auch anhören, dass wir da und dort unmöglich mit einem Patienten gesprochen haben.»

Er berichtet auch, dass die seelische Verletzlichkeit der Genesungsbegleiter immer mal wieder auch zu denken und zu handeln gibt. Ebenso mögliche Rivalitätsgefühle. Wer hilft am besten?

Krisen nutzbar machen

In Langenthal kommt all das auf den Tisch. «Das ist ebenso herausfordernd, wie gewinnbringend», sagt Derungs.

«Die Peers sind auch die Verkörperung von Hoffnung. Sie sind der lebende Beweis dafür, dass die schwersten seelischen Krisen überstanden werden können. Und nicht nur das: überstanden und nutzbar gemacht. Das hilft uns sehr in der täglichen Arbeit mit akuten Psychiatriepatienten.»

Sendung zu diesem Artikel