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Legende: Video Verzicht – das Lebensmodell der Gegenwart? abspielen. Laufzeit 07:00 Minuten.
Aus Kulturplatz vom 10.04.2019.
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Fasten im Trend Verzicht ist unsere neue Religion

Alle reden vom Fasten, viele tun es auch. Fasten liegt im Trend – nicht nur zur Fastenzeit. Der Philosoph Thomas Macho hat in seinem Essay zur «Aktualität des Verzichts» asketische Lebensformen untersucht. Das Fasten, sagt er, sei eine Form der Lebensbejahung: Überlegungen zum Leben in Zeiten des Überflusses.

Thomas Macho

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Thomas Macho ist ein österreichischer Philosoph und Kulturwissenschaftler. Seine Themen kreisen um Religion und Moderne, Tod und Totenkulte. Macho leitet das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien. Zuletzt erschien sein Essay «Das Leben nehmen: Suizid in der Moderne».

SRF: Fasten und Verzichten liegt im Trend. Warum?

Thomas Macho: Wenn man Bestseller-Listen studiert, findet man nicht nur wie schon seit vielen Jahren Ernährungskompasse und Kochbücher, sondern inzwischen auch Ratgeber für Intervall-Fasten, für Disziplinierung, für Verzicht.

Verzichten ist eine gesellschaftliche Haltung geworden, die weit über das Essen hinausreicht, wenn man zum Beispiel an die «Zero-Waste-Bewegung» denkt. Verzichten ist im Moment ein gesellschaftliches Thema.

Verzichten kann sich nur leisten, wer viel konsumiert und besitzt. Ist dieser Trend zum Verzicht ein Phänomen unserer reichen westlichen Welt?

Ja. Einerseits ist es ein Phänomen einer modernen Überflussgesellschaft. Andererseits hat es mit der Nachfolge von Religion in einem Zeitalter der Säkularisierung zu tun.

Verzichten und Fasten reagiert natürlich auch auf Überfluss und Überangebot.

Wir sind inzwischen alle mehr oder weniger bewusst Anhänger einer Gesundheitsreligion geworden, die schöne und gesunde Körper verspricht, Langlebigkeit, wenn wir eben bestimmte Regeln befolgen.

Ist der Trend zum Verzicht eine Art Ersatzreligion geworden?
Fasten war früher eine religiöse Praxis – eine Praxis der Reinigung. Heute ist es auch eine Praxis der Reinigung. Aber sie bezieht sich auf diese gesundheitsreligiösen Ideale.

Es gehört zu einem klugen, zu einem unserer Situation angemessenen Lifestyle dazu, verzichten zu können.

Das Verzichten und Fasten reagiert natürlich auch auf Überfluss und Überangebot. Wenn wir daran denken, was ein Supermarkt in den 1950er-Jahren angeboten hat, und was wir heute da an Angebot vorfinden! Das ist – allein schon bezogen auf unsere Lebenszeit – ein enormer Zuwachs, den man kaum mehr überblickt.

Ist Fasten und Verzichten mehr als nur ein Gesundheitstrend – in einer Welt voller sozialer und ökologischer Probleme?

Natürlich beeinflusst das unser Verzichtsverhalten. Hier ist ein Bewusstsein entstanden – und das wird kräftiger und stärker: So, wie wir jetzt leben, können wir eigentlich nicht weiterleben in den nächsten Generationen. Hier muss sich im Lebensstil etwas ändern.

Das findet Ausdruck darin, dass Fasten und Verzichten – so paradox das klingen mag – zu einer Art Lifestyle geworden ist. Es gehört zu einem klugen, zu einem unserer Situation angemessenen Lifestyle dazu, verzichten zu können.

Das Gespräch führte Eduard Erne.

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