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Faszination Oktopus In der Tiefe des Meeres auf der Höhe der Zeit

Im Wohnzimmer, in der Werbung: Warum stolpert man immer öfter über einen Oktopus? Annäherungen an ein wunderliches Wassertier.

Legende: Audio Oktopus abspielen. Laufzeit 02:28 Minuten.
02:28 min, aus 100 Sekunden Wissen vom 20.02.2019.

Schwer zu sagen, seit wann der Oktopus Schlagzeilen macht. Es begann vielleicht mit der Krake Paul, die bei der Fussball-Weltmeisterschaft 2010 die Ergebnisse der deutschen Nationalelf voraussagte. Fehlerfrei.

Sind Oktopusse allenfalls Aliens, fragte sich die Wissenschaft letztes Jahr, mitten im medialen Mainstream, Link öffnet in einem neuen Fenster. Ja, ernsthaft.

Ikea führt mittlerweile Kleiderbügel in Kraken-Form. Airbnb platzierte für eine Werbekampagne in den USA einen Oktopus in einem Wohnzimmer, Link öffnet in einem neuen Fenster. Diogenes hat den «Emil» neu auflegt, Tomi Ungerers Kinderbuch-Klassiker mit dem Tintenfisch in der Titelrolle.

Kein Wunder, fragt sich eine Redaktorin der «Republik»:

«Wunderbare Vermehrung»

«Es gibt eine wunderbare Oktopoden-Vermehrung in den Weltmeeren», sagt Matthias Wittmann. Und mit Seitenblick auf die vielbeklagte Datenkrake, die den Vorspann des vorletzten Bond-Spektakels «Spectre», Link öffnet in einem neuen Fenster dominierte: «Aber auch medial strecken die Kraken ihre Tentakel nach uns aus. Nicht zuletzt, weil sie die Verkörperung von Smartness schlechthin sind.»

Matthias Wittmann

Matthias Wittmann

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Medien- und Kulturwissenschafter. Forschungschwerpunkte: Mediale Mnemographien, Iranisches Kino, 3D & 360° und Oktopusforschung. Seine Dissertation zum Thema «MnemoCine. Zur Konstruktion des Gedächtnisses in der Erfahrung des Films» ershien 2017 bei Diaphanes. Derzeit schreibt er an einem Büchlein zur Medien- und Kulturgeschichte des Oktopusses.

Der österreichische Kulturwissenschaftler schreibt an einem Büchlein über die Oktopoden. Zu gern hätte er jetzt in der guten Studierstube den Prospekt der Frankfurter Buchmesse gefunden, auf dem sich ein Oktopus auf dem Sofa räkelt. Noch so ein Beweisstück.

Acht Arme. Drei Herzen. Ein Gehirn, das im ganzen Körper sitzt. So ein Oktopode ist keine Schönheit im klassischen Sinne, aber viel mehr als ein charmeloser Schleimhaufen. Zum Beispiel ein gefundenes Fressen für einen wie Wittmann.

Wassertiere auf Vasenbäuchen

Geschwinde Geschichtslektion des Gelehrten mit Warhol-Brille, der viel zu sehr Wiener ist, um seine Faszination für das Tier nicht scherzhaft auf eine früh-kindliche Prägung zurückzuführen. Eines seiner Kuscheltiere in Kindertagen war eine, ha, Plüschkrake.

Bereits in der Antike wurden Oktopoden auf Vasen gepinselt. In Pompei fand man die Wassertiere auf Wand-Mosaiken. Die ganze Romantik habe im Banne der bangen Frage gestanden, ob es den dämonischen Riesenkraken wirklich gebe, der den Menschen in die Tiefe hinabziehe.

Bild eines Schiffes, das von eienr Riesenkrake angegriffen wird.
Legende: Typisch 19. Jahrhundert: die Riesenangst vor der Riesenkrake. Getty Images / duncan1890

Die Anziehung des Anderen

Der Oktopus, so Wittmann, stehe für das ganz Andere, «aus dem plötzlich etwas hervorblitzt, das zu diesem ganz Anderen nicht so recht passen will.» Wache, obsessiv beobachtende Augen etwa. «Oktopoden sind permanente Störungen unserer Wissensvorstellungen.»

Und warum tauchen die Unterwasserwesen heute so fast überall auf? Liegt es nur daran, dass die Datenkrake zum Wappentier der digitalen Zeiten geworden sind, in denen wir leben?

Role Model der Robotik

Matthias Wittmann nickt und probiert noch einen Zugriff auf den Oktopus-Boom. Der Octopus, sagt er, sei das Role Model des perfekten Roboters.

Oktopusse seien Meister des Feedback-Managements, die sich als Einzelgänger mit kurzer Lebensspanne unaufhörlich neu ausformulierten. Anders gesagt: So tickten Roboter, die keinen Menschen mehr brauchen.

Der Oktopus – das Fabelwesen der Tech-Riesen im Silicon Valley, die in ihm die perfekte Mensch-Maschine von Morgen sehen? Eine Pre-Inkarnation von Smart Technology und Distributed Intelligence?

Oktopodologik

Der Kulturwissenschaftler giesst mal wieder Kaffee nach. Oktopodologisches Denken, sagt er, suche nie nur die eine Erklärung für ein Phänomen Es bleibt dauernd in Bewegung, nimmt stets aufs Neue Form an.

Genau wie der Oktopus, diese Gestalt der Gestaltlosigkeit.

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